Achim Achilles empfiehlt:Keine Ausreden: Die besten Tipps, Tricks und Regeln für den sicheren Winterlauf. |
17 Juni 2010 02:00
Marathon
Tausende Freizeitläufer trainieren derzeit für das absolute Highlight der Saison: den Berlin-Marathon. Die Lauftrainer von jk running stehen ihnen mit Tipps und Tricks zur Seite. Jeden Dienstag in dieser Kolumne.
Von Piet Könnicke
"Ich muss mich sehr dazu aufraffen, um zu laufen ... Die Strecken sind lang, sehr lang." Diesen Hilfeschrei lese ich in diesen Tagen häufig im Klemmbrett. Unsere Schützlinge stöhnen, fluchen, hadern. Noch fünf Wochen bis zum Berlin-Marathon und die Belastungskurve geht weiter erbarmungslos nach oben.
Ein Marathon-Training ist eben kein Ponyhof. Es ist auch nicht mit dem Bundestagswahlkampf zu vergleichen. Da sind es noch sechs Wochen bis zum Showdown und die Nerven liegen blank. Die Einen blasen panisch zur Aufholjagd. Die Anderen wähnen sich schon am Ziel und trudeln locker vor sich hin. Ein bisschen kratzen, treten, spucken – nur ein Plan ist schwer erkennbar. Formate? Fehlanzeige.
Ganz anders sieht es bei uns Marathonis aus: Unser Plan diktiert uns in diesen Tagen reichlich Kilometer und ein Tempo, das der anvisierten Geschwindigkeit beim Marathon entspricht – manchmal sogar ein bisschen schneller. Auch die Formate sind eindeutig: 1000er- oder 2000er-Intervalle, gute Dauerläufe, ein paar lange Kanten bis zu 30 Kilometer, ein paar 10-Kilometer-Rennen und Halbmarathons für die Wettkampfhärte.
Das Training bedeutet auch eine mentale Belastung. Zwei bis drei Stunden zu laufen, oder ein anstrengendes Tempolaufprogramm zu machen bei einem latenten Müdigkeitsgrad – das geht an die Psyche. Ganz sicher sind derzeit viele kleine "Stinker" und "Miesmuffel" unterwegs. Sie sind gereizt, wortkarg und sensibel. Da ist es wichtig, mit einer guten Strategie dagegenzuhalten. Denn das Letzte, was man jetzt gebrauchen kann, ist Streit.
Am besten ist es, zuhause anzukündigen, dass es heute hart wird und das Nervenkostüm lädiert sein könnte. Idealerweise tut man das vor dem Laufen. Ein kleiner Tipp: Auf dem Heimweg kurz am Blumenladen stoppen, dann braucht man(n) zuhause nicht mehr viel reden. Blumen sagen eben mehr als Worte. Und wenn der Partner lecker Pasta vorbereitet, schlägt er zwei Fliegen mit einer Klappe: eine wichtige Kohlehydratzufuhr und ein kulinarisches Verwöhnprogramm zum Feierabend. Der Hausfrieden ist gerettet: Mit kleinen Aufmerksamkeiten kommt man ganz gut durch die nächsten zwei Wochen.
Sogar am Arbeitsplatz kann man mit kleinen Gesten größere Dispute vermeiden, wenn man sich vom Kollegen gestresst fühlt. Mit einem spendierten Kaffee oder einen Müsliriegel, den man versöhnlich über den Schreibtisch reicht, lassen sich viele Konflikte entschärfen.
Auch für das Training kann man sich kleine Mental-Taktiken zurechtlegen. Das wichtigste ist natürlich, immer wieder an das große Ziel zu denken. Auch visuelle oder akustische Motivationshilfen sind erlaubt. Ich habe mir zum Beispiel vor einer harten Trainingseinheit oft das olympische Marathon-Finale von 1992 in Barcelona angeguckt. Bei Intervallen habe ich bei den letzten Läufen, bei denen vor allem das Loslaufen schwer war, an jemanden gedacht, dem ich den Lauf "widme": die siebten 1000 Meter für Sandra, den achten Tausender für Heike, den neunten für Nadine. Und der letzte war immer für mich. Heute ist das natürlich anders. Da widme ich ein Intervall meinem Sohn. Das nächste bekommt meine Frau. Eins ist für die Schwiegermutter – das geht immer gut. Und das letzte für mich.
Mentale Schwächephasen gehören zum Marathontraining genauso dazu wie müde Beine. Wer lernt, damit umzugehen, macht sich bereit für die magischen 42,195 Kilometer. Daher das Motto für die nächsten fünf – okay, damit auch am 27. September alles gut wird – für die nächsten sechs Wochen: Nur nicht die Nerven verlieren!
Früher war Piet Könnicke selbst erfolgreicher Läufer, unter anderem mit einer Halbmarathon-Bestzeit von 63:40 Minuten. Heute ist er als freiberuflicher Autor sowie als Lauftrainer bei jk running tätig. Er betreut Läufer vom ersten Schritt bis zu den lang ersehnten 42 Kilometern. Dabei geht es weniger um Zeiten als um die ganz persönliche Genugtuung des Läufers.

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