27 Mai 2011 00:00
Hauptsache nicht verirren – das ist die Devise, wenn Achilles-Leser Peter Brosch durch fränkische Wälder rennt. Doch der 61-Jährige erfuhr: Die Natur hält außer verschlungenen Waldwegen noch ganz andere Überraschungen bereit.
Ich bin 61 und laufe seit 39 Jahre. Meist im Wald, der Ruhe und der guten Luft wegen. An meinem ersten Lauf-Wohnort gab es schöne Rundkurse. Dachte ich. Meistens habe ich mich aber verirrt – diese Waldwege schauen alle so gleich aus. Vier Stunden waren da leicht drin. Meine Frau fand das nicht toll. "Mensch, nimm's Rad", war ihr gängiger Kommentar. Ich: "Nix da, Laufen ist Laufen."
Bis ich den Elch traf. Links unten vor mir im Moddersumpf. Da blieb er aber nicht, sondern wollte sich mit mir unterhalten. So machte ich meinen ersten richtig langen Tempolauf. Anschließend verirrte ich mich wieder. Meine Frau glaubte mir nicht. Wenn sie mir heute nicht glaubt, sagt sie: "Da lacht ja der Elch." So lange wirkt Laufen nach.
Weil unsere fränkischen Wälder so schön und so groß sind, habe ich mir ein Fahrrad gekauft. Etwas Auserlesenes, Stabiles aus den USA. Mit Rabatt. Und mit Spezialwerkzeug und Spezialschrauben – nix für hiesige Werkstätten. Damit bin ich im Wald gefahren, der Ruhe und der guten Luft wegen. Besonders gerne habe ich mich von hinten an die zur Sommerzeit massiv auftretenden Jogger angepirscht und laut geklingelt. Auch an meinen Chef, das habe ich aber erst später erfahren. Meistens habe ich mich aber verirrt.
Der Vorteil mit Rad: Straße gefunden – schneller daheim. Zwei Stunden waren da leicht drin. Meine Frau fand das nicht toll. "Mensch, kauf dir ein GPS", war ihr gängiger Kommentar. Ich: "Nix da, wer braucht denn sowas?". Bis mir mein Sohn eins schenkte. Leider passten fränkischer Dichtwald und GPS nicht wirklich zusammen. Meistens habe ich mich verirrt. Da ich viele Wege aber schon kannte, war ich schnell wieder daheim. Das GPS habe ich verkauft. An einen Freund, der meist am Kanal läuft. Da braucht man ein GPS. Das Fahrrad verwende ich jetzt zum Einkaufen. Und zur Fahrt ins Fitness-Studio.
Da bin ich wegen der tollen Laufbänder, der vielen Mucki-Machines und der netten Unterhaltung. Nicht wegen der Ruhe und der guten Luft. Jetzt bestimme ich, wann es bergauf geht und wie schnell. Und Radfahren kann ich hier ganz ohne GPS. Allerdings ohne Klingel. Gutschein sei Dank habe ich mir neue Laufschuhe eines namhaften fränkischen Herstellers gekauft. Blau-weiß mit Vornamen-Stickerei auf den Zungen. Mit Fußvermessung und Lauftest. Dann ist im Studio die Sauna kaputt gegangen. Selber aktiv schwitzen war jetzt angesagt.
Jetzt laufe ich wieder – mit neuen Schuhen. Meist im Wald, der Ruhe und der guten Luft wegen. An meinem jetzigen Lauf-Wohnort gab es keine schönen Rundkurse. Alle Wege enden an einer Straße. Geradlinig, übersichtlich, elchfrei, Verirren ausgeschlossen. "Was, du bist schon da?", ist der gängige Kommentar meiner Frau. Vielleicht laufe ich ja demnächst die 11 km ins Fitness-Studio. Hoffentlich verirre ich mich nicht.
Habe ich meinen Laufstil geändert, Achim? Keine Ahnung. Aber ich denke: Wer lange läuft, läuft besser – physisch und psychisch (hoffentlich hat das noch keiner vor mir gesagt). Denn Laufen macht Spaß, egal ob im Wald, im Stadion, am Kanal oder auf dem Laufband. Und – ich trau's mich kaum zu sagen: auch im Wohnzimmer mit einer der vielen Wii-Applikationen. Meine Enkel (Karate und Go-Kart) starten so mit Laufen. Und ich denke, (ver)irren werden sie sich nicht.
P.S.: Der Elch war übrigens aus einem nahe gelegenen Tierpark ausgebrochen und wurde erst nach sieben Tagen eingefangen. Glückwunsch, Elch!

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