22 Juni 2010 02:00
Im Becken brodelt das Testosteron: Achim-Achilles-Läufer Knut Knorpel schreibt, warum Schwimmen niemals eine Alternative zum Laufen sein kann.
Es mag ja sein, dass Schwimmen bei Gelenk- und Knorpelproblemen hilft und als sinnvolle Alternative für vorgeschädigte Läufer gilt. Die mentalen Schäden, die man beim häufigen Besuch öffentlicher Schwimmbäder davon trägt, sind jedoch gravierender als jedes Gelenk-Wehweh.
Das fängt schon beim Gang zum Becken an. Wer meint, die Zuneigung der bereits im Bad Befindlichen durch freundliches Kopfnicken und Grüßen zu gewinnen und sich dadurch eine freie Bahn schaffen zu können, wird bitter enttäuscht. Denn nun paddeln allesamt fröhlich auf den neuen Mitschwimmer zu, und der bekommt nicht mal zehn Meter freie Schwimmstrecke. Noch schlimmer: Wenn du das nächste Mal zur selben Zeit zum Becken schlurfst, erwarten alle, dass du wieder grüßt. Das kostet dich im Extremfall nicht nur fünf Minuten deiner kostbaren Schwimmzeit. Du wirst, falls du aufs Grüßen verzichtest, sofort als unfreundlicher Ignorant abgestempelt und geschnitten. Was dir noch weniger Platz bringt. Darum merke: Wer nickt, verliert.
Der Ältere hat immer Recht
Zweites Problem: allgemeine Disziplinlosigkeit beim Kurshalten. Derjenige, der die geraden, schwarzen Linien auf den Beckenboden gemalt hat, war wohl noch nie selbst im Wasser. Denn dann wüsste er, dass 93 Prozent aller Schwimmerinnen und Schwimmer – besonders graumelierte und beige bebadekappte – niemals in gerader Linie von A nach B, sondern immer kreuz und quer und hin und her treiben und dabei imaginäre Abkürzungen nehmen. Das führt dazu, dass Sportschwimmer mit Grundlinie im Blick ständig mit mäandrierenden Genussschwimmern kollidieren. Was Letztere meist mit lautstarkem Gemecker, wenn nicht gar handgreiflichen Aktionen beantworten. Und spätestens bei der folgenden Schlichtung durch den Bademeister wirst du erkennen, wer im Zweifelsfall Recht hat: immer der ältere Dauerbadegast.
Kraule um Dein Leben
Drittes Hindernis: Explodierende Leistungsheinis. Irrlichternde Langsamschwimmer sind schon nervig. Richtig schlimm ist das andere Extrem – mit dunkelbraunem (!) Schwimmglas bebrillte Hobbyleistungsschwimmer, die sich eine eigene Bahn erkämpft haben und diese mit Klauen, Zähnen und Tritten verteidigen. Schon von weitem sieht man den Bereich, in dem die Gischt spritzt, als würden hunderte Piranhas gerade ein Flusspferd zerfleischen: Das Testosteron scheint im Becken zu brodeln. Wer sich in dieses Rudel begibt, krault entweder nur noch um sein Leben. Oder wird gnadenlos und mit kaltem Schwimmerblick niedergemäht.
Für dieses allgemeine Schwimm-Dilemma gibt es nur zwei grundlegende Lösungen: Entweder tritt man einem Schwimmverein bei, muss dabei aber grottenlangweilige Jahreshauptversammlungen, bierselige Grillabende, kumpelhafte Kameradschaftstreffen und zweifelhafte Ehrenämter wie Beisitzer oder Schriftführer in Kauf nehmen. Oder man spielt Lotto und kauft sich eine Finca, wie sie Boris Becker einst besaß: Ein Haus mit privatem 50-Meter-Schwimmbecken, das nur aus einer einzigen Bahn besteht. In diesem Fall würde ich sogar imaginär grüßen, wenn ich ins Wasser stiege.
Schont das Klima! Esst Insekten!

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