28 Juni 2010 02:00
Die Laufsau-Restfamilie ist ausgegangen. Gattin, Sohn#1 und Sohn#2 besuchen irgendeine Ebenfalls-zwei-Kinder-Im-Gleichen-Alter-Familie, die Mamas trinken Latte Macchiato und gackern, die Kinder schlagen sich mit Playmobil den Schädel ein.
Die Laufsau hat sturmfreie Bude. Statt die Kumpels zum Bier einzuladen und Pizza in sich hineinzustopfen, schlüpft Laufsau in drei Lagen Kunstfaser und sprintet los. Los Richtung Wald, Feld und Wiese, hinaus in die freie Natur, hinunter an den großen schwäbischen Strom, auf dem die Lastenkähne majestätisch ziehen. Sonst nix besonderes. Auf dem Rückweg ein Reh, ein Dachs, ein Hund mit angehängem Walker – vergeben.
Die klassische, tägliche Runde umfasst acht Kilometer, eine schöne dreiviertel Stunde zu laufen, ich bin rechtschaffen warm, nicht erschöpft. Jetzt freue ich mich auf eine Dusche, aber die Dusche ist drinnen und ich bin draußen und meine Jackentasche ist leer. Auch alle anderen Taschen. Die Hosentasche, die Geheimtasche, die Innentaschen, die Brust-, die Rücken- und sogar die Arschtasche. So eine Scheiße. Ich hatte den Schlüssel, als ich die Runde begann, ganz sicher, in der linken Jackentasche, oder nicht?
So ist das mit den alltäglichen Handgriffen. Die laufen so unbewusst ab, dass man sich nachher nicht mehr daran erinnern kann. Aber heute hatte ich ihn sicher eingesteckt, den Hausschlüssel, wäre ja auch ziemlich blöd, ohne Schlüssel aus dem Haus zu gehen. Der Schlüssel aber ist weg, die Jackentasche offen und in mir keimt ein furchtbarer Verdacht. Der Schlüssel liegt irgendwo im Wald, an einer der vier Stellen, an denen ich meine Blase erleichterte. Ein Mann in meinem Alter soll viel trinken, sagt mein Urologe und das tue ich auch, und dann muss ich dauernd pinkeln.
Oder vielleicht noch schlimmer: Der Schlüssel liegt irgendwo auf dem gefrorenen Feldweg, gut sichtbar. Der nächste Spaziergänger mit Kampfhund findet den Schlüssel. Ganz zufällig ist er im Nebenberuf Einbrecher und Massenmörder, ein Geschenk des Himmels für den guten Mann, der seit Weihnachten schon niemanden mehr ausrauben oder abmurksen konnte, die Grippe zwang ihn ins Bett, und jetzt haben ja auch alle diese Sicherheitsschlösser, und überhaupt die Geschäfte gehen schlecht in der Finanzkrise, auch für Verbrecher. Heute Nacht noch wird er bei uns ganz leise, huschhusch, durch die Vordertüre schleichen, das Klavier, das teure Sofa und meine allerliebste Espressomaschine stibitzen und am Ende noch Familie Laufsau lynchen. Keine Zeugen, Sie verstehen? Das muss ich verhindern.
Hausstrecke, Runde zwei. Aber diesmal im Walker-Tempo, das Haupt geneigt, es wackelt hin und her von links nach rechts, von rechts nach links, ich bin ein Schlüsselscanner. „Was suchet Sie dänn?“ Ein Hund mit alter Dame beäugt mich neugierig. Ich suche meinen Hausschlüssel, antworte ich und sie fragt erneut „Hän sie den verlore?“ Nein, ich mache das täglich, erwidere ich, werfe meine Schlüssel mutwillig in den Wald und laufe dann zurück, um ihn wieder zu holen. Nach zwanzig Sekunden macht es Klick, das erkenne ich an ihrem Blick und sie stapft beleidigt davon.
Der Schlüssel ist nicht auffindbar. Die zweite Version der selben Runde dauert eineinhalb Stunden. Macht zusammen zweieinviertel Stunden für sechzehn Kilometer. Ein Schnitt von 8:45 pro km. Laufsau, du warst schon mal schneller!
Inzwischen ist die Gattin wieder zuhause und lässt mich ein. Wo ich gewesen sei, die Kinder säßen schon hungrig beim Abendbrot und warteten auf den Papa? Den Schlüssel habe ich beim Laufen verloren, klage ich, und musste ihn suchen gehen, aber nun sei er endgültig weg und damit wir heute Nacht nicht alle einer Familientragödie zum Opfer fielen, müsse ich nun sofort den Schlüsseldienst kommen lassen und das Schloss ersetzen. Die Gattin lacht mich aus. Der Schlüssel? Der hing am Briefkasten als sie gekommen sei, sie habe sich schon gewundert.
Ja, so ist das mit den kleinen Alltagshandgriffen. Da sieht man vor dem Loslaufen noch kurz die Post durch und vergisst es ganz.
Immerhin bin ich heute sechzehn Kilometer gelaufen, stand so aber nicht im Trainingsplan.

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