05 August 2011 00:00
Ständig hören wir Experten, die uns sagen, was, wo und wie wir essen sollen und was in den Müll gehört. Achilles-Leser Michael Klein hat sich TV-Tipps zur gesunden Ernährung angeschaut und sich so seine eigenen Gedanken dazu gemacht.
Unsere Gesundheitssendungen im Fernsehen warten regelmäßig mit klugen Informationen zum Thema "Gesunde Ernährung“ auf. Wir erfahren wir, dass wir uns alle falsch ernähren. Also aufgepasst und nachgedacht, was den Körper leichter macht. Der Moderator grinst, die Ernährungsberater schauen der Lage angemessen ernst.
Wir hören gespannt zu, als es um Cholesterin geht. Nicht alles, was früher falsch war, ist jetzt plötzlich richtig. Aber Eier dürfen wir wieder ohne Sorge zu uns nehmen. Endlich. Und wenn wir genügend HDL (Hab dich lieb) und wenig LDL (liederlich) haben, um so besser. Aber trotzdem ist das noch lange kein Grund, auf richtige Ernährung zu verzichten. Entsetzt müssen wir mit ansehen, wie die Ernährungsmedizinerin eine durchschnittlich gemischte Wurst-/Käseplatte ökotrophologisch argumentativ vernichtet. Nichts entgeht ihrer Kritik. Salami – ist ganz schlecht, hat viel zu viel Fett; Käse – ach du gütiger Gott, das ist des Teufels Werk. Tee- und Leberwurst – da können wir ja gleich den Totenschein ausfüllen.
Endlich greift sie zum Joghurt und wir befürchten, dass jetzt unser zukünftiges Tagesgericht vor uns steht. Und schon werden wir erneut enttäuscht. „Das ist alles nur Chemie mit ein paar Aromen“, erklärt die Fachfrau ohne jedes Mitleid. Ein Stuhlbein im Gartenbeet, denke ich gerade, hat genauso viel Nährstoffe.
„Ja, was sollen wir denn nur essen?“, stöhne ich vor meinem Fernseher. Die Antwort ist so einfach wie unmöglich umzusetzen: Wir sollen mehr Obst und Gemüse zu uns nehmen. Als Beispiel nennt Frau Doktor fünf Portionen Obst pro Tag und zeigt, dass eine Hand voll Obst bereits eine Portion ist. Ganz toll, und wo, bitte, bekomme ich die restlichen vier Hände her? Gemüse sollte natürlich noch vor kurzem am besten roh genossen werden. Heute würde man diese Empfehlung angesichts der jüngsten Ehec-Gefahr als Aufforderung zum kollektiven Selbstmord verstehen.
Meine letzte Hoffnung schwindet mit ihrer Einteilung der Fische nach Schädlichkeitsgraden. Der eine ist zu wenig fett, der andere hat zu viel Blei. Vielleicht lassen sich diese beiden Eigenschaften zu Silvester kreativ kombinieren, indem man das Fischessen mit dem Bleigießen verbindet?
Getränke fehlten noch in ihrer Kampfansage an die falsche Ernährung. Um es kurz zu machen: Die meisten Getränke – außer ungesüßtem Tee (aber bitte nur für Erwachsene) und selbsthergestellten Obstschorlen – enthalten so viel Zucker, dass der Zahnarzt Überstunden schieben muss. Es bleiben Nüsse – ja genau Nüsse. Die meisten können wir unbedenklich und in jeder beliebigen Menge einwerfen. Aber das machen nicht einmal unsere engsten natürlichen Artgenossen – die Affen.
Zum Glück erscheint gegen Ende des Dramas noch ein Professor, der die sogenannten Nahrungsergänzungsmittel beurteilt und uns damit tröstet, dass wir zum Beispiel bei erhöhtem Cholesterinspiegel auch Fischölkapseln zu uns nehmen können. Die zeigen allerdings erst nach jahrelanger regelmäßiger Einnahme eine nachweisbare Wirkung; besser sei es, Kürbiskerne zu essen, die außerdem noch bei Blasenschwäche helfen. Wie beruhigend. Gleichzeitig gibt er zu, dass man gar nicht so viele Kürbiskerne essen könnte, um nachts nicht mehr pinkeln gehen zu müssen.
Wenn ich alles richtig verstanden habe, dann müsste es im Grunde genügen, sich einen schönen Handapparat mit Nahrungsergänzungsmitteln zuzulegen. Wenn ich dann noch einen leichten Cholesterinsenker dazuschlucke, kann ich weiterhin alles mit Genuss essen. Und zum Alkohol haben sie überhaupt nichts gesagt. Was ein Glück.

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