08 Februar 2010 02:00
Timo Bracht startet am Samstag zum berühmtesten Triathlon der Welt, dem Ironman auf Hawaii. Der 33-Jährige spricht über sein Training, die Socken von Triathleten und Nöte auf dem Dixie-Klo.
Achim-Achilles.de: Hallo Herr Bracht, wie ist das Wetter auf Hawaii?
Timo Bracht: Die Bedingungen sind ziemlich spektakulär. Ich bin an der Flanke eines fast 3000 Meter hohen Vulkans untergebracht. Morgens ist sehr schönes Wetter. Wenn die Sonne draußen ist, knallt's richtig. Gegen Mittag hängen Wolken am Vulkan, dann wird es schwül. Außerdem gibt es auf der anderen Seite der Insel noch einen aktiven Vulkan, der ist immer mit dunklen Wolken verhangen.
Achim-Achilles.de: Welches Wetter erhoffen Sie sich für den Wettkampf am Samstag?
Bracht: Auf Hawaii gibt es den so genannten Mumuku-Wind, einen Fallwind, der weit draußen in der Lava-Wüste ziemlich hart zuschlägt. Das sind so starke Böen, dass man manchmal nahe dran ist, das Rad hinzuschmeißen, weil man nicht mehr vorwärts kommt. Ich hätte allerdings nichts dagegen, dass es auf dem Rad richtig heftig wird, dann wird schon früh viel Konkurrenz aussortiert. Das Rennen auf Hawaii ist so hart wie kein anderes, aber ich bin sehr gut vorbereitet.
Achim-Achilles.de: Sie sind seit dem 1. Oktober auf der Insel. Warum sind Sie schon so früh angereist?
Bracht: Früh ist gut – vergangenes Jahr war ich 14 Tage eher da. Hauptgrund ist nicht nur die Gewöhnung an das Klima, sondern der Zeitunterschied von zwölf Stunden. Der Körper braucht ein bisschen, um das zu verkraften. Die Deutschen reisen übrigens immer am frühsten an, die haben das Geld und die nötige Freizeit dazu.
Achim-Achilles.de: Wie sieht Ihr Trainingsplan aus?
Bracht: Gerade bin ich in der so genannten Taperphase, das bedeutet Form-Zuspitzung. Da wird das Training runter gefahren, man bewegt sich nur noch leicht. Auf meinem Plan für die Woche vor dem Wettkampf stehen 300 km Rad fahren, 12 km Schwimmen und 60 km Laufen. Das ist etwa die Hälfte von dem, was ich normalerweise trainiere. Jetzt arbeitet vor allem der Kopf hart. Es ist wie vor einer Klausur: das Warten auf den großen Moment.
Achim-Achilles.de: Im vergangenen Jahr wurden Sie 15. Wie gehen Sie das Rennen dieses Jahr an?
Bracht: Ich werde es auf jeden Fall sehr offensiv angehen. Das heißt, dass ich bis zum Ende konzentriert bleibe und mich nicht durch die Rahmenbedingungen oder bestimmte Rennkonstellationen durcheinander bringen lasse. Triathlon ist eine Einzelsportart – das gilt auf Hawaii um so mehr. Die Strecke ist in manchen Teilen für Zuschauer gesperrt, deshalb ist man während des Rennens sehr alleine und mit sich selbst beschäftigt. Mein Ziel ist es, trotzdem positiv gestimmt zu bleiben.
Achim-Achilles.de: Triathlon-Olympiasieger Jan Frodeno sagt, dass er während des Wettkampfs Selbstgespräche führt.
Bracht: Wenn ein Rennen richtig gut läuft, sage ich mir oft: Sei ruhig und laufe. Interessant wird es, wenn ich Probleme bekomme, zum Beispiel wenn ich zu langsam bin. Dann kann das Selbstgespräch schnell kippen: Hast Du doch nicht alles richtig gemacht? Bist Du doch nicht so gut, wie Du denkst? Hälst Du das Tempo doch nicht? In solchen Fragen darf man sich dann nicht verheddern, sondern muss versuchen, ruhig zu bleiben, positiv zu denken.
Achim-Achilles.de: Wie schaffen Sie das?
Bracht: Ich rufe mir positive Erlebnisse aus der Vergangenheit ins Gedächtnis, Rennen, in denen ich sehr stark war. Das wichtigste beim Ironman ist, nicht die Hoffnung zu verlieren. Wenn du keine Hoffnung mehr hast, wird es dunkel. Am Ende zählt dann oft nur noch, ins Ziel zu kommen – egal wie.
Achim-Achilles.de: Manche schaffen es nur auf allen Vieren.
Bracht: Das Problem auf Hawaii: Durch die extreme Hitze hast du einen unheimlichen Flüssigkeitsverlust, dir droht, nicht mehr Herr deiner Sinne zu sein. Beim Rennen vergangenes Jahr ist mir folgendes passiert: Ich musste auf die Toilette, bin aufs Dixie-Klo am Straßenrand gegangen, habe mich hingesetzt. Und beim Aufstehen ist mir komplett schwindlig geworden. Gott sei dank war das Klo so eng, dass ich gar nicht anders konnte als stehen zu bleiben. Erst als ich mich mit Eiswasser wieder runtergekühlt hatte, konnte ich weiterlaufen.
Achim-Achilles.de: Hawaii hat also seine eigenen Gesetze.
Bracht: Hawaii ist die ultimative Prüfung. Hier ist der Schmerz dreidimensional. Die erste Dimension ist der muskuläre Schmerz, den man vor allem als Läufer kennt. Die zweite Dimension kennen Triathleten als Kampf gegen die Müdigkeit im Körper, die allgemeine Schlappheit. Auf Hawaii kommt noch eine dritte Dimension dazu, der psychische Aspekt. Die Umweltbedingungen, die extreme Hitze, das Alleinsein führen zu einem starken Gefühl des Ausgeliefertseins. Man spürt die Schmerzen und das Leid noch viel stärker als sonst. Diese dritte Dimension kann man kaum trainieren, deshalb muss man im Wettkampf nicht nur schnell sein, sondern auch mental stark.
Achim-Achilles.de: Wie fühlt es sich an, so lange alleine durch die außergewöhnliche Landschaft Hawaiis zu rennen, zu fahren und zu schwimmen?
Bracht: Das Schwimmen ist absoluter Luxus, die einfachste Disziplin. Das Wasser trägt durch den hohen Salzgehalt, du hast eine gute Sicht – und nach einer Stunde ist es auch schon vorbei. Und die anderen Disziplinen sind – in Anführungszeichen – nur solange ein Genuss, wie du dich gut fühlst und Herr der Lage bist. Es ist ja schon ein Luxus, überhaupt hier zu sein. Viele setzen Beziehung und Job auf Spiel, um sich für den Ironman zu qualifizieren.
Achim-Achilles.de: Erklären Sie: Was macht an stundenlangem Rennen, Schwimmen, Rad fahren bitteschön Spaß?
Bracht: Den großen Reiz auf Hawaii macht aus, dass es eine Reise ins Ungewisse ist. Das hat etwas sehr Ursprüngliches, gerade beim Ironman. Hier ist nicht viel abgesichert, du kannst nicht nach einer Runde aufhören und zu deiner Familie gehen, die neben dran steht und dich nach Hause fährt. Es ist ein großes Abenteuer.
Achim-Achilles.de: Was sagt Ihre Familie zu ihrem Sport?
Bracht: Da ich schon so lange dabei bin, haben sie sich dran gewöhnt. Als Profi habe ich so eine Art Familienunternehmen, da ziehen alle an einem Strang. Die Akzeptanz des Triathlonsports hat sich generell gesteigert. Vor zwanzig Jahren galten Triathleten noch als verrückte Jungs mit langen Haaren und Birkenstock-Sandalen. Mittlerweile hat sich der Sport aber gemausert. Es gibt weniger Freaks, Abenteuer und Lifestyle-Aspekt stehen im Vordergrund.
Achim-Achilles.de: Wenn Ihr bester Kumpel fragen würde: Timo, ich will auch den Ironman machen! Was würden Sie ihm antworten?
Bracht: Mein Physiotherapeut und mein Mechaniker haben ein paar kleine Kilos zu viel. Deshalb habe ich ihnen eine Wette angeboten: Wenn ich den Ironman Frankfurt gewinne, zahle ich Ihnen den Start für den nächsten Ironman. Leider wurde ich Dritter ... Ich motiviere andere natürlich, Triahtlon zu machen. Das muss aber nicht gleich der Ironman sein, genauso wenig wie beim Laufen gleich der Marathon. Es geht erstmal darum, dass man ein Ziel hat. Ich kann deshalb nur jedem empfehlen, sich mal für ein größeres Rennen anzumelden, auch wenn es vielleicht über den Ansprüchen liegt. Hauptsache, man verliert über den Sport hinaus nicht das Leben aus dem Blick.
Achim-Achilles.de: Wie wichtig ist die Ausrüstung?
Bracht: Ein großer Hype im Triathlonsport. Beim Laufen gibt’s die Laufschuhe und los geht’s. Bei uns gibt es zwar ein bisschen mehr, aber als Einsteiger kann man mit einem normalen Rennrad, einem geliehenen Helm und einer günstigen Schwimmbrille schon sehr weit kommen. Wer ambitionierter ist, kann Stück für Stück aufrüsten. Triathleten sind natürlich Sportler, die gerne alles ausprobieren. Bei Laufveranstaltungen stehen oft Sportler in Baumwollsocken. Beim Triathlon tragen sie die neuesten Kompressionssocken – obwohl sie gar nicht schneller laufen, vielleicht sogar langsamer.
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