30 November 1999 02:00
Kaum in Berlin begab sich der Gold- medallist auf einen lockeren Stadtlauf:
Museumsinsel, Reichstag, Kanzleramt, Schloss Bellevue und durch den Tiergarten zurück zum Hotel an der Friedrichstraße.
"Ich muß doch endlich mal wissen, was es in Berlin alles zu sehen gibt." Frodeno war schon häufiger in der Hauptstadt, meistens allerdings zu den üblichen hektischen Terminen: kurz mal im Kanzleramt zur Lobhudelei, rasch im Tempodrom, um von Horst Köhler das Silberne Lorbeerblatt zu empfangen – für Sightseeing aber war nie richtig Zeit.
Die überraschende Erkenntnis beim Stadtlauf: Frodeno kann auch langsam laufen. Seine unglaublich sehnigen Beine weisen allerdings darauf hin, dass ihm ein Tempo unterhalb der 12 km/h wie Walking vorkommt. Tempo, das ist für einen Triathlon-Profi, wenn man nach 1500 Meter Schwimmen und 40 Kilometer Jagd auf dem Rad sich noch 10 Kilometer lang die Seele aus dem Leib rennen muss, idealerweise unter 30 Minuten. Frodeno erzählt grinsend vom "Kreuzblick", wenn Athleten im Schlußsprint die Welt um sich herum erst doppelt und dreifach und schließlich nur noch schwarzweiß sehen. Der Sauerstoffmangel setzt das Hirn weitgehend außer Betrieb. In solchen Momenten entscheidet sich das Rennen, sagt Frodeno: "Die Frage ist: Wer kann sich wie lange in diesem Stadium quälen."
Was seine aktuelle Form angeht, ist Frodeno eher unsicher. Er begann erst Mitte Januar mit dem Training, zwei Monate später als in der vorhergehenden Saison. Ein Bänderriß warf ihn zudem zurück. Einen Halbmarathon vor zwei Wochen absolvierte er "ganz locker und in schweren Schuhen" in einer Stunde und elf Minuten. Damit wäre er in Berlin unter die ersten 50 gerannt. Ist Frodeno nun in Topform? "Ich weiß es wirklich nicht."
Am kommenden Wochenende weiß er mehr. Da beginnt in Madrid eine neuartige WM-Serie. Ähnlich der Formel 1 werden weltweit acht Elite-Rennen über die Olympische Distanz ausgetragen. Pro Rennen werden 180.000 Dollar Preisgeld ausgeschüttet, die ARD überträgt live. Mit dem deutschen Weltmeister Daniel Unger gehört Frodeno zur Gold Group, jenen Elite-Athleten, die für jedes Rennen gesetzt sind.
Die WM-Serie wird den Nachweis erbringen, ob der einstige Freak-Sport Triathlon als Fernseh-Event taugt und damit großes Werbegeld einspielt. Für Jan Frodeno hat die WM-Tournee allerdings eine ganz andere Bedeutung. Noch nie ist es einem Olympiasieger gelungen, auch Weltmeister zu werden. Der neuseeländische Goldmedaillengewinner Hamish Carter landete gleich sechsmal auf dem zweiten WM-Rang. Das muss sich ändern, findet Jan Frodeno.

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