Achim Achilles empfiehlt:Keine Ausreden: Die besten Tipps, Tricks und Regeln für den sicheren Winterlauf. |
14 Juli 2009 02:00
Vom Hobbyläufer zum WM-Teilnehmer: Student Tobias Sauter macht eine ungewöhnliche Karriere. Er erzählt, was es ihm bedeutet, das Nationaltrikot zu tragen, warum sein Trainer so wichtig ist – und was er von der deutschen Sportförderung hält.
Achim-Achilles.de: Herr Sauter, die Leichtathletik-WM steht vor der Tür. Sie sind zum ersten Mal dabei. Schon aufgeregt?
Tobias Sauter: Auf jeden Fall, die Nominierung ist für mich wie aus dem Nichts gekommen. Die WM war zwar ein Traum, aber dass ich es wirklich
schaffen könnte, hat sich erst in der jüngsten Zeit gezeigt. Ich mache erst seit Herbst Spitzensport, seitdem ich bei Waldemar Cierpinski trainiere. Mal sehen ob ich in Zukunft mal wieder aufwache und denke, ach, was für ein schöner Traum ...
Achim-Achilles.de: Sie haben Ihre Marathon-Karriere vor wenigen Jahren als Hobbyläufer begonnen. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie zum Spitzenläufer taugen?
Sauter: Für mich stand immer die persönliche Leistung im Vordergrund. Ich bin sehr ehrgeizig, möchte immer neue Bestzeiten erreichen. Im Jahr 2000 bin ich meinen ersten Marathon gelaufen, da war ich 17 Jahre alt. Seitdem wollte ich von Marathon zu Marathon schneller werden. Das hat auch immer geklappt. Vor einem Jahr lag ich dann bei 2:22 Stunden und dachte: Wenn Du es unter 2:18 schaffst, bist Du vielleicht mal im Team bei einer größeren Veranstaltung dabei. Es gab zwar auch Rückschläge, aber schließlich habe ich es gepackt.
Achim-Achilles.de: Wie ist es, wenn man als Hobbyläufer solche Zeiten schafft? Weckt das Interesse unter Sponsoren?
Sauter: Von denen wurde ich bisher nur selten angesprochen. Ich kann auch nicht sagen, dass ich mit dem Laufen Geld verdiene. Vergangenes Jahr hat es sich aber immerhin ergeben, dass ich mit Hilfe privater Sponsoren mal ein Trainingslager planen konnte. Dieses Jahr sieht es etwas besser aus, vor allem auch durch die Unterstützung des SG Spergau und Waldemar Cierpinski. Aber wenn ich nicht noch daheim wohnen würde, könnte ich mir den Sport gar nicht leisten.
Achim-Achilles.de: Warum gibt es in Deutschland so wenige gute Marathon-Läufer?
Sauter: Wenn man wirklich vorne dabei sein will, ist ein Beruf nebenher nicht machbar. Ich spreche hier von der absoluten Spitze. Und das Risiko, nur auf den Sport zu setzen, ist sehr groß. Es geht alles nur über Leistung, Leistung, Leistung, wer sich verletzt, ist raus aus der Sportförderung. Außerdem zählen in Deutschland nur die Gewinner. Wenn wir beim Marathon hinterher laufen, wird von der Presse nur drauf geschlagen und werden Witze gemacht. Da denke ich mir: Muss man sich so etwas anhören?
Achim-Achilles.de: Wie reagieren Sie darauf?
Sauter: Ich kann selber gut einschätzen, wie meine Leistung zu beurteilen ist. Für mich sind 2:17 Stunden ja auch noch nichts. Aber warum soll man sich entmutigen lassen? Ich für meinen Teil werde alles dafür tun, um mich weiter zu verbessern. Ein Satz, der vor einigen Jahren fiel, hat mich geprägt: Ein Jugendttrainer sagte zu einem meiner Freunde, der sehr ehrgeizig war: "Du bist völlig talentfrei". Da dachte ich mir nur: Ist Ehrgeiz nicht auch ein Bestandteil von Talent? Seitdem ist mir egal, was andere sagen.
Achim-Achilles.de: Das Ansehen ist so gering?
Sauter: Wenn ich jemandem erzähle, dass ich laufe, kommt garantiert die Frage hinterher: Und, was machst Du sonst so? In meinen Augen gibt es im deutschen Sport keine Struktur, die jungen Athleten den Übergang von der Jugend bis ins Alter von 25, 26 ermöglicht, ohne dass sie sich Jahr für Jahr fragen müssen: Reicht das Geld noch für den Sport, oder reicht es nicht?
Achim-Achilles.de: Wie sieht bei Ihnen eine Trainingswoche aus?
Sauter: Morgens um sieben Aufstehen, Frühstück und erste Trainingseinheit. Dann Mittagsschlaf, abends die zweite Einheit. So kriegt man den Tag rum. Hin und wieder feile ich zwischendurch auch an einer Studienarbeit. Aber kaum sitze ich am Schreibtisch, ist es auch schon wieder Zeit fürs Training ...
Achim-Achilles.de: Wie viele Kilometer kommen da zusammen?
Sauter: Im Schnitt laufe ich pro Woche 200 Kilometer, mal mehr, mal weniger. Aber: Kilometer sind nicht alles. Viel wichtiger sind Qualität und Aufbau des Trainings, das Einhalten von Trainingszyklen. Bevor ich zu Waldemar Cierpinski gewechselt bin, habe ich manchmal 270 Kilometer pro Woche gemacht.
Achim-Achilles.de: Macht das denn wirklich noch Spaß?
Sauter: Es kommt selten, vor, dass ich überhaupt keine Lust habe. Klar, es gibt Tage, da ist die Motivation etwas schwächer. Aber wenn ich erstmal vor das Haus trete, läuft's.
Achim-Achilles.de: Was macht das Training bei Cierpinski so besonders?
Sauter: Für mich ist wichtig, dass ich einige Wochen im Jahr mit Martin Beckmann und Falk Cierpinski zusammen trainiere. Davor, als ich noch bei Peter Greif trainierte, hatte ich nicht die Möglichkeit, mit besseren Leuten zu trainieren, von denen ich etwas hätte lernen können. Und bei Waldemar Cierpinksi, einem zweimaligem Olympiasieger, kann man sich sicher sein, dass er weiß, wovon er spricht. Abgesehen von der fachlichen Kompetenz kann ich auch menschlich nur Gutes von ihm berichten.
Achim-Achilles.de: Müssen Sie auf viel verzichten?
Sauter: Ich lerne noch, wie man leistungsportgerecht lebt. Mit dem Verzichten habe ich eigentlich erst dieses Jahr angefangen. Jetzt gehe ich weniger aus als früher, lasse das ein oder andere Bier weg. Außerdem achte ich stärker auf ausreichenden Schlaf.
Achim-Achilles.de: Wie wichtig ist denn die Nachtruhe für die Leistung?
Sauter: Wenn ich ausgeruht bin – also nachts acht Stunden und mittags eine Dreiviertelstunde geschlafen habe – läuft das Training viel besser. Aber vor allem: Ich habe keine Erkältungen mehr. Früher hat's mich immer mal wieder erwischt. Eine Ausnahme gibt es, vor einem wichtigen Rennen muss ich nicht schlafen können. Dann weiß ich: Es wird laufen.
Achim-Achilles.de: Was haben Sie sich für den WM-Marathon vorgenommen?
Sauter: Ich möchte eine neue Bestzeit laufen, wenn es die Wetterbedingungen zulassen. Wenn nicht, möchte ich mich trotzdem anständig verkaufen und einfach genießen, dabei zu sein. Platzierungen interessieren mich nicht, von der Spitze bin ich sowieso viel zu weit weg. Für mich war die Qualifikation das größte Ziel. Auf alle Fälle werde ich 110 Prozent geben, um das deutsche Trikot mit Würde zu tragen. Man darf ja nicht alle Tage seine Träume auch wirklich leben.
Zur Person: Tobias Sauter, Jahrgang 1983, stammt aus Villingen-Schwenningen. Der Student hat einen ungewöhnlichen Weg in die deutsche Marathon-Elite hinter sich: Ohne einem Leichtathletik-Verein anzugehören, tastete er sich über 10km-Rennen und Halbmarathons an die 42,195 km heran. Beim Düsseldorf Marathon 2009 steigerte Sauter seine Bestzeit auf 2:17:26 Stunden, was ihm das WM-Ticket sicherte.
Die Fragen stellte Wendelin Hübner
Luminata Zaituc: "Habe alles richtig gemacht"
Sabrina Mohnhaupt: "Eine tolle Saison"

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