22 Juni 2010 02:00
Charlotte ist fast 30, ein klein wenig zu dick und war im Schulsport immer die Letzte. Laufen? Nur, um den Bus nicht zu verpassen. Doch jetzt hat sie ein großes Ziel: Von Null auf 21,1 Kilometer in vier Monaten. Auf Achim-Achilles.de schreibt sie, wie sie das schaffen will.
Mir schwant schon beim samstäglichen Besuch des Großvaters Böses. Wenn der 57 Jahre ältere Herr beim Spaziergang durch die Stadt schneller ist als ich, kann mit mir irgendetwas nicht stimmen. Auch mein Appetit ist eher mäßig. Großvater liegt mir in den Ohren: „Du isst ja nichts!“. Komisch, dass ich trotzdem gefühlte 30 mal am Tag aufs stille Örtchen muss, vom langen Dialog mit der Kloschüssel mitten in der Nacht ganz zu schweigen. Von nichts kommt doch auch sonst nichts. Der Verdauungstrakt, eines der letzten Rätsel der Menschheit.
Der Arztbesuch am Montag bestätigt mir dann das Schlimmste. Ja, ich bin krank. Mit allem drum und dran: Antibiotikum, offizieller Krankschreibung, Nachfolgeuntersuchungen. „Und wann kann ich wieder Sport machen?“, frage ich den Arzt. Verständnisloses Glotzen. Vermutlich hat der Weißkittel erwartet, dass mich dringlichere Fragen quälen. „Wenn Sie wieder gesund sind“, antwortet er. „Und wann bin ich wieder gesund?“, frage ich. „Kommen Sie am Donnerstag wieder, dann sehen wir weiter.“
Ich will aber nicht weitersehen, sondern weiterlaufen. Ich muss einen Trainingsplan einhalten. In knapp zwei Monaten ist mein erster Halbmarathon. Die Pufferwoche für Krankheiten habe ich schon für eine Erkältung Anfang Januar verpulvert. Durch eine zu lange Pause wird meine ganze Planung gefährdet.
Ich denke an all die Kassandras in meinem Umfeld, die mir von Anfang an prophezeiten, dass ein Halbmarathon im April für mich zu früh kommt. Ich sehe ihre mitleidigen Blicke, wenn ich scheitere. Da helfen auch keine Antworten wie: „Ich war aber zwischendurch zwei Wochen krank, sonst hätte ich es geschafft!“ Es zählen keine Ausreden, es gibt nur Ja oder Nein, Schwarz oder Weiß, Ankommen oder Aufgeben. Da muss ich jetzt durch.
Wenigstens die Krankschreibung hat sich bald erledigt und ich darf wieder zur Arbeit und in die Uni. Auf dem Weg dorthin werde ich übermütig und wage einen kurzen Sprint von der S-Bahn zum Institut. Nach einer halben Minute rasselt der Atem und ich muss mich an einer Hauswand festhalten. Au weia, der Arzt hatte mit seinem Sportverbot doch Recht. Jetzt ist bestimmt die mühsam antrainierte Kondition wieder futsch und ich muss wieder von vorn beginnen. Und das paar Wochen vor dem Start! Keuchend schleppe ich mich in den Hörsaal. Das mit dem Halbmarathon erzähle ich erstmal keinem mehr. Vielleicht vergessen es ja alle wieder.
Bis nächste Woche, Charlotte

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