06 Oktober 2011 00:00
Vier Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Rad fahren und ein Marathon: Der Ironman Hawaii ist einer der härtesten Wettkämpfe der Welt. Triathlon-Profi Jan Raphael will in diesem Jahr vorne mitmischen – Selbstgespräche und die Aussicht auf Eiscreme sollen ihm dabei helfen, sagt er im Interview.
Achim-Achilles.de: Herr Raphael, der legendäre Triathlet Thomas Hellriegel hat mal gesagt: "Man muss Masochist sein, um beim Ironman Hawaii zu starten." Lieben Sie Schmerzen?
Jan Raphael: Ich bin bestimmt nicht masochistisch veranlagt. Aber Schmerzen gehören zum Leistungssport dazu – und zum Triathlon sowieso. Der Ironman auf Hawaii ist mit seinen harten Bedingungen natürlich eine besondere Aufgabe.
Knapp vier Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Rad fahren und ein Marathon liegen vor Ihnen. Vor welcher Disziplin haben Sie am meisten Respekt?
Vor dem Radfahren. Das hat mit der Dauer der Disziplin zu tun – gut die Hälfte der gesamten Renndauer sitzt man auf dem Rad; und die extremen Bedingungen kriegt man auf dem Rad am stärksten mit. Die aerodynamischen Räder bieten viel Angriffsfläche für den Wind – und wenn der richtig bläst, fliegen schon mal Gartenstühle durch die Luft, und mancher Sportler landet auf dem Lavafeld.
Bekommen Sie während des Rennens etwas von der Landschaft mit?
Wenn es gut läuft, habe ich einen Tunnelblick, wenn es schlecht läuft, nehme ich mehr wahr. Auf Hawaii hat man kaum Zuschauer, rechts und links vom Highway liegen Lavafelder, in der Ferne sieht man ein bisschen das Meer – das ist ziemlich öde und macht die Strecke so anspruchsvoll. Man muss sich das gesamte Rennen über selbst motivieren.
Ich führe Selbstgespräche. Ich rede mir ein, dass ich gut trainiert habe. Und wenn ich ein Tief habe, sage ich mir, dass es den anderen gerade ähnlich geht.
Was ist wichtiger, um das Ziel zu erreichen: Talent oder Willenskraft?Der Wahnsinn sind doch die Hobbytriathleten, die einen Ironman schaffen. Die sind 12 oder 14 Stunden unterwegs und leiden viel mehr Schmerzen als wir Profis. Das ist eine extreme Willensleistung, die ich viel höher einschätze als unsere.
Ist Hawaii für Sie ein großes Abenteuer?
Es ist ein Abenteuer, aber vor allem ist Triathlon mein Beruf. Letztlich ist das ein Wettkampf wie anderswo auch.
Klingt sehr nüchtern – haben Sie nicht als junger Triathlet von Hawaii geträumt?
Als ich mit Triathlon angefangen habe, war das für mich einfach nur ein schöner Sport. Der Traum von Hawaii kam erst, als ich merkte, dass ich ganz gut bin. Hawaii ist zwar immer etwas besonderes, weil die besten Triathleten der Welt antreten. Mittlerweile ist das aber mein vierter Auftritt auf der Insel – es ist also schon fast ein bisschen normal für mich, hierher zu reisen.
Besteht der "Mythos Hawaii“ für Sie trotzdem noch?
Auf jeden Fall. Den Mythos machen für mich die harten Wetterbedingungen aus; die Temperaturen, der Wind, alles ändert sich von Minute zu Minute, nichts kann man vorhersehen. Bei meinen vergangenen Hawaii-Starts mit den relativ schwachen Ergebnissen, kam ich mit dem heftigen Wind nicht zurecht. Ich bin seit mehreren Wochen auf der Insel, um zu lernen, damit umzugehen.
Beschreiben Sie die Stimmung vor Ort.
Kona, der Ort, an dem der Wettkampf stattfindet, ist ein kleines Nest. Ab und zu legt hier ein Kreuzfahrtschiff an, ansonsten ist überhaupt nichts los ...
... bis die Triathleten kommen.
Genau. Mittlerweile herrscht ein Riesentrubel, man trifft einen Haufen Leute. In unserem Sport geht es recht familiär zu, man kennt eigentlich jeden Profi-Triathleten der Welt, es gibt viel Smalltalk. Aber je näher das Rennen rückt, desto größer wird die Spannung – und die Gespräche untereinander werden weniger.
Welche Platzierung peilen Sie dieses Jahr an?
Auch wenn vom Papier her mindestens zehn Leute besser sind als ich: Wenn ich schon hierher komme, will ich auch unter die ersten zehn. Aber ein Ironman mit acht Stunden Renndauer ist so schwer vorhersehbar, dass vielleicht 20, 30 Leute um die Top-Ten-Platzierungen mitmischen.
Sie blicken auf eine gute Saison zurück, mit Platz vier in Texas und Platz zwei in Frankfurt. Wie sehr hilft das dem Kopf?
Solche Erfolgserlebnisse sind das Entscheidende. In den vergangenen Jahren hatte ich zwar auch eine gute Form, habe aber nicht so richtig an mich geglaubt. Diesmal bin ich mit dem Gefühl angereist, einen kleinen Lauf zu haben. Ich weiß, dass ich mithalten kann.
Ist irgendwann sogar ein Hawaii-Sieg möglich?
Das ist ein Fernziel, ganz klar. Als Profi muss ich auch den Glauben daran haben, so ein Rennen mal gewinnen zu können. Wer sich die Ergebnisse der vergangenen Jahre anschaut, sieht aber: Der Altersschnitt in den Top Ten liegt bei 35 Jahren. Ich bin erst 31, habe also noch ein bisschen Zeit.
Womit werden Sie sich nach dem Rennen belohnen?
Ich habe sechs Wochen auf Süßigkeiten verzichtet, und hier gibt es so gutes Eis – eine Riesen-Packung liegt schon längst im Kühlfach.
Interview: Wendelin Hübner
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