Achim Achilles empfiehlt:Keine Ausreden: Die besten Tipps, Tricks und Regeln für den sicheren Winterlauf. |
23 Juni 2010 02:00
Der New-York-Marathon ist das wohl spektakulärste Stadtrennen der Welt. Achilles-Leser Max Jahn, der sich selbst als "Amateur-Laufungeheuer" bezeichnet, war 2009 zum ersten Mal dabei.
Sonntag, 1. November, kurz nach 6 Uhr. Vorbei an unausgeschlafenen Vampiren und müden Monstern, die die Halloween-Nacht ausspuckt, mache ich mich auf, mir einen Lebenstraum zu erfüllen: einmal den New-York-City-Marathon bestreiten. Als Wiener Wahl-New-Yorker und geprüfter Marathonläufer habe ich eine Ahnung von dem, was mich erwartet: Freud und Leid wie bei jedem Rennen, Selbstüberwindung und eine satte Portion Schmerz, die die 42,2 Kilomter mit sich bringen – gepaart mit der einzigartigen Euphorie und positiven “You can do it!”-Energie, die den Big Apple und seine Einwohner auszeichnet.
Im Vorjahr hatte ich als Zuschauer bei der Queensborough Bridge, wo die Laeufer aus Queens nach Manhattan gelangen, mit blutendem Läuferherzen und seeliger Verwunderung beobachtet, wie sich Läufer und Zuschauer gegenseitig rege feiern und anfeuern. Den Sportlern aus aller Welt ist anzumerken, dass hier in New York nur das Siegen zählt und dass all jene, die die Ziellinie überqueren, im Geiste Frank Sinatras davon überzeugt sind, dass ihnen die Welt zu Füßen liegt – “If you can make it there you can make it anywhere!”.
Nach vier Monaten Training, das ich neben meinem Studium in Boston meistens entlang des Charles River betrieben hatte, war für mich die Stunde der Wahrheit gekommen. Mein erklärtes Ziel war, meine alte Bestzeit vom Boston Marathon zu unterbieten. Die Strecke in New York durch die fünf Stadtteile (Staten Island, Brooklyn, Queens, Manhattan und Bronx) und über fünf Brücken gilt als etwas schneller als der Kurs in Boston mit dem berüchtigten Heartbreak Hill. Dennoch – sollte mein Abenteuer tatsächlich von Erfolg gesegnet sein?
Die vergangenen Wochen waren von kurzen Nächten, einem rigorosen Stundenplan und zahlreichen Prüfungen, 4,50-Dollar-Lunches beim Chinesen an der Ecke und abnehmender Trainingsleidenschaft geprägt. Doch jetzt war nicht die Zeit für Zweifel, New York lädt ein, nach den Sternen zu greifen, sich seiner Stärken zu besinnen und voller Selbstvertrauen Bäume auszureißen – also neue Rekorde zu setzen.
Im Startblock der Welle 1, umgeben von drahtigen Italienern, sich bekreuzigenden Mexikanern, Tigerbalsam schmierenden Deutschen und martialischen Amerikanern, setzt eine Vorfreude ein, die alle Bedenken zerstreut. Hier bin ich, ein passionierter Hobbyläufer aus Wien, inmitten von Laufenthusiasten aus aller Welt, die wie ich schon lange davon geträumt haben, einmal in New York dabei zu sein. Unmittelbar vor dem Start, auf der Verrazano Bridge, erklingt die amerikanische Hymne. Ich verspüre Dankbarkeit gegenüber den New York Road Runners, dem Laufclub, der den Marathon organisiert, dem Bürgermeister Bloomberg, der uns noch rasch alles Gute wünscht und den Amerikanern insgesamt, die dazu beitragen, dass dieser Lauf zum Spektakel wird.
Dann ertönt ein Knall und alles Träumen weicht der Erkenntnis, dass nun Muskelkraft und Leidensfähigkeit gefragt sind. Der Start verläuft unruhig, alles prischt gegen den Wind emsig voran. Doch wo gehöre ich hin? Soll ich abwarten oder angreifen? Schließlich hänge ich mich an eine kleine Laufgemeinschaft, die mich in geordnetere Verhältnisse führen soll. In Brooklyn, jenseits der Brücke, habe ich schließllich meinen Rhythmus gefunden und gehe in mich, um auf die kleinsten Signale zu achten, die mir mein Körper und meine Beine senden.
Die Leute am Straßenrand sind aus dem Häuschen. Eine Band folgt der nächsten, der Lämpegel ist gewaltig. Ich komme gut voran, will mich aber zu läuferischer Mäßigung besinnen. Doch statt das Rennen konservativ und konstant anzugehen, lasse ich mich ein ums andere Mal von der einzigartigen Stimmung mitreißen und hänge mich immer schnelleren Gruppen an.
Es ist ein perfekter Herbsttag – zumindest aus meiner Sicht. 14 Grad und bedeckter Himmel erlauben mir, nicht jede Getränkemöglichkeit wahrnehmen zu müssen. Ich labe mich alle drei, vier Kilometer an einem Schluck Powerade, das ich im Laufen aber größtenteils verschütte. Ein Teil landet im Rachen, der Rest auf meiner Brust, doch der kleine Feuchtigkeits- und Kälteschock treibt mich an und hält mich hungrig. Nach einer Stunde fühle ich mich sehr gut. Ich spüre noch Kraftreserven, atme gleichmäßig und ruhig und bin nach wie vor auf der Überholspur. In der Vergangenheit, beim Frankfurt-Marathon vor einem Jahr etwa, war mir schon nach einer Stunde klar, dass der Lauf kein gutes Ende nehmen würde. Doch heute bleibe ich frohen Mutes. Die Strecke ist nun abwechslungsreicher, kurze, enge Straßen lösen einen langen Boulevard ab.
Meine Halbmarathonzeit: 1:18 Stunden. Na, da hab ich mir ja was vorgenommen, denke ich, das kann böse enden. Doch erstmal treffe ich am Streckenrand einen Freund, der mich ein Stück begleitet. Zu meiner Überraschung hat er seine Kamera mitgebracht. Mit stolzer Brust drücke ich nochmal aufs Gas und renne entschlossen voran in Richtung Queens.
In Queens werde ich nachdenklich. Mehr als die Hälfte liegt nun hinter mir, doch das eigentliche Rennen, Marathonläufer wissen das zu gut, beginnt erst zwischen Kilometer 30 und 35. Laufe ich noch so rund wie zuvor, zwickt etwas? Abgesehen von einem mulmigen Gefühl im Bauch, kann ich keine Schwierigkeiten erkennen. Schon sehe ich die nahende Queensborough Bridge, die mich nach Manhattan bringt. Die Brücke führt steil herauf. Ich fühle die Einsamkeit des Langstreckenlaeufers, spüre den Wind. Die Muskeln sind gereizt. Keine Zuschauer auf der für die Läufer gesperrten Brücke. Es ist die Ruhe vor dem Sturm.
Am anderen Ende der Brücke wartet Manhattan, und plötzlich tauche ich aus der Einsamkeit hinab in ein wildes Treiben, das mich an den Karneval erinnert. Bin ich falsch abgebogen und in Rio gelandet? Mitnichten, Baby! This is the heart of New York City – Manhattan. Fahnen und Kreischen, Jubel und Musik, ein Gewirr aus Sprachen und Stimmen. Wenige Straßen vom UNO-Hauptquartier entfernt, merke ich, dass New York der Schmelztigel der Nationen ist. Diese Erkenntnis und die Freude über die friedliche Vielfalt und Begeisterung für das Laufen füllt mein Herz und gibt mir neue Kraft.
Da ich direkt bei der Brücke wohne, kenne ich diesen Streckenabschnitt gut und kann nun auch gut einschätzen, was mich noch erwartet.
Einen Schritt nach dem anderen, schiebe ich mich die 1st Avenue entlang in Richtung Norden. Ich laufe nun weitgehend mein eigenes Rennen, in dem ich mich an niemandem sonst orientiere. Ein wenig langsamer als zuvor, visualisiere ich nun, vielleicht voreilig, den letzten Abschnitt im Central Park. Doch noch ist es nicht so weit. An der 138. Straße verlassen wir Manhattan und tauchen kurz ab in die Bronx. Wer Bronx hört, denkt manchmal an Gangs und Gewalt, heruntergekommene Nachbarschaften und Armut. Ich bemerke vor allem lebenslustige Zuschauer, die freundlich wie eifrig anfeuern und in dieser entscheidenden Phase des Rennens ihren Beistand zeigen. Bei diesen Begrüßungen stimmt es wohl: Aufgeben ist keine Option!
Über die 5th Avenue kehren wir nach Manhattan zurück. Nun geht es schon dem Park entgegen – noch 40 Straßen, 30, 20, 10… bald ist es geschafft. Die 110. Straße fliegt an mir vorüber, Harlem ist überwunden, nun laufe ich inmitten eines bunten Menschenmeers, rechts liegt der Central Park, links die edlen Häuser der Upper East Side. Es zwickt und wird schon etwas unangenehm, aber ich bin zu weit gekommen, um aufzugeben oder umzukehren. Wie sagt der Autor Haruki Murakami in seinem Buch “What I talk about when I talk about running”: “Pain is inevitable. Suffering is optional” (Schmerz ist unvermeidlich, Leiden ist optional) – mit Gewinsel fange ich jetzt auch nicht mehr an.
An der 90. Straße folgt eine scharfe Rechtskurve, die mich direkt in den Park führt. So stelle ich mir die Bergettappen der Tour de France vor: Man fährt schnurstracks auf die Massen zu, die sich im letzten Augenblick vor einem teilen, wie das Meer bei Moses in der Bibel. So eile ich wie ein laufender Moses durch den Park. Diesen Abschnitt kenne ich am besten, dank unzähliger Trainingsrunden. Ich greife nochmals an. Bei der letzten Getränkestation – 41 Kilometer liegen hinter mir – treffe ich meinen alten Freund Robert Banerjea (Läufer- und Künstlername: Bobby Fastlegs). Seine Augen leuchten, so sehr freut er sich mit mir über meine gute Zeit. Er hüpft wie ein halbwüchsiger Groupie auf und ab und feuert mich an. Meine Augen lachen ihm entgegen und sagen – “lass mich nun vollbringen, was ich begonnen habe”.
Central Park South ist der letzte Streckenteil. Vorbei am ehrwürdigen Plaza Hotel und dem NY Automobile Club, steuere ich auf die beiden Türme des Time Warner Centers zu. Es geht nochmals bergauf. Ich laufe nicht zu schnell. Jetzt den Lauf überlegt eintüten, sage ich mir, keine Krämpfe riskieren oder sonstigen Schabernack treiben. Schritt für Schritt, leichtfüßig und raumgreifend – so gut wie es nach 42 Kilometern eben noch möglich ist. Am westlichen Ende des Central Parks biege ich noch einmal ein in den Park, noch ein paar Meter trennen mich von der Unsterblichkeit. Ich überhole zwei Läufer und werde einmal selbst überholt, dann landet mein Fuß auf der finalen Zeitmessmatte. Eine erfreuliche Landung. Was für ein Rennen, was für eine grandiose Zeit: 2:41:55 Stunden, fast sieben Minuten schneller als meine alte Bestzeit aus Boston, eine kleine Läuferwelt.
Im Ziel atme ich durch, bin stolz und zufrieden, dass es so gut gelaufen ist. Vier Monate Training und Belastung neben dem Studium – geschafft. Ohne Trainer und ohne überzogene Askese, aber doch mit Entbehrungen. Später erfahre ich, dass ich 175. von 43.475 Finishern bin.
Mein Lebensziel, einmal den New York Marathon zu laufen, ist abgehakt. Allen, die daran denken, auch einmal in New York zu starten, kann ich nur sagen, dass es sich lohnt und dass es ein unvergessliches Erlebnis ist. Ich weiß, dass ich auch noch in vielen Jahren an diesen Tag denken werde und noch lange aus der Erfahrung Freude, Hoffnung und Lebenskraft schöpfen kann.
I made it there … was kann jetzt noch schiefgeh’n im Leben?
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