23 Juni 2010 02:00
Soll ich's wirklich machen, oder lass' ich's besser sein – Jein! Achilles-Leserin Ursula ist in Stockholm – eigentlich, um auf einer Konferenz teilzunehmen. Doch dann lockt mit aller Macht der Marathon.
Ankunft in Stockholm. Strahlender Sonnenschein, alles wunderschön, eine tolle Woche steht bevor. Auf meinem ersten Erkundungsgang durch die Stadt sehe ich überall Ankündigungen für den Marathon. Nichts für mich! Ich bin wegen einer Konferenz hier. Eigentlich hatte ich mich im Oktober für den Stockholm-Marathon angemeldet. Doch in den vergangenen Wochen lief es nicht ganz so, wie es laufen sollte: Außerdem steckte mir noch der Berliner Halbmarathon und der Londoner Marathon in Oberschenkeln und Knien. Laufen ging zwar, aber 42,195 km mussten diesmal nicht sein.
Vor ein paar Wochen schickte ich den Veranstaltern eine E-Mail und fragte, ob sie mich vielleicht als Helfer gebrauchen könnten. Sie konnten und teilten mich zum Informationszelt ein – um Läufern auf Englisch und Deutsch zu helfen. Das klang spannend, ich freute mich darauf.
Für die Konferenzwoche legte habe ich mir ein nettes Trainingsprogramm zurecht. Das muss sein, wenn man sich tagsüber den Hintern platt sitzt. Ich lief wunderschöne Morgenläufe um die Insel Djurgarden, alles frühlingshaft grün und blühend, zwitschernde Vögel – einfach nur toll.
Ein paar Beobachtungen zu den Schweden: Walker gibt es hier viele – nur ohne Stöcke. Dafür wedeln viele Damen, die voll geschminkt und mit entschlossener Miene walken, ein paar Handgewichte in der Gegend umher. Und Gassi-Geher gibt es natürlich auch. Wobei die Hunde eher die Größe von Ratten haben – sogar wenn der Eigentümer ein voll tätowierter Hüne in schwarzen Lederklamotten ist.
Nach dem Ende der Konferenz ging ich zur Marathon-Expo. Bei der Messe stellte ich mich meinen Info-Zelt-Kollegen vor, bekam mein Crew-T-Shirt und erlag noch diversen Einkaufsverführungen.
Die Marathonatmosphäre packte mich. Ob ich nicht vielleicht doch ... ? Den Gedanken spielte ich mehrmals durch. Doch jedes mal verwarf ich ihn als völlig abgedreht. Trotzdem, ich holte mir meinen Teilnehmerchip ab – man weiß ja nie – und ging zur Pasta-Party. Schließlich hatte ich ja auch dafür bezahlt. Ich saß auf einem Sportplatz in der Sonne, schaufelte Nudeln und Knäckebrot und lauschte dem schwedischen Ansager. Ich verstand nur Schöttbullar.
Im Hotel zermarterte ich mir weiter den Kopf: "Laufe ich?– Biste doof?! Aber ich will doch! – Quatsch, völlig bescheuert, oder wie? Das Bein könnte wieder weh tun, wäre doch schade. – Stimmt, aber wenn ich nun schon mal hier bin. – Kannst ja wiederkommen." Das ging ziemlich lange, eine Entscheidung traf ich nicht. Dafür wachte ich aber am Marathon-Morgen früh auf, begab mich zur Expo und zum Infozelt und nahm meine Laufsachen mit, sicher ist sicher.
Im Infozelt war es klasse. Ich kam mir zwar immer etwas deplatziert vor, wenn sich jemand mit freundlichem Lächeln, fragendem Blick und irgendwas von "Smakke pakke alskedei?" brabbelnd auf mich stürzte, aber mit Englisch gab ich dann zu verstehen, dass ich eben nichts verstand.
Wie von Schnüren gelenkt
Die häufigste Frage, die gestellt wurde, war, ob wir Streckenpläne haben. Und ob der Chip richtig am Schuh befestigt sei. Mit dem Teil kannte ich mich aus, und so war mein sinnvollster Beitrag für die Marathonis, ihnen zu versichern, dass es völlig egal sei, wie herum der Chip am Schuh befestigt ist und ob er am linken oder rechten Schuh sitzt. Bei den völlig verzweifelten Menschen habe ich die Chips selbst angeknotet.
Zwischendrin fragten meine Kollegen immer mal wieder, ob ich denn mitlaufen würde. Sie waren überrascht, dass ich ihnen "keine Ahnung" antwortete. Um 12 Uhr schaute ich auf das Stadionthermometer: 26 Grad. Ich beschloss, nicht zu laufen und weiter Chips anzuknoten. Nun war der Start aber erst um 14 Uhr, und direkt vor unserem Infozelt. Es kamen immer mehr Läufer. Und die Atmosphäre wurde auch immer besser.
Wie von Marionettenschnüren gelenkt, fand ich mich auf einmal in der Umkleide wieder. Und schließlich bei der Taschenabgabe. Um kurz vor 14 Uhr stand ich am Start. Mein Plan: die Marathonstrecke besteht aus zwei Runden. Und die erste Hälfte würde ich mitlaufen und dann aussteigen. Ein guter Kompromiss, wie ich dachte. 18.600 Teilnehmer, davon 7000 Finnen, 747 Deutsche und insgesamt Läufer aus 70 verschiedenen Nationen waren vertreten.
Startschuss – seltsam: viele Zuschauer an den Straßen, aber Totenstille. Ein reserviertes Völkchen, diese Schweden. Wenn mal jemand anfeuerte, hörte man sofort ein peinlich berührtes Kichern von den Umstehenden. Kein Vergleich zu London oder Berlin. Nach zwei Kilometern kamen wir durch einen Park. Menschen lagen in der Sonne, picknickten und wir wetzten.
Selbst schuld, aber es machte ja Spaß. Es sollte ein Erlebnis werden, die Zeit war mir völlig egal. Durch den Park, vorbei an Hafen und Altstadt zu einer riesigen Brücke. Etwas Steigung, dann die Superaussicht über Stockholm.
Bei Kilometer 17 dachte ich, dass eine Runde reichte, die Strecke hatte ich ja nun gesehen. Aber – bis 20 km wollte ich noch. Oder doch zur Hälfte? Die kam dann bald. Was, jetzt schon aufhören? Aber ich fühlte mich doch gerade so gut. Na gut, bis Kilometer 25. Aufhören kann ich immer noch, dachte ich mir. Übrigens: Alle Abbrecher wurden kostenlos mit dem Taxi zum Stadion zurückgefahren.
Nach 25 km aufhören? Die 17 km kannst Du auch noch, kein Problem. Keine Taxifahrt für mich. Und die zweite Runde wurde auch wesentlich unterhaltsamer: Die Zuschauer tauten auf – kein Wunder bei der Hitze – die Stimmung stieg. An einem Versorgungsstand gab es Salzgurken. Hört sich seltsam an, aber die haben toll geschmeckt. Das Salz kam sehr gelegen.
Auf die "Bouillon" an einem anderen Stand habe ich aber trotzdem verzichtet. Dann doch lieber Bananen und Energieriegel. Die Versorgung war einfach toll.
Die Temperatur stieg auf 29 Grad, aber das war wegen der guten Versorgung nie ein Problem. Ich genoss den zweiten Lauf über die Brücke mit der genialen Aussicht. Dann das absolute Highlight: Zieleinlauf ins Olympiastadion, mit tollem Applaus und Begrüßung der Läufer mit Namen. Ein seltsames Gefühl, den eigenen Namen per Lautsprecher in so einem Stadion zu hören: Gänsehaut.
Danach gab's eine schöne Medaille, T-Shirt, Fresstasche und Massage. Dazu noch jede Menge Versorgungsstände mit Kaffee, Bier, Wasser, Limo und sogar Hot Dogs. Die hätte ich nicht überlebt, die Bananen aber schon. Schließlich saßen alle zusammen in der Sonne und freuten sich, dass sie es geschafft hatten. Ich auch.
Es war richtig schön, ohne irgendwelche Zeitvorstellungen mitzumachen. Die Strecke ist nicht schlecht, ein paar Höhepunkte, aber auch öde Streckenabschnitte. Die Atmosphäre während des Laufes könnte besser sein, es war eben doch etwas still. Dafür war die Organisation einfach klasse, alles funktionierte wie am Schnürchen und für die Teilnehmergebühr wird einem wirklich was geboten. Prädikat: empfehlenswert.

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