30 Mai 2011 00:00
Vom Säufer zum Läufer: Der Österreicher Christian Schiester trank früher exzessiv Alkohol, heute läuft er Extremrennen in der Wüste oder Antarktis. Im Interview erzählt er, wie er mit dem Kopf den Körper überlistet – und wie er dank eines Survival-Tricks die Wüste Gobi überlebte.
Herr Schiester, Sie haben beim „4 Deserts Cup“ vier Wüsten durchlaufen, jeweils 250 Kilometer innerhalb einer Woche. Sie sind doch verrückt.
Christian Schiester: Was ist schon verrückt? Um das zu wissen, müssen wir erst mal fragen: Was ist normal? Dass einer durch die Wüste rennt und sich Fähigkeiten aneignet, die in der Natur des Menschen angelegt sind? Oder ist es normal, dass der Mensch vermeidet, sich zu bewegen, mit dem Aufzug fährt oder mit dem Flugzeug fliegt? Mir ist aber schon klar, dass das, was ich tue, für die breite Masse alles andere als normal ist. Andererseits: Von Europa aus sieht ein Lauf durch die Wüste viel gefährlicher aus, als es tatsächlich ist.
Wie bitte? Sie wären in der Wüste Gobi fast zu Tode gekommen.
Das stimmt, dort habe ich nur mit sehr viel Glück überlebt. Ich dachte, ich verrecke.
Was war passiert?
Ich lief eine 99-km-Etappe des „Gobi March“ und war schon mehr als zehn Stunden unterwegs. Ich war stark dehydriert, halluzinierte und brach zusammen. Es war ein Schockzustand. Doch ich erinnerte mich an einen Survival-Trick, den ich im Fernsehen gesehen hatte: Ich grub mich tief in eine Düne ein, so tief, dass ich auf kühleren Sand stieß.
Und dort hat Sie jemand gefunden?
Nein, dort geht dich auch keiner suchen. Die Gobi ist ein Meer aus rotem Sand, keine Chance, dort jemanden zu finden. Am Vortag war ein Amerikaner ebenfalls zusammengebrochen – er kannte den Trick mit dem Eingraben nicht, vertrocknete und starb.
Grauenhaft. Wie konnten Sie sich retten?
Ich wusste, dass ich meinem Körper Energie zuführen musste. Meine Hände waren vollkommen verkrampft, doch mit dem Mund gelang es mir, den Rucksack aufzumachen, wo ich ein paar Datteln hatte. Ich war völlig weggetreten, konnte nichts sehen und hatte keinen Geschmackssinn. Der Zucker aus den Datteln hat mich gerettet, ich konnte wieder sehen, zumindest verschwommen – für die letzten vier Kilometer bis ins Ziel brauchte ich 2:08 Stunden. Meine GPS-Uhr zeigt mit hinterher an, dass ich 18 Minuten in der Wüste gelegen war.
Dachten Sie danach ans Aufhören?
Nein. Aber ich denke jeden Tag daran, wie ich damals in der Wüste lag. Ich möchte aber nicht so tun, als ob ich ein Held wäre, der die Wüste überlebt hat. Ich hatte einfach nur Glück, das Glück des Erfahrenen vielleicht.
Worin besteht überhaupt der Reiz, bei 50 Grad durch die Wüste zu rennen?
Wenn man nichts anderes zu tun hat außer Laufen, Essen, Schlafen, werden ganz große Gedankenmuster frei: Zufriedenheit, Bescheidenheit. Der Verzicht ist eine Lebensschule. Und der Lauf an sich ist ein eigenartiger Zustand. Der Körper wehrt sich zunächst mit Schmerzen, schreit: Bleib stehen! Doch was die wenigsten können und wozu ganz viel Erfahrung gehört: Meine Psyche schickt dem Körper in diesem Moment ein gutes Gefühl. Das ist dann der Hype-Zustand: Ich bin einfach nur zufrieden, weil ich durch diese grauenhaft heiße Wüste laufen darf und Bilder speichere, die den Rest meines Lebens im Kopf bleiben.
Sie sind trotz der Belastungen noch empfänglich für Natureindrücke?
Das würde ich nicht behaupten. Ich bin kein Sightseeing-Läufer, der sich über irgendwelche Dünen oder Felsformationen freut. Meine Wahrnehmung begrenzt sich auf die unglaubliche Härte der Natur. Beim Trail-Running muss man bei jedem Schritt hochkonzentriert sein, sonst stürzt man oder fällt irgendwo rein und verletzt sich schwer.
Was haben Sie durch den Sport über Ihren Körper gelernt?
Ich höre die innere Stimme, das heißt, ich gebe dem Körper das, was er braucht und verlangt. Das kann auch ein Wiener Schnitzel oder ein Leberkäs’ sein; Ernährung, die dem Kopf hilft, weil sie mich zufrieden macht.
Lieben Sie Schmerzen?
Nein. Aber der Schmerz ist natürlich Teil des Ganzen. Und wenn diese Rennen nicht so schmerzhaft wären, würden wahrscheinlich Tausende daran teilnehmen. Wobei: Ich behaupte, dass im Grunde jeder durch die Wüste laufen kann. Die Dinge, die ich mache, sind nicht übermenschlich. Das Wichtigste ist, dass man sich an die Startlinie stellt und sagt: Ich mache es! Natürlich muss man aber gesund sein und sich richtig vorbereiten.
Klingt einfach. Sie trainieren aber unter anderem auf dem Laufband in der Sauna.
Das ist ein Kopftraining und hat mit der körperlichen Vorbereitung nicht viel zu tun. Wenn ich bei 50 Grad durch die Sahara laufe, kann ich zu mir sagen: Mach dir nicht in die Hosen, du bist bei 60 Grad in der Sauna gelaufen!
Welche Trainingsumfänge kommen denn in der Vorbereitung auf einen Extremlauf zusammen?
Fünf, sechs Monate vor einem Rennen komme ich auf rund 300 Wochenkilometer. Ich nehme den Rucksack mit, habe ein kleines Zelt dabei und laufe in die Berge. Dort, wo es mir gefällt, schlage ich mein Zelt auf und renne am nächsten Tag weiter. Das ist überhaupt nicht vergleichbar mit einer Marathon-Vorbereitung mit Intervalltraining und Laktattests. Es gibt kein Schema F, nach dem ich vorgehe – aber mir geht es gut dabei, und das ist das Entscheidende. Für mich ist Laufen wie Waschen, Rasieren, Zähneputzen, es gibt keinen Tag seit dem 16. Juni 1989, an dem ich nicht trainiert habe.
Was hat es mit dem 16. Juni 1989 auf sich?
Bis zu diesem Datum habe ich alles vermieden, was mit Bewegung zu tun hat. Ich wog mehr als 100 Kilo, war Kettenraucher und habe jeden Tag exzessiv Alkohol getrunken. Als ich 21 Jahre alt war, hat mein Hausarzt gesagt: Wenn du so weiter machst, bist du mit 30 hin. Da ich nicht wusste, wie sehr meine Organe bereits geschädigt waren, rechnete ich mit dem Schlimmsten. Die restliche Zeit wollte ich dafür umso intensiver leben.
Also begannen Sie mit dem Laufen.
Richtig. Ein Schlüsselerlebnis war ein 7-km-Rennen, bei dem ich Drittletzter wurde und mich ein 72-Jähriger niedersprintete. Hinterher sagte er mir, er habe noch nie einen Läufer gesehen, der so sehr gekämpft hat wie ich. Anderthalb Jahre später war ich Österreichischer Landesmeister im Halbmarathon.
Haben Sie die Alkoholsucht gegen die Laufsucht eingetauscht?
Ich glaube, dass jeder Mensch nach etwas süchtig ist, egal, um was es geht. Und ich bin auch ein Mensch und keine Maschine. Und ja, ich bin süchtig nach dem Zustand, der beim Laufen entsteht: diese vollkommene Zufriedenheit.
Interview: Wendelin Hübner

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