23 Juni 2010 02:00
Der Schweinehund – er ist der moralische Dauerfeind des Läufers. Achilles-Leser Steffen focht einen erbitterten Kampf gegen ihn aus – und Achim stand ihm im Geiste beiseite. Ein Frontbericht.
Gestern kam ich sehr spät aus dem Büro. Die Läden hatten geschlossen, es war kalt, regnete wie aus Kübeln und – es war mein Lauftag.
Meine Motivation tendierte gegen Null. Eigentlich war sie schon gar nicht mehr vorhanden. Und trotzdem sollte ich jetzt laufen, allein wegen den neuen Funktionsklamotten. Denn die müssten mich gegen körperliche Überanstrengung und schlechtem Wetter schützen. Zumindest dachte ich das.
Und was machte mein Schweinehund? Der blieb stur neben mir auf der Couch vor der Glotze und schaute mir mit seinen treudoofen Augen beim Umziehen zu.
"Du willst doch jetzt nicht wirklich laufen?" knurrte er vom Sofa. "Bei diesem Sauwetter ... Nee! Außerdem hast du doch gar nicht die richtigen Klamotten dafür. Mit dieser lächerlichen Regenjacke kommst du keine zehn Meter weit, ohne völlig nass zu werden. Und vor allem: Du willst es doch gar nicht!"
Ich fing an zu grübeln. Eigentlich hatte er ja recht: Meine Jacke war eine knallrote, dünne Funktions-Wanderjacke mit wenig Membranen und vor allem hatte sie keine Reflektionsstreifen. Wahrscheinlich würde das Regenwasser meine Laufschuhe zerstören. Die haben ja auch schon 400 Kilometer runter und ich habe keine Laufsocken. Außerdem weiß ich nicht, ob meine Pulsuhr zum Schwimmen geeignet ist.
Das Telefon klingelte. Eine Freundin war am Apparat. Ein kurzes "Blabla" – und wieder war es ein wenig dunkler draußen und auch der Regen wurde nicht weniger. Was nun? Schweinehund hatte sich mittlerweile eine Packung Chips und ein Bier geholt und blinzelte mir verwegen zu. "Komm, bleib doch! – Wir machen es uns vor der Glotze so richtig gemütlich."
Kurz bevor ich mich wie ein nasser Sack auf die Couch fallen ließ,
kamen mir Achims hämische Zitate in den Sinn. Du Achim, der Du Dich als König der Ausreden bezeichnest, warst meine Rettung vor dem Kalorientod auf dem Sofa. Der Erlöser der Faulen und Übergewichtigen, der Messias der verhinderten Marathonläufer.
Ich schnappte mir den Schweinehund, zwängte ihn in meine zweite Laufgarnitur, schnallte mir die Strinlampe vom Discounter an die Rübe, schwang mich todesmutig in meine läppische rote Funktions-Jacke, knebelte den Schweinehund mit dem Würgehalsband, nahm den Hausschlüssel und wackelte in froher Erwartung in die regnerische Nacht. Zum besseren Verständnis für alle Stadtbewohner: Ich lebe in einer Kleinstadt in der württembergischen Provinz. Beleuchtete Feldwege sind bei uns rar.
Ich lief durch Wald und Flur, der Schweinehund war kurz vorm Kotzen – die Chips stießen ihm übel auf. Zum Glück sah ich nicht, was der Unhold an den Feldwegrand platzierte.
Nach der Laufrunde hatte ich keine einzige trockene Stelle mehr am Körper, war aber überglücklich, dass ich mich an die fiesen Sprüche von Achim erinnert hatte und doch noch gelaufen war. Am nächsten Morgen hatte ich ein wenig Schnupfen, aber was tut man nicht alles um seinen Schweinehund mal so richtig durch die Nacht zu treiben.
Mit freundlichem Läufergruß,
Steffen, der Schweinehund-Treiber
PS: Meine bisherige Bestzeit habe ich auf der Hausstrecke verbessert – Danke Achim!

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