23 Juni 2010 02:00
Je näher der Sommer rückt, desto häufiger werden Läufer gefragt: "Du bist so braun. Warst du im Urlaub?" Standardantwort: "Nein, ich hab Läuferbräune." Pünktlich zur Ferienzeit hat Achilles-Leser Stefan eine kleine Bräunungskunde verfasst.
Zum Glück gehöre ich vom Hauttyp her zu denen, die recht schnell Farbe bekommen, wenn der Lorenz scheint. Da die beim Laufen meist zahlreich im Gesicht vorhandenen Schweißtropfen offensichtlich wie kleine Brenngläser wirken, verwandelt sich insbesondere meine Gesichtsfarbe von Sowiesonieganzblass ziemlich zügig hin zu einem zarten Obamabeige. Auch die Arme weisen bei entsprechendem Wetter schnell eine deutliche Sommertönung auf.
Die Beine hinken dagegen nicht nur bei der Lauf-, sondern auch bei der Bräunungsgeschwindigkeit etwas hinterher, nehmen aber mit der Zeit auch einen dunkleren Teint an. Natürlich nur in dem Bereich zwischen unterem Laufhosenrand und Sockenbündchen. Hintern, Oberkörper und Füße bleiben hell, da sie beim Laufen bedeckt sind.
Beim Entblättern führt das dann je nach Bräunungsgra zu lustigen Anblicken. So als hätte man noch ein weißes T-Shirt an, aus dem grillhühnchenfarbene Arme heraushängen, die wiederum von einem weißen Streifen geziert werden – dort, wo beim Laufen der Garmin seinem Job nachgeht. Interessant ist dann auch der Kontrast zwischen hautfarbenen Füßen und braunen Waden: imaginäre Tennissocken ohne Streifen.
Vor dem heimischen Spiegel ist das ja alles noch harmlos. Aber wenn ich an den ersten Freibad- oder Strandbesuch denke, sehe ich schon die Leute grinsen und höre feixende Kinderstimmen: "Schau mal, Mami, der Mann da sieht aus wie ein Schwarz-Weiss-Keks".
Da es aber noch ein paar andere Teint-Typen gibt, folgt hier eine kleine Bräunungskunde. Selbstverständlich hoch unwissenschaftlich und rein subjektiv zusammengestellt.
Die bereits erwähnte Läuferbräune
Gebräunt sind in der Regel Gesicht, Unterarme und Unterschenkel. Die Stellen, an denen die Sportbekleidung sitzt, bleiben hellhäutig. Läuferbräune tritt hauptsächlich in der sonnigen Jahreszeit auf und hinterlässt zweifarbige Körper, die nackt an Zebrastreifen, Schachbretter oder Schwarz-Weiss-Gebäck erinnern. Ein ähnliches Muster entsteht auch auf Radfahrern und sieht genauso bescheuert aus.
Bauarbeiterbräune
Ähnelt der Läuferbräune. Jedoch ist wegen der Sicherheitsschuhe der käsebleiche Anteil am Fuß höher. Bei Trägern von Feinripp-Unterhemden sind auch die Schulterpartien braun. Nicht zu vergessen der Rückenbereich oberhalb des beim Bücken verrutschten Hosenbundes. Kennt man auch als so genanntes Bauarbeiter-Dekollete, das gebräunt nicht weniger unappetitlich aussieht als fleischfarben. Die Bauarbeiterbräune tritt ebenfalls hauptsächlich in Zeiten vermehrter natürlicher Sonnenbestrahlung auf.
Münzmallorca-Bräune ´
Regelmäßige, intensive Bräune, die sich über den gesamten Körper und das gesamte Jahr erstreckt und hauptsächlich an Frauen zu bewundern ist. Sie wird hervorgerufen durch regelmäßigen Solarium-Besuch. Das Erscheinungsbild von Besucherinnen des Tussen-Toasters ergänzt oft grelle Kleidung, Bauernmalerei im Gesicht, bunte Fingernägel und blondierte Haare, was vom Kontrast her in etwa so wirkt wie ein Negativ-Foto (und auch ansonsten eher negativ). Die ganzjährige Jägerschnitzelfarbe führt zu verstärkter Hautalterung, so dass die Elektrostrand-Jünger oft bereits vor Eintritt in das Rentenalter an Hals und Dekollete so faltig aussehen wie eine Krokolederhandtasche oder Joopi Heesters am Beutel. Nur brauner.
Englische Bräune
Praktisch nicht existent. Die regengewohnte Haut englischer Touristen verfärbt sich in der Regel rot, nicht braun, bevor sie sich wieder abpellt.
Malle-Bräune
Auch bekannt als "Pauschaltouristenbräune"; oft gepaart mit fleckenweise auftretender englischer Bräune. Es gibt zwei Unterarten, deren Abgrenzung nicht immer einfach ist.
Malle-Bräune Typ K unterscheidet sich von der Läuferbräune hauptsächlich durch braun-weiß gestreifte Füße, hervorgerufen durch Sandalen und Riemchenschuhe. Bei weiblichen Wesen kommen oft noch helle Streifen im Brust-Schulter-Nacken-Bereich hinzu, die durch Trägerhemdchen und Badebekleidung verursacht werden. Sie ist meist zu beobachten bei Kulturstättenbesuchern, Cafehaussitzern, Stadtbummlern und Leuten, die sich aus Scham oder Rücksicht nicht halbnackt am Strand zeigen wollen.
Die Malle-Bräune Typ S weist weniger weiße Flecken auf und wird oft durch stundenlanges Am-Strand-liegen, regelmäßiges Wenden des Körpers, starkes Schwitzen ohne Bewegung und gelegentliches Benetzen des Körpers mit Wasser bewusst erzeugt und hart erkämpft, um nach dem Urlaub Freunde, Kollegen und Verwandte zu beeindrucken. Sie ersetzt während des Urlaubs bei einigen Touris die Münzmallorcabräune und verschwindet oft innerhalb weniger Wochen, wenn sie nicht beim Nachrösten im Solarium oder auf Balkonien erhalten wird. Bei häufiger Wiederholung ähnlich hoher Jägerschnitzel-Leder-Faktor wie bei den Münzmallorcinerinnen.
Abschließend möchte ich noch einen Typus erwähnen, dessen Bezeichnung es bei der Wahl zum Jugendwort 2008 immerhin auf den 2. Platz geschafft hat:
Bildschirmbräune
Sie bezeichnet die milchfarbene Blässe eines Computerfreaks, der die Sonne oft nur über Webcams sieht. Der Bräunungsgrad liegt – wie auch der Jägerschnitzel-Leder-Faktor – nahe Null. Oma sagte früher immer "der sieht aus wie Asche, Milch und Spucke." Falls sich der PC-Daueruser doch mal länger bei Tageslicht vor die Tür traut, wird er oft von der englischen Bräune überrascht.
Schampus mit Mr. Four-minute-mile
Wieder hängt einer an der Nadel

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