22 Juni 2010 02:00
Der Médoc-Marathon fasziniert viele Läufer. Und die Achim-Achilles.de-Leser lassen bei diesem Thema nicht locker: Nach Uwe schreibt nun auch Heike von ihren Erlebnissen aus Frankreich.
Lieber Achim,
beim Lesen des Artikels Laufen und Saufen wird mir übel. Wie kann eine fröhliche, von Lauffreude geprägte Veranstaltung, so engsichtig geschildert werden? Ich habe keinen Läufer getroffen, der betrunken war, keiner lag betäubt am Straßenrand. Deshalb habe ich das Bedürfnis, den Lauf aus meiner Sicht zu schildern.
Médoc, Ankunft auf dem Busparkplatz, der Trubel beginnt. Viele Busse, Menschen tummeln sich auf dem Platz. Viele sind kostümiert, ein großes Gewimmel aus Hexen, Matrosen, Teufeln, Luftballon-Weintrauben, Trachtenträgern, Ballerinas, Fröschen, Seeräubern, Tingeltangeltänzerinnen und "Wir-sind-ein-Verein"-T-Shirt-Trägern.
Die Erwartungshaltung ist deutlich zu spüren. Pulsuhren und GPS blinken in der Sonne. Überall Freude auf den Lauf. Es ist uns klar: 42 Kilometer sind 42 Kilometer, das Wein-Angebot macht die Strecke nicht kürzer.
Wir gehen Richtung Start. Für meinen 64-jährigen Mann ist es der erste Marathon, für mich mit 59 Jahren mein sechster innerhalb meiner vierjährigen Läuferkarriere. Von den Parkplätzen strömen Läufer Richtung Startplatz. Einige Zelte sind zu sehen – hoffentlich konnten ihre Bewohner gut schlafen. Gedränge gibt es nicht, nur freundliche Enge. Auch wir wollen dort sein, wo das Eröffnungsspektakel beginnt. Das Bild machen nicht nur die Läufer bunt, auch die vielen Zuschauer beleben das Geschehen.
Eine Windmühle steht neben mir. Die wird zu tun haben. Ein Duo fährt die 42 Kilometer mit Schubkarre – der eine schiebt, der andere sitzt. Uniformierte Läufer transportieren über die gesamte Strecke einen Mirage-Nachbau (französisches Militärflugzeug). Eine Dampfwalze mit Fußantrieb wird Läuferbeine fordern.
In Deutschland gibt es bislang noch keine mit dem Médoc Marathon vergleichbare Veranstaltung. Würdest Du bei einem solchen Rennen mitlaufen?
Zierliche Japanerinnen lassen sich mit bayerischen Kerlen in Wadenstrümpfen und Lederhosen ablichten. Zwei Jungs in aufblasbaren Dirndln steht vor dem Startschuss der Schweiß auf der Stirn. Transvestiten mit Federboa und Mieder feiern auf dem Balkon über der Bar. Eichhörnchen, Fuchs und andere Waldtiere, in Webpelz gehüllt, werden heute nicht frieren. Baströckchen wippen um Männerschenkel, Schminke glänzt auf Männerlippen. Eine Gruppe Marienkäfer, mit wippenden Fühlern belebt in Rot und Schwarz das Bild. Wackere Römer mit schimmernder Rüstung warten auf den Start. Männer, mit weniger als einem winzigen Stück Stoff bekleidet, üben "cool sein". Eine Braut, im edlem Brautkleid samt Bräutigam, Pfarrer und Hochzeitsgesellschaft steht in festlichen Kleidern bereit.
Durch die Luft bewegt sich am Stahltau eine Akrobatin über unsere Köpfe hinweg. Der Startschuss dröhnt, die Schar setzt sich in Bewegung.
Der Lauf beginnt, die Begeisterung der Läufer und die Freude der Zuschauer am Straßenrand, an den Fenstern, auf den Balkonen und Treppen ist zu spüren.
Wir verlassen den Ort. Ich sehe bunte Läuferkleidung hinter Weinstöcken oder vor ihnen stehend: Pinkelpause.
Anstiege gibt es vor den Châteaus. Die Strecke führt durch herrliche Gärten, entlang wunderschöner, gekiester Wege, gepflegter Pflanzungen und kunstvoll geschnittener Hecken. Alte Bäume, die läuferfreundlich Schatten spenden, säumen die Route. Es geht vorbei an lächelnden, vom Balkon grüßenden Schlossherrinnen. Offene Weinkeller locken, Musik ist zu hören, wer will kann eine Runde Boule einlegen oder ein Tänzchen, für das Rhythmusgefühl.
Es gibt Wein aus Plastikbechern, Pappe, oder auch aus langstieligen Gläsern. Ich gönne mir ein winziges Tröpfchen. Wasser oder Saft gibt es gegen verdorrte Läuferkehlen – Obst, Baguette, Zuckerstückchen, Trockenfrüchte gegen schwindende Kohlehydrate. Es geht weiter, wieder hinab und dem nächsten Château entgegen. Der Lehm der regenfeuchten Naturstraßen färbt Läuferschuhe in schlammiges Braun.
Ich genehmige mir eine kleine Rast auf der Bank am Ende des Schlossparks. Freier Blick auf die Landschaft. Das bunte Band der Läufer zieht sich wie ein langer Wurm durch Rebstock bewachsene Flächen. Die Heiterkeit der Schaulustigen, die sich am Wegrand zusammengefunden haben, belebt Sinne und Läuferbeine.
Kurz bevor es hinunter zum Fluss geht, um auf der langgezogenen Straße Richtung Ziel zu laufen, stelle ich fest, dass auch Genussläufe zum Schluss hin noch Steigerungen bieten. Landschaftseindrücke, Laufgefühl, Weinaromen, die kühle Frische des Trinkwassers, die fruchtige Süße des Obstes, klebrige Honigkuchen und Trockenfrüchten, verbinden sich zu einem unvergesslichen Erlebnis.
Das herzhafte, würzige Aroma eines Stückchen Schinkens, frisch vom riesigen Knochen-Schinken geschnitten, setzt jetzt neue Energien für die letzten Kilometer frei. Nach Meerwasser duftende Austern lassen das nahe Meer ahnen. Der kleine Schluck Weißwein rundet den Geschmack ab. Ein Stückchen gegrilltes Entrecôte, ein kleiner Mocca, ein Eis am Stiel. Die Süße des Eises ist genauso intensiv wie der erste Schritt auf dem roten Teppich.
Ich nähere mich dem Ziel, ich habe es geschafft. Nach dem Zieleinlauf warten Getränke, Obst, Kaffee, Joghurt, belegte Brote – und Liegestühle auf der Wiese.
Das ist der Médoc-Marathon, ein Genusslauf. Genuss pur.
Medoc: Marathon auf französisch
Rendezvous mit dem Monster-Elch

|
Läuferberichte |
|
Läuferberichte |
|
Läuferberichte |
|
Läuferberichte |
|
Läuferberichte |
Hinweis: Diese Website verwendet Facebook-Plugins – sind Sie bei Facebook eingeloggt, werden Daten an Facebook übertragen. Mehr Infos dazu gibt es hier.