22 Juni 2010 02:00
Endlich einen Triathlon geschafft! Achim-Achilles-Leser Knut Knorpel meldet sich begeistert gleich für den nächsten Wettkampf an. Doch dann macht er den großen Fehler: Er kauft sich ein neues Rad. Eine Geschichte, die schlaucht.
Meinen ersten Triathlon absolvierte ich mit Mitte 40 auf meinem dunkelblauen Tourenrad mit Brezellenker. In all der Aufregung bekam ich gar nicht mit, dass sich mein fahrbarer Untersatz deutlich von den Renn-Geschossen meiner Mitstreiter unterschied. War letztendlich auch egal: Hauptsache ankommen.
Beseelt von der Triathlon-Erfahrung, meldete ich mich spontan für den nächsten Wettbewerb an. Wieder ein Kurztriathlon (also 1 Kilometer schwimmen, 40 Kilometer radeln und 10 Kilometer laufen), wieder im Hochsommer und wieder auf meinem Stahlrad mit den sieben Gängen.
Leichtsinnigerweise erzählte ich von meinem Vorhaben einem Kollegen, den ich sportlich bislang überhaupt nicht auf der Rechnung hatte. Der – ein heimlicher, weil körperlich unscheinbarer Hobby-Triathlet – fragte mich freundlich nach meinen sportlichen Zielen und nach meiner Ausrüstung. Konnte ich ihm bei meinen Ambitionen („Jeder Finisher ist ein Sieger!“) noch ein zustimmendes Kopfnicken entlocken, klappte ihm bei der Erwähnung meines Fahrrades fast der Unterkiefer in die Zwischenmahlzeit. „Du willst mit einem Tourenrad starten? Mit Stahlrahmen und 15 Kilo Gewicht? Und nur sieben Gängen?“, fragte er fassungslos. Und nicht etwa, dass ihm mein Sportgerät zu schwer, zu langsam oder zu farbenfroh erschien. Weit gefehlt: „Das ist doch voll peinlich, mit einer solchen Gurke an den Start zu gehen! Du brauchst unbedingt ein Rennrad!“
Schön gesagt, nur: Dieser heiße Tipp ereilte mich an einem Freitag – genau zwei Tage vor meinem Wettkampf. Zugleich wurde mir schlagartig klar: Als Sportler darfst du langsamer, unbeweglicher oder auch dicker als die Mit-Wettkämpfer sein. Nur eines niemals: peinlich. Dies um so mehr, denn als Mittvierziger im Startfeld der überambitionierten Jung-Triathleten fällt man ohnehin auf und fühlt sich automatisch wie in der Altersklasse M70.
Ein Rennrad musste also her. Irgendeines. Egal in welcher Farbe und mit welcher Ausstattung – nur sollte es als Übergangsrad bezahlbar und natürlich sofort verfügbar sein. Der Fahrradhändler meines Vertrauens hatte keine gebrauchten Rennräder auf Lager, und die billigsten Neuräder begannen bei 500 Euro – deutlich zu viel für einen einzigen Wettkampf. Als ein Mensch, der gerne Gutes tut, fiel mir als nächstes der Sozialdienst katholischer Frauen ein, der in meiner Heimatstadt eine soziale Fahrradstation betreibt.
Es war Freitagnachmittag, die Fahrradstation hatte gerade noch offen – und da stand es und versuchte, in der späten Sommersonne zu glitzern: Mein gebrauchtes Rennrad einer Marke, von der ich noch niemals etwas gehört, geschweige denn gelesen hatte. Schlappe 90 Euro sollte das Teil kosten – inklusive platter Vorder- und Hinterreifen, eines angekratzten Rahmens und einer Sitzposition, die ich nur aus mittelalterlichen Abbildungen zur Inquisition kannte.
Mangels Alternativen und angesichts der fortgeschrittenen Tageszeit kaufte ich den Renner. Vor meinem geistigen Auge erntete ich bereits die bewundernden Blicke der Konkurrenten und sah mich die 40 Kilometer in neuer persönlicher Bestzeit flitzen. Die Ernüchterung folgte wenig später: Die Ventile an meinem neuen, alten Rennrad passten überhaupt nicht zu den verschiedenen Luftpumpen, die in meiner Garage herumlagen. Zum Glück hatte mein Nachbar ein Einsehen und die richtige Pumpe für die – wie ich lernte – französischen Ventile. Doch alles Gepumpe brachte mich nicht weiter, sondern rasch an den Rand der Verzweiflung: Beide Reifen verloren hinten schneller Luft, als man vorne nachpumpen konnte.
Zwei dauerplatte Reifen auf einmal, was für ein Glückskauf. Doch noch hatte ich knapp 36 Stunden Zeit bis zum Start, und schon morgen früh würde mein Fahrradhändler öffnen und mir ein wohlfeiles Angebot neuer Schläuche und Reifen darbieten. Nach einer unruhigen Nacht, in der ich von schwierigsten Berg-Etappen auf dem Klapprad und Dopingtests auf der Damentoilette träumte, stand ich pünktlich um 8:30 Uhr beim Händler und kaufte zwei Schläuche sowie zwei Mäntel in der Größe 28. Flugs aufgezogen – und schon hätte meine Probefahrt starten können. Doch so schnell ging's natürlich nicht.
Bereits beim Abziehen der alten Reifen wunderte ich mich, wie sehr die auf der Felge hingen, um nicht zu sagen: klebten. Als hätte einer mit Sofortkleber die Reifen fixiert. Und dann bestand der Reifen nicht aus zwei Teilen (Schlauch und Mantel), sondern nur aus einem. So lernte ich die Schlauchreifen kennen – was ich in diesem Augenblick aber weder ahnte noch wusste. Schlauch ist Schlauch, Reifen ist Reifen – für mich war die Fahrradwelt simpel gestrickt. Und irgendwann hatte ich diese blöden Klebedinger auch runter.
Mit dem festen Vorsatz, einen neuen Rekord im Reifenaufziehen aufzustellen, fummelte ich am Vorderrad mit Schlauch und Mantel herum. Der Schlauch hielt noch irgendwie auf der Felge. Nur der blöde Mantel ließ sich ums Verplatzen nicht fixieren, rutschte ständig über den Felgenrand.
Von Haus aus bin ich ein beharrlicher Mensch, und so hantierte ich mehrere Stunden an Vorder- und Hinterrad herum. Tagtäglich wurden auf diesem Planeten wahrscheinlich hunderte Millionen Fahrradreifen gewechselt, und da sollte es mir doch wohl möglich sein, zwei popelige Mäntel aufzuziehen. War es aber nicht. Kein Wettkampf kann jene Adrenalin- und Stressschübe provozieren, die nach sinnlosem Hantieren meinen Körper durchströmten. Mehr als einmal flogen Vorder- oder Hinterrad wutgesteuert durch den Garten, Schläuche und Mäntel gleich hinterher. Es war zum Verzweifeln. Ich konnte doch beim besten Willen nicht auf blanker Felge fahren. Mittlerweile war denn auch mein Fahrradhändler ins wohl verdiente Wochenende gegangen, so dass ich den Traum vom Rennrad im Eigenbau fürs Erste begraben musste.
Sonntags bin ich dann doch noch mal mit meinem Tourenrad an den Start gegangen. Um von dem schlichten Drahtesel mit dem peinlichen Lenker abzulenken, trug ich an diesem Tag meine am schlimmsten gemusterte Achtzigerjahre-Sportbekleidung. Dies wiederum führte dazu, dass ich während des Wettkampfs nur eines wollte – möglichst schnell ins Ziel kommen. Was mir mit neuer persönlicher Bestzeit gelang. Insofern hatte sich der Kauf des maroden Rennrades doch noch ausgezahlt.
Bockspringen am Checkpoint Charlie
Trainingszeit für 125.000 Euro

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