22 Juni 2010 02:00
Charlotte ist fast 30, ein klein wenig zu dick und war im Schulsport immer die Letzte. Doch sie hatte ein großes Ziel, von Null auf 21,1 Kilometer in vier Monaten. Am Wochenende war es so weit: Halbmarathon in Berlin. Ob Charlotte es gepackt hat?
Endlich, der Tag der Tage: Halbmarathon in Berlin. Mein Freund und ich starten in Block E wie "Erstes Mal", also sehr weit hinten. Der erste Kilometer ist kein Spaß, Horden von Rüpeln rennen rempelnd an uns vorbei. "Euch sehe ich schon noch!", sage ich mir. Wir bemühen uns, langsam zu bleiben. Gar nicht so einfach, wenn alle um einen herum losrasen. Erst an der Siegessäule sind wir von Langsamläufern – oder zumindest Langsamstartern – umgeben und werden nicht mehr angerempelt. Und nach Kilometer acht haben wir nicht wenige von denen überholt, die uns am Start noch zur Seite gestoßen hatten.
Am Streckenrand beschallen uns Musiker, Reggae, Samba, Jazz. Ich habe meinen iPod dabei, für den Fall, dass ich einen Motivationskick brauche. Mit AC/DC und Metallica in der Hosentasche läuft es sich gelassener, sie haben die Beats, die mich im Ernstfall retten. Und als letzte Lösung, gibt es ja immer noch die Gehpause.
Nur eines kommt heute nicht infrage: aufhören. Ich muss ins Ziel, egal wie. Ich hatte einfach an zu vielen Stellen zu viele Ansagen gemacht. Jeder in meinem Umfeld hatte millionenfach gehört: Ich laufe den Halbmarathon, ich finishe den Halbmarathon. Familie und Freunden, allen kam es zu den Ohren raus. Ich ging sogar soweit, dass ich meine Wahnsinnstat auf Achim-Achilles.de in die Welt posaunte. Kein Hintertürchen ließ ich mir offen, nicht einmal: "Na ja, ich schaffe es bestimmt, es sei denn, mein Knie tut wieder weh." Oder die olympische Ausrede: "Dabei sein ist alles." Nein, ich hatte immer und zu jedem Zeitpunkt darauf bestanden, dass ich diesen Halbmarathon schaffen würde. Nicht selten erntete ich Widerspruch.
An Kilometer elf wünsche ich mir, ich wäre weniger selbstbewusst mit meinen Zielen hausieren gegangen. Und nach Kilometer 15 muss ich an all jene denken, die genau diese Marke als machbares Maximum angegeben hatten. In der Wettkampfvorbereitung bin ich nie mehr als 15 Kilometer am Stück gelaufen. Ich fühle mich wie Neil Armstrong auf dem Mond: Ab jetzt bewege ich mich auf unbekanntem Gebiet.
Wenig später rennt mir mein Freund davon, Endspurt. Ich komme nur noch langsam vorwärts – aber immerhin laufend und nicht gehend. Ich rechne vor mich hin: Selbst walkend würde ich es jetzt noch unter drei Stunden ins Ziel schaffen. Kommt aber gar nicht in Frage. 16 Kilometer sind geschafft, also müssen die restlichen fünf auch noch drin sein.
Mein Konditionstief legt sich bei Kilometer 17. Das Ziel, ich kann es ja schon fast sehen. Als ich das Kilometer-20-Schild passiere, frage ich mich: "Na, kannste jetzt mal sieben Minuten rennen?" Yes, I can. Kurz vor Schluss rase ich an einigen Mitläufern vorbei, rote, gequälte Gesichter, manche humpeln nur noch. Das Publikum johlt. Wer zum Ende hin rennen kann, hat nicht alles falsch gemacht.
Mein Fazit nach vier Monaten Training von null auf 21,1 km: Ich bin bei Kilometer 15 nicht ohnmächtig zusammengebrochen, wie mir mehrmals vorhergesagt wurde. Ich habe gefinisht. Ich habe keine Gehpause eingelegt. Und: Nach gut zweieinhalb Stunden konnte ich noch einen Endspurt hinlegen. Der nächste Halbmarathon kann kommen. Oder auch der erste Marathon.
Wir sehen uns,
Charlotte
Charlottes Weg zum Halbmarathon
City-Night-Run: Erst Frust, dann Lust

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