13 September 2011 00:00
Der Amerikaner Jef Mallett, bekannter Comic-Zeichner, erfolgloser Triathlet und Wikinger-Nachfahre, geht der ewigen Frage nach, warum Talent so ungerecht verteilt ist. Ein Auszug aus seinem Buch "Trizophrenie – Sind Triathleten noch ganz dicht?".
Ich besitze kein Triathlonwettkampfteam, aber wenn es so wäre, würde ich es »Team Fast Pig« nennen. Warum? Weil eines meiner Lieblingsbücher von einem meiner Lieblingsautoren John Steinbecks East of Eden ist. Und mein Lieblingsdialog in diesem Buch, vielleicht mein Lieblingsdialog überhaupt, lautet sinngemäß folgendermaßen:
[Adam sagte,] »Du kannst aus einem Schwein kein Rennpferd machen.«
»Nein,« sagte Samuel, »aber Du kannst ein sehr schnelles Schwein machen.«
Steinbeck spielt hier auf den ewigen Kampf der Menschheit zwischen Gut und Böse an, und ich spreche nur von Triathlons. Aber die Figur Samuel und ich scheinen gleicher Meinung über Talent zu sein.
Jef Mallett: Trizophrenie – Sind Triathleten noch ganz dicht? Auf den Spuren einer Obsession
224 S. , 80 Illustrationen, 16,90 Euro – Buch bestellen
Steinbeck hält die Dinge einfach und überlässt die Komplizierung und Verwirrungen der Thematik den geneigten Lesern, die ja dafür weniger Schriftsteller sind. Als ausgewiesenes Mitglied beider Gruppen erkenne ich in mir mehr Schweine- als Pferdeanteile hinsichtlich Steinbecks Szenario. Nun überlege ich, ob ich damit nicht auf der besseren Seite des Verhandlungstisches sitze. Steinbeck äußert sich dazu nicht ausdrücklich, aber aus der Art wie er es hinstellt, gewinne ich den Eindruck, dass das Pferd ein Schicksal hat, das Schwein aber die Wahl.
Ich bin zu gleichen Teilen Waliser, Deutscher, Schotte und Norweger. Also viel nordisches Blut. Meine Vorfahren vermachten mir meinen breiten Rumpf, einen langen Torso, kurze Gliedmaßen und ein Masse-Haut-Verhältnis, das sich besser für die Wärmeerhaltung als die Wärmeabgabe eignet. Kurz gesagt: Ich bin untersetzt und habe einen DNA-Code und Genpool, der mich für das Segeln von Langbooten durchs Treibeis prädestiniert, während ich aber gern drei unterschiedliche Typen für Langdistanzüberwindung aus eigenem Antrieb kombinieren würde.
Trotzdem kann ich meinen Vorfahren nicht genug danken. Falls Segeln, Entdecken, Überfälle und das Plündern ihre bevorzugten Tätigkeiten waren, dann bin ich dankbar, wie gut sie dafür programmiert worden sind. In diesen Branchen kann schon ein schlechter Tag im Büro ernste Folgen haben in dem Sinne, ob man lange genug überlebt, um den Familiennamen noch weiterzugeben, und genug meiner Verwandten hatten diese Zeit, um mich genau hier und jetzt hinzupflanzen, gesund, wenn nicht sogar gut ausgestattet, in eine Ära, in der ich für Geld schreiben und für eine Gebühr Rennen bestreiten kann, und das alles, ohne viel Zeit in Booten verbringen zu müssen.
Denken Sie da mal drüber nach. Ich habe das Glück in einem sehr kleinen Zeitfenster der menschlichen Geschichte zu leben, in der Triathlon existiert und habe ausreichend Freizeit, um diesen Sport mit einer gewissen Ernsthaftigkeit zu verfolgen. Apropos Timing. Wann hatte
man es schon mal so gut? Da erscheint es fast gierig, sich auch Talent zur Abrundung zu wünschen.
Außerdem: Sollten Sie ein wenig spärlich mit Talent versorgt worden sein, hätten Sie sich einen schlimmeren Sport als Triathlon aussuchen können. Mit dreimal so viel Happenings als normal, haben Sie auch drei Mal so viel Gelegenheit, wenigstens eine zu beherrschen.
Eine der Gelegenheiten ist so technikorientiert, dass selbst dickbäuchige Senioren-Schwimmer auch noch den fittesten Triathleten versenken können. Bei der zweiten Gelegenheit kommt ein zweirädriges Werkzeug mit Gangschaltung und Zeugs zum Einsatz, um alle biomechanischen Hindernisse auszugleichen. Und zum Dritten, hmh, nun, man kann sich heutzutage natürlich leuchtend bunte Schuhe und passende Socken kaufen.
Einzeln und zusammen bringen diese drei Disziplinen Erfolg und Verbesserung für jeden Athleten, der genug Motivation mitbringt, um Mühe, Zeit, Lernbegierigkeit, Opferbereitschaft, Schmerztoleranz und Dickköpfigkeit zu investieren gewillt ist.
Aus all diesen Gründen können diese Bastarde, die tatsächlich Talent haben, uns noch mehr in Rage versetzen. Ich gebe es zu: In meinem tiefsten
Inneren habe ich Gefühle der Eifersucht gegenüber Eichhörnchen entdeckt. Nicht die Leute, die keine gerade Linie fahren können, sondern tatsächliche Eichhörnchen! Wo kommen die her, dass die mich auf 15 Zentimeter langen Beinen übersprinten können? Diese Gefühle werden wirksam genug gemildert, wenn ich sie mir im Radladen vorstelle, wo sie was Passendes suchen. Aber ich giere nach Neid, die Welt ist meine Auster.
Es ist schon schlimm genug, dass Spitzenmarathonläufer 42 Kilometer so schnell laufen, dass ich noch nicht einmal einen Kilometer mithalten könnte, aber müssen sie es auch noch mit einer geringeren Herzfrequenz tun, als ich beim Schuhebinden? Radprofis sind noch schlimmer, warum
habe ich mir bloß diesen Wattmesser gekauft. Diese Jungs arbeiten mit denselben Geräten, und ihre Trainer oder Sponsoren veröffentlichen Tabellen und Grafiken mit den Geschwindigkeiten, Wattwerten und den zugehörigen Herzfrequenzen. Man kann gar nicht anders, als sich zu vergleichen, aber selbst der Vergleich mit den Wasserträgern, den sogenannten Domestiken, wirkt wie meine Steuererklärung neben dem Jahresbericht von Microsoft. Einige Zahlen sind wiederzuerkennen, aber im Ganzen ist es eine fremde Sprache.
Andererseits möchte ich 2:10-Marathonläufer auch nicht im Winter meine Auffahrt freischaufeln sehen – das würde bis zum Frühling dauern. Das Leben ist kein Spezialistensport. Und lassen Sie uns nicht vergessen: Talent ist eine Gleitskala. Frei übersetzt meinte Abraham Lincoln: Man kann immer einige Leute schlagen, und alle Menschen zu mancher Zeit, aber niemals alle Menschen zu jeder Zeit. Und ich würde ihm entgegnen, dass selbst das eine geschönte Aussage sei, wenn er noch leben würde und das wirklich gesagt hätte. Egal wie gut Sie sind, an jedem Tag wird es jemanden geben, der Sie schlagen kann. Wenige sind nämlich so überragend, dass niemand sie an irgendeinem Tag schlagen kann.
Betrachtet man die Gleitskala aus einem anderen Winkel, dann ist man selbst manchmal der Talentierte. Und wissen Sie was? Manchmal ist das ein tolles Gefühl, und manchmal der größte Mist. In der kleinen Sphäre meiner lokalen Triathlonwelt habe ich mir irgendwie den Ruf erworben, der Radfahrer zu sein. So kommt es, dass jeder meiner Trainingspartner bloß ein gutes Bild abgeben will und sich beweisen muss. Also werden die ersten zehn Kilometer – die Fahrer meines Alters gern zum Aufwärmen benutzen – ein Schlachtfest.
Wettkämpfe bieten manchmal eine mildere Perspektive. Ich kann mich an einen Triathlon erinnern, den ich zwar glücklich ins Ziel brachte, ohne mich jedoch als talentiert zu betrachten. In der Zuschauermenge suchte ich nach meiner Frau und wanderte hinüber zum Sprecherpodium, wo gerade Charles Solomon in die Wechselzone rollte, also noch den gesamten Lauf vor sich hatte. »Wenn Solomon es schafft,« teilte der Sprecher dem Publikum fröhlich mit, »dann können Sie das auch!«
Mein erster Gedanke war: »Na also! Ich bin glücklich darüber, talentierter zu sein als der arme Charles Solomon.« Dem schien das aber gar nichts auszumachen. Er sah ziemlich zufrieden aus. Also dachte ich: Im Vergleich zu allen, die heute gar nicht gestartet sind, ist Charles Solomon der Talentierte und im Vergleich zu den Nichtstartern war er viel talentierter als ich im Vergleich zu ihm.
Am Ende des Tages sind wir alle schnelle Schweine. Gleichwohl wir uns am Ende der Geschichte alle wohl eher wie Rennpferde zur Ruhe setzen werden.

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Sehr schöner Text!