31 Oktober 2011 10:43
Er kommt bei den Rennen meistens als Letzter ins Ziel – trotzdem ist Fauja Singh der wohl berühmteste Läufer der Welt: Der Hundertjährige ist der älteste Mensch, der jemals einen Marathon gelaufen ist. Achim-Achilles.de traf den Briten zum Exklusiv-Interview.
Achim-Achilles.de: Fauja Singh, Sie kommen gerade von einem Sechs-Kilometer-Lauf. Wie war’s?
Fauja Singh: Ach, das war gar kein richtiger Lauf. Das war einfach nur ein bisschen Beine ausschütteln.
Viele alte Menschen sind froh, wenn sie ohne Hilfe aus dem Bett kommen. Sie sind als Hundertjähriger der wohl berühmteste Marathonläufer der Welt.

Es ist Gottes Wille, dass ich gesund bin und in meinem Alter noch so herumlaufen kann. Dass ich berühmt bin, bekomme ich gar nicht so mit. Aber ich genieße jeden Lauf und finde es toll, dass sich die Menschen mit mir freuen.
Sie sind ein Idol geworden für viele Läufer auf der ganzen Welt.
Es macht mir Freude, zu sehen, dass sich insbesondere ältere Menschen durch mich ermutigt fühlen, Sport zu treiben. Aber als ich mit dem Laufen begann, war das gar nicht meine Absicht, ein Vorbild oder berühmt zu werden. Ich bin nur ein ganz normaler Mann, der etwas für seine Gesundheit tun möchte.
Wann haben Sie mit dem Laufen angefangen?
Als ich noch ein Junge war, damals in Indien, habe ich Sport geliebt. Ich wollte immer zusehen oder mitmachen, egal ob beim Wettlauf, Gewichtheben oder Ochsenrennen. Und weil ich nicht zur Schule ging, hatte ich auch viel Zeit dazu. Dann kam das Jahr 1947, Indien erklärte sich unabhängig, es gab viel Blutvergießen. Rennen tat man nicht mehr einfach zum Spaß, sondern es entschied über Leben und Tot. Da habe ich mit dem Laufen aufgehört.
Wie haben Sie zurückgefunden zum Sport?
Erst starb meine Frau, dann verlor ich einen Sohn durch einen schrecklichen Unfall. Ich wollte nicht alleine bleiben und beschloss, mein Leben als Bauer in Indien aufzugeben. Mit meinem jüngsten Sohn zog ich nach Großbritannien – und dort sah ich eines Tages einen Marathon im Fernsehen. Das gefiel mir und ich beschloss, selbst mal mitzumachen.
Und dann haben Sie begonnen, Wettkämpfe zu laufen?
Los ging es mit 100-Meter-Läufen, bei denen ich aber oft verlor. Irgendwann schlug mir jemand vor, bei Wohltätigkeitsrennen mitzumachen und längere Distanzen zu laufen; fünf Kilometer, zehn Kilometer, 20 Kilometer – und 1999 bin ich dann beim London-Marathon gestartet.
Fauja Singhs Trainer Harmander Singh schaltet sich in das Gespräch ein.
Harmander Singh: Fauja kannte nicht den Unterschied zwischen Meilen und Kilometern. Nach seinem ersten Halbmarathon dachte er, zwischen den 21 Kilometern und den 26 Meilen eines Marathons sei kein großer Unterschied.
Sie sind inzwischen acht Marathons gelaufen. Was gefällt Ihnen daran?
Fauja Singh: Das Laufen hält mich gesund und bei den Marathons habe ich die Möglichkeit, Spendengeld für Bedürftige zu sammeln. Und der Segen der Bedürftigen sorgt wiederum dafür, dass ich gesund bleibe. Es ist ein Kreislauf.
Wie viel trainieren Sie?
Ich bewege mich jeden Tag bis zu 16 Kilometer. Viel Walking und ein kleines bisschen Jogging.
Achten Sie besonders auf Ihre Ernährung?
Ich esse, um zu leben, und lebe nicht, um zu essen. In den armen Ländern sterben die Menschen an Unterernährung; in den reichen Ländern sterben sie, weil sie zu viel essen. Ich nehme nicht viel zu mir und auch nur das, was mir gut tut.
Ich habe gehört, Sie schwören auf Ingwer.
Ingwer-Curry, ja. Ich liebe den Geschmack und es hält meinen Körper im Gleichgewicht.
Kürzlich liefen Sie in Toronto, jetzt sind Sie in Frankfurt, dazwischen waren Sie zu Hause in London. Wie verkraften Sie die vielen Reisen?
Das Fliegen ist für mich pure Entspannung. Ich fahre zeitig zum Flughafen, dort kümmern sich alle um mich, ich muss nur noch ins Flugzeug steigen – und schlafen.
Wo werden Sie Ihren nächsten Marathon laufen?
Harmander Singh (der Trainier): Das entscheide ich. Fauja hat den Wunsch, noch mindestens einen weiteren Marathon zu laufen, am liebsten zu Hause in London. Wir werden sehen.
Wie lange wollen Sie mit dem Sport weitermachen?
Fauja Singh: Das Laufen hält mich am Leben, ich werde so lange wie möglich weitermachen. Denn nach dem Tag, an dem ich die Laufschuhe an den Nagel hänge, würde mein Körper nicht lange gesund bleiben. Ich würde bald sterben.
Interview: Wendelin Hübner

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