23 Juni 2010 02:00
Nix für Weicheier: Achilles-Fan Phillip hat in seiner Wahlheimat Schweden beim "Tjurruset" mitgemacht. Das Hindernisrennen führt durch dunkle Wälder und kalte Seen – und ist auch für den Magen herausfordernd.
Alles begann ganz harmlos: Startschuss aus der Kanone und dann einmal quer über den Camping-Platz. Ich war wie immer mitten im Pulk – was mich gleich zu Beginn fast aus dem Rennen gerissen hätte. Ich war gerade dabei, mich über das Geschwindigkeitslimit von 10 km/h lustig zu machen. Denn alle um mich herum und ich selbst waren deutlich flotter unterwegs. Plötzlich merkte ich, wie mein linkes Bein in der Luft hing und ich vorn über fiel: Ich hatte die Bodenwelle auf dem Weg nicht gesehen, konnte mich aber zum Glück abfangen. Und dann ging es ab in die Wildnis, und das ist wörtlich zu nehmen.
Ich dachte erst, mich erwarteten nur ein paar matschige Waldwege. Doch der Schwierigkeitsgrad zog nun massiv an. Der Pfad wurde immer schmaler und immer mehr Wurzeln und Baumstümpfe ragten aus ihm heraus. Wir liefen dicht an dicht, im wahrsten Sinne des Wortes, über Stock und Stein – es war so, als renne man quer durch den Wald. Mir kam unweigerlich die Frage, warum ich meinte, in kurzen Sachen laufen zu müssen. Wenigstens hatte ich Handschuhe mit. Da haben sich die Erfahrungswerte bei meinem Lieblingslauf, dem Strongman Run, bezahlt gemacht!
Nach drei, vier Kilometern. Dann ging der Spaß aber erst richtig los. Ein Sumpf musste durchlaufen werden – oder was auch immer noch als "laufen" zählt. Laufen ging nämlich nicht, weil man immer mindestens bis zu den Knien wegsackte und zum Schwimmen waren einfach zu viele Pflanzen wie Moose und Birken im Weg. Die Übung wurde insgesamt dreimal wiederholt. Wohl dem, der seine Schuhe vorher richtig gebunden hatte. Denn wer vorhin schon im Matsch der Wälder Probleme hatte, der war seine Treter nun garantiert los.
Als nächstes wartete dann ein Holzernte-Platz auf den geneigten Läufer – soll heißen, dass überall Äste auf dem Weg lagen. Man fragt sich natürlich, ob die nicht mal jemand hätte beseitigen können. Andererseits gibt das der Sache die besondere Würze. Bald wechselte aber die Szenerie erneut und es kam der Verpflegungstand. Ich hab mich, glaube ich, noch nie bei einem 10-km-Lauf so sehr über Essen und Trinken gefreut!
Das, was danach kam, war dann auch nur noch halb so schlimm. Keine Sümpfe mehr, aber jede Menge anderer Spaß. Zunächst führte uns ein Waldweg durch einen Nadelholzbestand, dessen Boden mit blassblauen Flechten bedeckt war. Das erinnerte an einen Lauf im Winter, wirklich sehr schön! Allerdings fingen nun die ersten Läufer an, schlapp zu machen, und der Weg war wieder sehr schmal. Einem Teilnehmer habe ich wohl so heftig in den Nacken geschnaubt, dass er mich ohne Zögern vorbei lies.
Im Wald waren noch ein paar weitere Naturhindernisse zu bewältigen, Wassergräben, Baumstämme und Felsen. Mitten auf einer großen Steinplatte kam mir dann in den Sinn, was wohl passieren würde, wenn man sich hier verletzte und nicht weiter laufen könnte. Wir befanden uns ja mitten im tiefsten Wald. Zum Glück ist aber, soweit ich mitbekommen habe, niemandem was passiert.
Bald lag auch schon der Wald hinter uns und es ging auf die Schlussrunde durch das Naherholungsgebiet, in dem auch das Ziel lag. Nun erwarteten uns fast nur noch von Menschen gemachte Hindernisse wie Hochsprungmatten oder Sandhügel. Doch die schlimmste Prüfung versteckte sich hinter einer Scheune, durch die man auf einer Art Plane laufen musste: Es war der zweite Verpflegungstand. Dort gab es Surströmming. Wer nicht weiß, was das ist oder besser wie das riecht, kann sich glücklich schätzen. Andererseits war das mal eine Abwechslung, wo es die Woche vorher beim Stockholmer Halbmarathon nur die üblichen Bananen und Energieriegel gab. (Anmerkung der Red.: Surströmming ist eine schwedische Fischspezialität, die durch Säuerung konserviert wird.)
Eine sumpfige Stelle gab es noch zu überwinden, eine Uferböschung des Vänern-Sees. Doch das war nun keine große Herausforderung mehr, wir waren sowieso schon eingesaut, von oben bis unten. Außerdem ging es nun durch den Vänern und wir wurden wieder sauber – so sauber, dass der Veranstalter offenbar die Idee hatte, die Leute auch noch einzukalken ... Hätte ich nicht haben müssen, aber bald ging es ja schon wieder hüfthoch durch den See: Noch mal ein kurzes Stück kriechen, durch einen Teich waten und unter einem Volleyballnetz durchschlüpfen. Dann war es geschafft. Als Andenken bekamen wir ein Glas mit einer Wurst drin. Außerdem gab es ein warmes Lättöl (Anmerkung der Red.: Leichtbier), das so lätt war, dass ich nichts davon spürte, obwohl ich es gleich im Ziel leerte.
Fazit: Der Tjurruset in Karlstad ist ein sehr, sehr schöner Lauf, der dem Läufer alles abverlangt. Man benötigt das gesamte Rennen über volle Konzentration, das muss ich wirklich betonen! Gerade die ersten Kilometer sind eine große Herausforderung, sowohl für die Koordination als auch für die Ausdauer. Der Lauf ist allerdings insgesamt nicht so hart wie der Strongman Run, vorallem, da er nur etwa halb so lang ist. Es macht aber mindestens genau so viel Spaß, hier zu laufen. Wenn man noch erwähnt, dass hier nur 1000 Läufer am Start waren, kann man diesen Lauf wohl ohne Weiteres als Geheimtipp bezeichnen – was ich hiermit tue!
Phillip Linke
Raus aus dem Gebüsch – und weiter!

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