27 Oktober 2011 00:00
Lauf-Stars

Marathon-Profi Pollmächer: "Es ist niemand da, der mal auf den Tisch haut" (Foto: BMW Frankfurt Marathon)
Warum gibt es keine Weltklasse-Langstreckenläufer aus Deutschland? Weil zu lasch trainiert wird und die Sportverbände Fehler machen, sagt Andre Pollmächer im Achilles-Interview. Der Marathon-Profi will selbst die Ausnahme sein – und sich jetzt das Olympia-Ticket sichern.
Achim-Achilles.de: Herr Pollmächer, am Sonntag starten Sie beim Frankfurt-Marathon, und auf Ihrem Web-Blog schreiben Sie von den Alpträumen, die Sie vor dem Rennen haben. Sind Sie wirklich so nervös?
Andre Pollmächer: Nein, ich bin total entspannt. Aber ein Marathon ist ein kompliziertes Gefüge aus tausenden Bausteinen. Dass mich das bis in den Schlaf verfolgt, sehe ich als Form von Professionalität, als Zeichen dafür, wir sehr ich mich mit dem Rennen auseinander setze. Jeder, der im Leistungssport denkt, einen Marathon macht man so nebenbei, der hat’s nicht verstanden.
Deutschland hat nur wenige Langstreckenläufer, die international mithalten können. Können Sie das erklären?
Andre Pollmächer, Jahrgang 1983, gilt derzeit als schnellster deutscher Marathonläufer. International war der Sieg beim 10.000-Meter-Europacup sein größter Erfolg, national stehen zwei Deutsche Meisterschaften im Halbmarathon zu Buche. Pollmächer lebt in Potsdam und startet für den Verein Rhein-Marathon Düsseldorf.
Es sind zwei wesentliche Faktoren. Erstens gibt es kein geordnetes System; jeder Verein, jeder Trainer meint, er müsse seine Weltmeister selbst entwickeln. Deutschland hat unzählige Laufzentren und in vielen gibt es talentierte Läufer. Aber anstatt dass diese Talente in ein paar wenigen Leistungszentren als Gruppe zusammen trainieren und voneinander profitieren, läuft jeder nur so vor sich hin. Der zweite Grund ist, dass der Leistungsanspruch nicht mehr gegeben ist.
"Die Verbände dulden bei den Athleten viel zu viel."
Wie meinen Sie das?
Die Verbände dulden bei den Athleten viel zu viel. Ob einer während der Olympia-Qualifikation trainiert oder in einer TV-Show auftritt, interessiert keinen Menschen. Laufen ist knallharte Arbeit, Konzentration bis ins letzte Detail. Wenn ich trotzdem Zeit habe für irgendwelche Scheinaktivitäten, mache ich mir vielleicht einen Namen und kann mich gut verkaufen – aber Leistung erziele ich keine. Und in den Verbänden ist dann niemand da, der mal auf den Tisch haut und sagt: So geht es nicht.
Ist der Anspruch so niedrig, weil die deutschen Läufer nicht zur Weltspitze zählen?
Wir hatten ja schon einen deutschen Marathon-Olympiasieger ...
... Waldemar Cierpinski, der 1976 in Montreal Gold gewann. Das ist ein Weilchen her.
Mag sein. Aber ein Cierpinski hat doch das ganze Wissen, wie man so einen Erfolg vorbereitet. Das Problem ist, dass niemand mehr so hart trainieren will wie er damals. Ich habe schon Athleten sagen hören: Nein, in dieses oder jenes Trainingslager fahre ich nicht, das ist mir zu anstrengend.
Die deutschen Läufer sind zu bequem?
Ja, uns geht es doch auch so gut. Ich habe aber festgestellt, dass es inzwischen wieder einige jüngere Läufer gibt, die ihren Sport ernsthafter betreiben.
Marathon ist Volkssport, jeder halbwegs Trainierte darf mitlaufen. Ein weiterer Grund, warum so wenige bereit sind, sich zu quälen?
Wenn ich in Frankfurt an den Start gehe und ein Feld von 15.000 Läufern anführe – allein das müsste doch Anreiz genug sein, richtig zu arbeiten.
"Ich habe das Potenzial für Olympia."
Sie selbst haben in Frankfurt ein großes Ziel: 2:12 Stunden, was die Qualifikation für den Olympia-Marathon im nächsten Jahr bedeuten würde. Schaffen Sie das?
Ich bin überzeugt, dass ich das Potenzial habe und dass wir das Training richtig gestaltet haben. Aber beim Marathon gibt es Faktoren, die ich nicht beeinflussen kann. Wenn ich am Versorgungsstand das richtige Getränk verpasse, bleibe ich bei Kilometer 30 stehen. Aber sollte das Wetter mitspielen und der Rennverlauf vernünftig sein, glaube ich, dass ich die 2:12 drauf habe.
Ihre Website trägt die Überschrift "Projekt London". Ordnen Sie alles in Ihrem Leben dem Ziel Olympia unter?
Ich habe als Leistungssportler schon immer alles dem Laufen untergeordnet habe. Meine Freundin kann davon ein Lied singen. Von wegen am Wochenende mal im Tierpark spazieren gehen – das fällt momentan aus. Es wird aber natürlich auch wieder andere Phasen geben.
Was ist, wenn Sie am Sonntag die Olympia-Qualifikation verpassen?
Dann würde ich das Positive sehen. Nämlich dass ich noch ein knappes halbes Jahr Zeit hätte, um ein höheres Niveau zu erreichen und im Frühjahr die Olympia-Norm zu packen.
Wie würde sich die Qualifikation konkret auf Ihr Leben auswirken?
Kurzfristig würde sich natürlich das gesamte Training auf Olympia ausrichten. Aber langfristig würde sich nicht viel ändern, nur weil ich dabei bin.
"Ich habe einen Verein, der mir vertraut und vieles ermöglicht"
Aber der Faktor Olympia würde sich doch auszahlen auf Sponsorenverträge und ein noch professionelleres Training?
Der olympische Gedanke – „Dabei sein ist alles“ – zählt da wenig. Ich müsste schon eine Platzierung unter den Top acht erreichen, damit sich beim Sponsoring etwas tut. Auf das Training würde sich so ein Erfolg aber eher nicht auswirken, denn ich lebe bereits komplett als Profi, muss also nicht einer Arbeit nachgehen. Ich habe einen guten Manager und einen Verein (Rhein-Marathon Düsseldorf, Anmerkung d. Red.), der mir vertraut und vieles ermöglicht.
Sie sind 28 Jahre alt, für Marathonläufer ist das noch jung. Was ist für Sie noch möglich in Ihrem Sport?
Träume darf man ja haben. Und wenn ich über Olympia hinaus denke, träume ich von einer Top-fünf-Platzierung bei der Leichtathletik-Europameisterschaft 2014.
Interview: Wendelin Hübner
Fotostrecke: Die Stars beim Frankfurt-Marathon 2011
Gipfeltreffen am Main: Beim diesjährigen Frankfurt-Marathon am Sonntag treffen alle Gewinner der Jahre 2005 bis 2010 aufeinander. Außerdem starten gleich mehrere deutsche Athleten mit Olympia-Hoffnungen. Die Fotostrecke zeigt die Stars bei Deutschlands ältestem Stadtmarathon.
Alle Fotos: BWM Frankfurt Marathon
Wilfred Kigen, Seriensieger der Jahre 2005 bis 2007, wird in der Mainmetropole mit 36 Jahren seinen wahrscheinlich letzten Marathonlauf absolvieren und sich noch einmal mit der Weltklasse messen.
Gilbert Kirwa aus Kenia siegte vor zwei Jahren in 2:06:14 Stunden. Damals war das eine Streckenrekord – der allerdings nur bis 2010 Gültigkeit hatte. Denn dann kam der große Auftritt von ...
... Wilson Kipsang. Der Kenianer siegte im Vorjahr in sehr schnellen 2:04:57 Stunden und pulverisierte Kirwas Streckenrekord.
Auch der Sieger des Jahres 2008 startet am Sonntag: Robert Kiprono Cheruiyot hatte das Traditionsrennen vor drei Jahren als Debütant gewonnen und sich damit für noch höhere Ziele empfohlen. Eines davon realisierte der mittlerweile 23-jährige Kenianer mit seinem Sieg beim Boston-Marathon 2010 in persönlicher Bestzeit von 2:05:52 Stunden.
Zum Favoritenkreis zählt auch Deriba Merga. Seinen persönlichen Rekord (2:06:38) ist der Äthiopier als Sechster des London-Marathons 2008 gelaufen.
Mit Agnes Kiprop aus Kenia kehrt am 30. Oktober eine frühere Frankfurt-Siegerin zurück in die Mainmetropole. Die 32-Jährige hatte im Jahr 2009 in 2:26:57 Stunden triumphiert, im Vorjahr wurde sie Dritte in persönlicher Bestzeit (2:24:07).
Sieganwärterin ist auch Fate Tola aus Äthiopien. Die 23-Jährige hatte im April den Wien-Marathon (2:26:21) gewonnen.
Mamitu Daska zählt gleichfalls zur Weltspitze, die Bestzeit der 27-jährigen Äthiopierin liegt bei 2:24:19 Stunden, gelaufen im Januar 2010 als Siegerin des Dubai-Marathons. In diesem Jahr gewann Daska bereits den Houston-Marathon (2:26:33).
Herausgefordert werden die schnellen Afrikanerinnen von europäischen Eliteläuferinnen. Unter anderen von der 32-maligen deutschen Meisterin
Sabrina Mockenhaupt (Bestzeit 2:26:21). "Mocki" konnte das Rennen bereits ein Mal gewinnen (2008). In diesem Jahr steht für die 30-Jährige im Vordergrund, die Olympianorm zu packen – die liegt bei den Frauen bei 2:30 Stunden.
Von Olympia träumt auch André Pollmächer. Der 28-Jährige gilt derzeit als Deutschlands größte Marathon-Hoffnung. In Frankfurt muss er mindestens 2:12 Stunden laufen, um sich für Olympia 2012 zu qualifizieren.
Noch ein Olympiakandidat? Beim Frankfurt-Marathon wird sich zeigen, wie stark der 33-jährige Jan Fitschen wirklich ist. Der ehemalige 10.000 Meter-Europameister (2006) litt bei seinem Marathondebüt im Mai (2:20:15) auch unter der extremen Hitze. Jetzt peilt er eine Zeit zwischen 2:14 und 2:15 Stunden an.
Österreich schickt seinen besten Langstreckenläufer nach Hessen: Günther Weidlinger, seines Zeichens österreichischer Staatsrekordhalter (2:10:47, aufgestellt beim Frankfurt-Marathon 2009).
Der größte Star des Frankfurt-Marathons wird aber der Mann sein, der erst vor wenigen Tagen einen spektakulären Weltrekord aufstellte: Fauja Singh ist der erste Mensch, der im zarten Alter von 100 Jahren einen Marathon lief. Der Londoner (rechts im Bild) wird im Rahmen des Frankfurt-Marathons am 29./30. Oktober als Mitglied einer Interreligiösen Staffel starten und am traditionellen Brezellauf teilnehmen.
Das hr-fernsehen übertragt den Frankfurt-Marathon am 30. Oktober live von 10 bis 14 Uhr, zudem wird auf hr-online.de ein Livestream angeboten, der weltweit abrufbar ist.
Gipfeltreffen am Main: Beim diesjährigen Frankfurt-Marathon am Sonntag treffen alle Gewinner der Jahre 2005 bis 2010 aufeinander. Außerdem starten gleich mehrere deutsche Athleten mit Olympia-Hoffnungen. Die Fotostrecke zeigt die Stars bei Deutschlands ältestem Stadtmarathon.
Alle Fotos: BWM Frankfurt Marathon
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Gilbert Kirwa aus Kenia siegte vor zwei Jahren in 2:06:14 Stunden. Damals war das eine Streckenrekord – der allerdings nur bis 2010 Gültigkeit hatte. Denn dann kam der große Auftritt von ...
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Auch der Sieger des Jahres 2008 startet am Sonntag: Robert Kiprono Cheruiyot hatte das Traditionsrennen vor drei Jahren als Debütant gewonnen und sich damit für noch höhere Ziele empfohlen. Eines davon realisierte der mittlerweile 23-jährige Kenianer mit seinem Sieg beim Boston-Marathon 2010 in persönlicher Bestzeit von 2:05:52 Stunden.
Zum Favoritenkreis zählt auch Deriba Merga. Seinen persönlichen Rekord (2:06:38) ist der Äthiopier als Sechster des London-Marathons 2008 gelaufen.
Mit Agnes Kiprop aus Kenia kehrt am 30. Oktober eine frühere Frankfurt-Siegerin zurück in die Mainmetropole. Die 32-Jährige hatte im Jahr 2009 in 2:26:57 Stunden triumphiert, im Vorjahr wurde sie Dritte in persönlicher Bestzeit (2:24:07).
Sieganwärterin ist auch Fate Tola aus Äthiopien. Die 23-Jährige hatte im April den Wien-Marathon (2:26:21) gewonnen.
Mamitu Daska zählt gleichfalls zur Weltspitze, die Bestzeit der 27-jährigen Äthiopierin liegt bei 2:24:19 Stunden, gelaufen im Januar 2010 als Siegerin des Dubai-Marathons. In diesem Jahr gewann Daska bereits den Houston-Marathon (2:26:33).
Herausgefordert werden die schnellen Afrikanerinnen von europäischen Eliteläuferinnen. Unter anderen von der 32-maligen deutschen Meisterin
Sabrina Mockenhaupt (Bestzeit 2:26:21). "Mocki" konnte das Rennen bereits ein Mal gewinnen (2008). In diesem Jahr steht für die 30-Jährige im Vordergrund, die Olympianorm zu packen – die liegt bei den Frauen bei 2:30 Stunden.
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Noch ein Olympiakandidat? Beim Frankfurt-Marathon wird sich zeigen, wie stark der 33-jährige Jan Fitschen wirklich ist. Der ehemalige 10.000 Meter-Europameister (2006) litt bei seinem Marathondebüt im Mai (2:20:15) auch unter der extremen Hitze. Jetzt peilt er eine Zeit zwischen 2:14 und 2:15 Stunden an.
Österreich schickt seinen besten Langstreckenläufer nach Hessen: Günther Weidlinger, seines Zeichens österreichischer Staatsrekordhalter (2:10:47, aufgestellt beim Frankfurt-Marathon 2009).
Der größte Star des Frankfurt-Marathons wird aber der Mann sein, der erst vor wenigen Tagen einen spektakulären Weltrekord aufstellte: Fauja Singh ist der erste Mensch, der im zarten Alter von 100 Jahren einen Marathon lief. Der Londoner (rechts im Bild) wird im Rahmen des Frankfurt-Marathons am 29./30. Oktober als Mitglied einer Interreligiösen Staffel starten und am traditionellen Brezellauf teilnehmen.
Das hr-fernsehen übertragt den Frankfurt-Marathon am 30. Oktober live von 10 bis 14 Uhr, zudem wird auf hr-online.de ein Livestream angeboten, der weltweit abrufbar ist.
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