23 Juni 2010 02:00
Achilles-Läufer Andy rannte mal den Marathon in 3:24 Stunden. Damals hat er es sogar geschafft, ordentlich abzuspecken. Heute aber ist Gewicht zulegen seine bevorzugte Disziplin – und Marathon laufen will er irgendwie auch nicht.
Ach Achim,
was ich jetzt brauche, ist ein bisschen Psychodoping oder zehn Kilo weniger auf den Rippen. Das war eigentlich auch mein Ziel, als ich an meinem 31. Geburtstag beschlossen habe, dass ich wieder einen Marathon laufe.
Der Marathon ist leider schon nächsten Sonntag und je näher dieser Tag rückt, umso mulmiger wird mir. Eigentlich kenne ich das gar nicht von mir. Ich bin doch schließlich ein alter Hase im Ausdauergeschäft. Meinen ersten Marathon lief ich 1998 in Berlin. Es war unglaublich hart, ich war schlecht vorbereitet, nach 4:27 Stunden war ich im Ziel.
Meine Halbmarathonbestzeit, bei 94 Kilo Kampfgewicht, lag damals bei 1:46 Stunden. Die Kilos habe ich wieder drauf, dafür aber auch wesentlich mehr Kilometer in den Beinen. 2009 waren es über 1500 Kilometer zu Fuß, dazu kamen noch 500 Kilometer auf dem Rad hinzu. Nur mit dem Abnehmen will es nicht so richtig klappen. Früher war ich ein Weltmeister in dieser Disziplin. Heute ist Gewicht zulegen mein Steckenpferd.
2003, als Pseudo-Student, habe ich mich mal auf 78 Kilo runter trainiert. Bei 100 Laufkilometer in einer Woche habe ich den Halbamarathon in 1:28 geschafft – und den Marathon in 3:24 Stunden. "Aber da wäre mehr gegangen", rede ich mir heute noch ein. Na ja, egal. Gibt ja auch wichtigeres im Leben, sagt meine Frau. Hauptsache, du bist gesund, predigt sie immer. Liegt aber wohl daran, dass sie mit mir schon üble Zeiten durchgemacht hat.
2005: Hodenkrebs mit Chemo und dem ganzen Rotz. Aber das ist auch schon wieder ewig her. Da hab ich echt Glück und einen verdammt guten Arzt gehabt. Der findet es zwar nicht so prima, dass ich wieder Marathon laufe, aber nicht wegen der Chemo, sondern wegen meiner Knie. "Du hast einfach keine Läuferfigur", sagt der Doc und erinnert mich an mein Patellasehnenspitzensyndrom. Zum Glück ist das aber seit 2008 nicht mehr aufgetaucht. Das liegt wohl auch daran, dass ich nur noch rund 50 Kilometer pro Woche laufe – höchstens. Er rät mir, ich soll lieber schwimmen und das Laufen meiner Frau überlassen. Sie hätte die richtige Figur dafür. Ich weiß aber, dass sie nicht den nötigen Willen dazu hat. Sie ist zwar einmal einen Halbmarathon gelaufen, seitdem aber nie wieder an einer Startlinie gestanden. "Ich mag den Druck nicht", sagt sie.
Druck. Da ist dieses böse Wort, das mir durch den Kopf geht. Ich habe Druck. Ich muss eine Zeit unter vier Stunden laufen, sonst fühle ich mich wie ein Dödel.
Vor drei Wochen bin ich einen Halbmarathon mit angezogener Handbremse (Durchschnittspuls 164) gelaufen und nach 1:43 Stunden locker ins Ziel. Seitdem hab ich aber diese Probleme. Der Rücken schmerzt. Entweder war es das Volleyballtraining oder das Tennis. Vom Laufen kann es jedenfalls nicht kommen. Seitdem pausiere ich. Und mit jedem Tag wächst mein schlechtes Gewissen. Das kann doch gar nicht gut gehen, denke ich mir. Steffny, Baumann, Greif, Haile, Tergat und alle anderen Laufgurus predigen doch alle: "Auf den Plan kommt es an. Ohne die langen Läufe geht es nicht."
Jetzt sitze ich hier, paar Tage vor dem Marathon und schreibe Dir, weil ich weiß, dass du mich verstehst. Ein Läufer, der am liebsten am Sonntag nicht starten würde, sich dann aber nie mehr auf der Straße, bei Freunden und Kollegen sehen lassen könnte. Die würden vieles glauben, aber nicht, dass ich das nicht durchgezogen hätte.
Der Start ist am Sonntag um 9 Uhr. Um spätestens 13 Uhr muss ich im Ziel sein, denn um halb vier hab ich die Gäste zum Geburtstagskuchen eingeladen. Dann feiern wir. Eines habe ich seit acht Wochen nicht mehr gehabt: Ein schönes, kaltes, vorzügliches, süffiges Bier.
Dein
Andy
Mit Achim auf Schweinehundjagd

|
Läuferberichte |
|
Läuferberichte |
|
Läuferberichte |
|
Läuferberichte |
|
Läuferberichte |
Hinweis: Diese Website verwendet Facebook-Plugins – sind Sie bei Facebook eingeloggt, werden Daten an Facebook übertragen. Mehr Infos dazu gibt es hier.