23 Juni 2010 02:00
Wer läuft, darf nicht empfindlich sein: Achilles-Leser Knut Knorpel schreibt von Schmutzfinken und Langfingern – und warum beim Laufen auch der Griff zum Deodorant zum guten Ton gehört.
Nach dem Lauf ist vor dem Lauf: Das gilt besonders für die Schweißdrüsen mancher Laufkundschaft. Denn wo andere erst im Ziel zu heftiger Transpiration und entsprechenden Duftschwaden neigen, sind andere schon beim Start völlig durchgeweicht und am Ende ihrer Deo-Herrlichkeit – so sie denn überhaupt eines benutzt haben. Das transpirative Versagen schafft zwar auch im dichtesten Starterfeld viele Freiräume – denn wer möchte schon neben einer wandelnden Stinkbombe stehen und mehr mit der aufsteigenden Ohmacht als der Pulsuhr kämpfen? Andererseits macht die drucksende Drüse einsam und unterläuft damit den Sinn eines gemeinschaftlichen Volkslaufes.
Der Gestank beim Start hat viele Gründe: Mancher läuft sich aus Furcht vor einer schlechten Endzeit so ausdauernd warm, dass sich zum Lauf- auch der Angstschweiß gesellt. Diese brisante Mischung garantiert zwar keine guten Zeiten, wohl aber Höchstwerte auf der nach oben offenen Ranzigkeits-Skala.
Die zweite Gruppe der Start-Stinker stellen die spirituell verwirrten Läufer. Sie wittern nur dann eine Chance im Rennen, wenn sie in genau demselben Hemd laufen, mit dem sie auch die letzten vier Halbmarathons und drei Volksläufe erfolgreich abgeschlossen haben. Natürlich ohne jemals zwischendurch das Hemd gewaschen zu haben. Ihre Befürchtung: Das Waschmittel spült nicht nur den Schweiß, sondern auch das Erfolgsgeheimnis der Leibwäsche weg. Diesen Menschen sei statt des Waldlaufes der Gang zum Seelenklempner empfohlen (aber bitte ohne das Wunderhemd).
Zur dritten und im Grunde beneidenswerten Gruppe der Sport-Müffler gehören die nasal beeinträchtigen Dauerläufer. Sie besitzen die wunderbare Eigenschaft, dass sie niemals ihren eigenen Schweiß wahrnehmen. Will heißen: Weder überdeutliche Hinweise der Mit-Läufer auf optische Art (massenhaftes, naserümpfendes Wegdrehen in der Startzone) noch auf akustische Weise (lautstarkes, schweißgeruchbedingtes Übergeben ins nächste Gebüsch) verbinden sie mit ihren eigenen Ausdünstungen. Im Gegenteil: Das sind genau die Läufer, die vor dem Start noch fröhlich in der Menge herumwinken – und dabei weitere unangenehme Duftfontänen unter ihren Achselhöhlen freisetzen.
Doch ob Start-Stinker oder Ziel-Müffler: Unter der anschließenden Dusche sind alle Läufer gleich. Wobei sich die sanitären Anlagen je nach Wettbewerb und Ort dramatisch unterscheiden. Bietet die mancherorts zu findende mobile Duschkabine neben defekten Abflüssen und rostenden Bodenteilen meist auch nur lauwarmes bis eiskaltes Wasser, so überzeugen die Umkleidekabinen von Schulturnhallen vor allem durch drangvolle Enge, nicht zu öffnende Fenster und abgeschraubte Kleiderhaken. Hier wird die Kleidung munter auf dem Boden verteilt und entsprechend festgetreten. Kein Wunder, dass angesichts solcher Zustände viele Läufer zu Trockenduschern mutieren und sich nur die Salzkristalle von Armen und Beinen abklopfen.
Viel schlimmer als Schmutzfinken am Start sind jedoch die Langfinger im Duschbereich. Es gab bereits diverse Fälle, in denen duschenden Läufern in der Umkleide der Chip vom Schuh gestohlen wurde (in manchen Fällen auch gleich der Schuh dazu). Der gestohlene Chip wurde dann beim Veranstalter als vermeintlicher Leih-Chip zurückgegeben und die entsprechende Gebühr kassiert. Manch dunkle Gestalt machte auf diese Weise pro Wettbewerb mehrere Dutzend Euro Gewinn.
Wird eine solche diebische Elster erwischt, sollte sie zur Strafe beim nächsten Halbmarathon mittendrin in der Startgruppe stehen – ohne Warmlaufen, ohne Chip, dafür aber im hautengen, schweißgetränkten Leih-Hemd eines knoblauchliebenden Marathonis, der für solche Fälle gerne auch seine alten, schweißfeuchten Laufschuhe sowie das ranzige Stirnband zur Verfügung stellt. Als Mit-Läufer greift man ja anderen gerne unter die (feuchten) Arme …

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