Achim Achilles empfiehlt:Keine Ausreden: Die besten Tipps, Tricks und Regeln für den sicheren Winterlauf. |
17 Juni 2010 02:00
Der Triathlet aus Saarbrücken gehört seit dem Gewinn von olympischem Gold zur Riege deutscher Vorzeigeathleten. Jetzt ist Jan Frodeno nach Berlin gekommen, um den Bundespräsidenten zu wählen.
Als der Junge 15 Jahre alt war, bestand seine Mutter darauf, dass er einen Schwimmkurs absolviere. Jan war im Wellenreiten immer besser geworden und schob sein Brett täglich weiter hinaus in die Wellen vor Kapstadts Strand – aber über Wasser hielt er sich eher wie ein Welpe, der mit allen Vieren strampelt. Drei Jahre später war er bereits Rettungschwimmer in Südafrika. Im Sommer 2008 holte der gebürtige Kölner schließlich in Peking die Goldmedaille im Triathlon. Und am 60. Geburtstag der Bundesrepublik gehört Jan Frodeno, 28, zu den 1224 Männern und Frauen, die im Reichstag zur Wahl des Bundespräsidenten schreiten.
Frodeno dachte zuerst an einen Scherz, als er auf einer Veranstaltung gefragt wurde, ob er sich vorstellen könne, als Vertreter des Saarlandes in die Bundesversammlung einzuziehen. Deutschlands Triathlon-Elite ist in Saarbrücken stationiert, wo die Athleten in Wohngemeinschaften zwischen Karbonfelgen, Neoprenanzügen und Bergen verschwitzter Laufschuhe hausen. Mit großer Politik im allgemeinen und Staatsoberhäuptern speziell hat man eher selten zu tun.
Der Olympiasieger informierte sich, dachte nach und beschloß dann, dass es "eine gewaltige Ehre sei, bei dieser Wahl mitzumachen." Natürlich ist ihm klar, dass er der Saar-CDU durchaus als Zierrat dient, um das Wahlgremium etwas bunter zu gestalten. Andererseits besteht er darauf, nicht als Beutewähler einer Partei anzutreten, sondern "als freier Bürger". Sicherheitshalber hatte die Unions-Fraktion ihre Wahlfrauen und -männer am Freitagnachmittag noch mal einbestellt, um das Procedere zu erklären.
Dass Frodeno für den Amtsinhaber stimmt, "ist allein meine Entscheidung und nicht von einer Partei diktiert. Horst Köhler hat in seiner ersten Amtszeit gute Arbeit geleistet – das ist, was zählt." Mehr als einen Smalltalk mit Köhler hat er allerdings nicht als Grundlage; Gesine Schwan und Peter Sodann kennt er nur aus dem Fernsehen. "Das ist ein bisschen wie bei einer Bundestagswahl: Man entscheidet nicht über konkrete Personen, sondern eher über deren gefühlte Kompetenz."
Der Geburtstag der Republik lässt den Triathleten dagegen eher kalt. "Wir Sportler sind doch ständig gute Patrioten, wenn wir uns jeden Tag zum Training aufraffen. Natürlich ackern wir für uns selbst, aber gerade in großen Wettbewerben vor allem für unser Land." Der Termin der Präsidentenwahl passt nicht allzu gut in den Zeitplan des Triathlon-Profis, der mitten im Training steckt. "Aber das Vaterland geht natürlich vor", sagt er. Kurz vor dem Abflug nach Berlin hat er noch rasch 22 Kilometer Waldlauf absolviert, "ganz locker, in knapp 100 Minuten".
Kaum in Berlin begab sich der Gold- medallist auf einen lockeren Stadtlauf: Museumsinsel, Reichstag, Kanzleramt, Schloss Bellevue und durch den Tiergarten zurück zum Hotel an der Friedrichstraße. "Ich muß doch endlich mal wissen, was es in Berlin alles zu sehen gibt." Frodeno war schon häufiger in der Hauptstadt, meistens allerdings zu den üblichen hektischen Terminen: kurz mal im Kanzleramt zur Lobhudelei, rasch im Tempodrom, um von Horst Köhler das Silberne Lorbeerblatt zu empfangen – für Sightseeing aber war nie richtig Zeit.
Die überraschende Erkenntnis beim Stadtlauf: Frodeno kann auch langsam laufen. Seine unglaublich sehnigen Beine weisen allerdings darauf hin, dass ihm ein Tempo unterhalb der 12 km/h wie Walking vorkommt. Tempo, das ist für einen Triathlon-Profi, wenn man nach 1500 Meter Schwimmen und 40 Kilometer Jagd auf dem Rad sich noch 10 Kilometer lang die Seele aus dem Leib rennen muss, idealerweise unter 30 Minuten. Frodeno erzählt grinsend vom "Kreuzblick", wenn Athleten im Schlußsprint die Welt um sich herum erst doppelt und dreifach und schließlich nur noch schwarzweiß sehen. Der Sauerstoffmangel setzt das Hirn weitgehend außer Betrieb. In solchen Momenten entscheidet sich das Rennen, sagt Frodeno: "Die Frage ist: Wer kann sich wie lange in diesem Stadium quälen."
Was seine aktuelle Form angeht, ist Frodeno eher unsicher. Er begann erst Mitte Januar mit dem Training, zwei Monate später als in der vorhergehenden Saison. Ein Bänderriß warf ihn zudem zurück. Einen Halbmarathon vor zwei Wochen absolvierte er "ganz locker und in schweren Schuhen" in einer Stunde und elf Minuten. Damit wäre er in Berlin unter die ersten 50 gerannt. Ist Frodeno nun in Topform? "Ich weiß es wirklich nicht."
Am kommenden Wochenende weiß er mehr. Da beginnt in Madrid eine neuartige WM-Serie. Ähnlich der Formel 1 werden weltweit acht Elite-Rennen über die Olympische Distanz ausgetragen. Pro Rennen werden 180.000 Dollar Preisgeld ausgeschüttet, die ARD überträgt live. Mit dem deutschen Weltmeister Daniel Unger gehört Frodeno zur Gold Group, jenen Elite-Athleten, die für jedes Rennen gesetzt sind.
Die WM-Serie wird den Nachweis erbringen, ob der einstige Freak-Sport Triathlon als Fernseh-Event taugt und damit großes Werbegeld einspielt. Für Jan Frodeno hat die WM-Tournee allerdings eine ganz andere Bedeutung. Noch nie ist es einem Olympiasieger gelungen, auch Weltmeister zu werden. Der neuseeländische Goldmedaillengewinner Hamish Carter landete gleich sechsmal auf dem zweiten WM-Rang. Das muss sich ändern, findet Jan Frodeno.
Olympiasieger Jan Frodeno trainiert Talente
Frodeno: „Triathleten haben eine Meise“

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