23 Juni 2010 02:00
Achilles-Leserin Sigrid Jahn wagte sich an ihr erstes Ultra-Rennen, ausgerechnet in England, ausgerechnet im Dezember. Der Extremlauf "Doyen of the Downs" wurde eine Rutschpartie durch Matsch, Schlamm und Modder. Ein Erlebnisbericht.
Angeblich haben Eskimos ja 400 verschiedene Wörter für Schnee. Wahr oder nur eine Urban Legend? Ich kann jedenfalls ehrlich behaupten, dass ich am ersten Sonntag im Dezember beim 30 Meilen Cross Country Lauf Doyen of the Downs in Sussex in England vielleicht nicht hunderte, aber doch dutzende Sorten Matsch erlebt habe.
Wie es dazu kam? Das Thema Ultralaufen hatte mich schon länger fasziniert, aber ich wollte nicht gleich einen dieser hammerharten 100 km Läufe machen. Auf einer Website fand ich einen Link zu Extreme Running Ltd. (eigentlich hätte schon allein dieser Veranstaltername bei mir Alarmsirenen auslösen müssen), die den Extremlauf „Doyen of the Downs“ in der Gegend von Arundel im Süden Englands organisieren. Die Fotos vom vergangenen Jahr sahen wunderschön aus, und angeblich sollten die 30 Meilen beziehungsweise 48 Kilometer ein idealer Einstieg für Ultralaufnovizen sein.
Also haben wir uns angemeldet, mein Freund Bo und ich. Sechs Kilometer mehr als ein Marathon – so schlimm kann das nicht sein, dachten wir uns. Als wir uns samstags nach England aufmachen, bin ich noch ganz locker. Ja, es hatte wochenlang geregnet, und angeblich waren Teile der Strecke überflutet. Aber ich hatte mir sowieso vorgenommen, das Ganze locker anzugehen und nur einen Schnitt von 8 km die Stunde zu laufen, was eine Gesamtzeit von sechs Stunden bedeutet hätte.
Als wir nach Arundel kommen und sehen, dass der Fluss bereits meterweit über die Ufer getreten ist und viele Wiesen geflutet hat, wird mir langsam etwas mulmig. Die nette Eigentümerin des kleinen Hotels, in dem wir uns ein Zimmer gebucht haben, und von der wir uns eine detaillierte Wanderkarte der Gegend ausleihen, schaut uns an, als wären wir geistesgestört, als wir ihr erzählen, dass wir am nächsten Tag einen Cross laufen werden.
Sonntagmorgens um 6 Uhr klingelt der Wecker. Es regnet in Strömen, und es ist sehr windig. Start des Laufs ist beim Arundel Football Club. Als wir dort ankommen, steigt meine Angst. Die anderen Läufer sehen alle mächtig durchtrainiert aus, tragen spezielle Trailschuhe und haben Camelbacks auf dem Rücken (wahrscheinlich mit irgendeinem HighTech-Energy-Drink gefüllt). Ich fühle mich plötzlich ziemlich unprofessionell und unfit. Wenn ich bloß nicht Letzte werde, die Schande könnte ich nicht ertragen.
Der Rennleiter verkündet, dass die Strecke wegen der Überflutungen leicht geändert wurde und schärft uns rund 200 Läufern nochmal ein, dass wir gut auf die Markierungen achten sollen (letztes Jahr hatten sich einige verlaufen). Dann geht’s los. Erstmal ein kurzes Stück am Fluss entlang und dann in den Wald.
Unsere Schuhe sind bereits nach wenigen Minuten völlig durchnässt und schlammig. Man muss sich bei jedem Schritt konzentrieren, um nicht auszurutschen und zu fallen. Die Strecke geht über schmale Waldwege und Feldwege, immer schön hügelig. Schnell haben uns die anderen Läufer überholt und wir laufen so ziemlich als letzte im Feld. Trotzdem liegen wir gut in der Zeit, als wir am erstem 5-Meilen-Checkpoint ankommen. Es hat auch aufgehört zu regnen, und langsam kommt sogar etwas blauer Himmel zum Vorschein! Jetzt macht es richtig Spaß.
Der Trail geht weiter querfeldein über überwiegend privates Land. Andere Leute sieht man daher kaum. Vereinzelte Spaziergänger in Gummistiefeln, die uns freundlich grüßen und wissen wollen, was wir da eigentlich machen, bei den Wegverhältnissen so verrückt durch die Gegend zu rennen. Vor uns sehen wir auch immer mal wieder andere Läufer, schaffen es aber nicht sie einzuholen. Ich bin froh, dass Bo mir zuliebe mein Tempo läuft und bei mir bleibt. Sonst wäre ich ganz allein auf weiter Flur.
Der ständige Matsch in allen Varianten, von wässrig bis so zäh, dass es einem bei fast jedem Schritt die Schuhe auszieht, ist ermüdend. Die Schuhe sind nass, voller Lehm und dadurch so schwer, dass es sich anfühlt, als hätte man Betonblöcke an den Füßen. Ich bin regelrecht froh, wenn wir zwischendurch immer mal wieder über eine Wiese laufen, auf der das Wasser knöcheltief steht. Da geht der Dreck wenigstens wieder etwas ab. Die Zäune, über die wir von einem Feld ins nächste klettern müssen, zähle ich schon gar nicht mehr.
Raus aus dem Gebüsch – und weiter!

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