24 Juni 2010 02:00
Marathon
Der Marathon ist geschafft. Doch die Folgen sind dramatisch. Achim Achilles steuert nach dem Erreichen des großen Zieles in ein großes schwarzes Loch. Die entscheidende Frage lautet: Und jetzt?
Die Angst vorm Marathon hatte mich strukturiert: Jeder Bissen, jeder Atemzug, jede freie Sekunde, jede Vitaminpille, jeder Gedanke, alles drehte sich um die viereinhalb überflüssigsten Stunden meines Lebens. Es gab keine Zeit nach, immer nur die vor dem Laufen: Kaum hatte man die Schuhe abgestreift, die käsigen Socken abgepellt und einen Blick auf die schrumpeligen Zehen geworfen, da meldete sich auch schon der General namens schlechtes Gewissen: "Das war ja nicht so doll heute. Morgen musst du mehr trainieren, härter. Schneller sein. Dünner sein. Gestern hast du schon geschwänzt."
Und jetzt? Plötzlich liegt alles hinter dem Marathon. Vor mir ist nur ein großes schwarzes Loch. Und dieses Gefühl, jämmerlich versagt zu haben. Mehr als 260 Minuten – welch eine Schmach. Narbe, Stigma, Kainsmal. Ich hasste jede Sekunde, die über vier Stunden lag. Sekunden sollte man abschaffen. Und Minuten gleich mit. Diese kleinen Zeiteinheiten sind wie Steuerprüfer: Kaum sind sie da, verhält man sich hektisch und absonderlich.
Schade, dass wir im Erdgeschoss wohnen. Der Sprung aus dem Fenster könnte mich nur umbringen, wenn ich mit dem Ohr an einer von Monas Rosen hängen bleibe und sie mich daraufhin erschießt. Was sollte ich mit meinem Leben anfangen? Lesen? Aber Bücher ohne Trainingspläne interessieren mich nicht. Musik hören? Dexy's Midnight Runners vielleicht. "Runaway" von Linkin Park? Oder Tom Petty: "Running down a dream"? Mona sagt, ich soll die Musik leiser machen. Ich langweile mich.
Vielleicht sollte ich mal wieder mit meiner Frau reden? Aber worüber? Die letzten Monate hatten wir keinen Satz gewechselt, der nicht mit Laufen zu tun hatte.
Ich: "Wo sind meine Laufsocken?"
Sie: "In irgendeinem deiner verkeimten Klamottenhaufen, die überall rumliegen."
Ich: "Willst du einen drahtigen Mann oder nicht?"
Sie: "Bring Brötchen mit."
Drei Kilogramm habe ich allein in dieser Woche draufgepackt. Bestimmt nur Wasser. Ich will trotzdem nicht laufen. Meine Knie tun weh. Alles tut weh, wenn kein Wettbewerb droht. Aber ich will auch nicht Nichtlaufen. Ich fühlte mich wie eine Frau: Das Leben als Strudel steter Widersprüche. Klare Sache, ich bin schizophren. Und laufabhängig. Sollte ich eine Drogenberatung konsultieren? Wo war die Selbsthilfegruppe "Lerne Leben ohne Laufen"?
Mona drückte mir ein Buch in die Hand, erfreulich dünn und schmal: Jens Karraß "Joggen in Berlin – die besten Strecken, getestet von Prominenten" (Nicolai'Sche Verlagsbuchhandlung 2005).
"Neue Touren für dich", sagte meine zartfühlende Lotusblüte, "Caroline Beil ist auch drin." Fiebrige Finger blättern. Ich hatte mal einen Traum, in dem ich sturzbetrunken aus einer Kneipe taumele, direkt in die Arme von Caroline und lalle: "Ich bin hacke, Beil." Sie amüsiert sich königlich und verfällt mir fortan.
Ich gebe zu, mein Frauengeschmack ist exotisch. Aber seitdem Frau Beil im Dschungel genattert hatte, war sie für mich der Inbegriff von Weiblichkeit. Alles was Männer seit der Steinzeit über Frauen dachten, bewahrheitete sich durch La Beil: Das Weib als ewiges Versprechen, das nie eingelöst wird.
Caroline Beil, das war die Naddel für Menschen, die das Abitur so gerade geschafft hatten. Und Laufen tut sie auch. "Wenn ich 21 Kilometer durch den Grunewald gewetzt bin, dann ist das wie nach richtig gutem Sex", dichtet sie.
Dieses Buch mit seinen schonunglosen Erfahrungsberichten von joggenden Mehr-oder-weniger-Promis ist wirklich lustig, Psychotherapie für Marathon-Opfer. Denn offenbar gibt es Menschen, die vom Laufen noch viel ärger gedemütigt wurden als ich: Ulrich "Akte" Meyer gesteht, dass er überhaupt nie Lust auf Laufen hat, sondern nur deswegen schlechtlaunig um den Lietzensee trottet, weil seine Mona namens Georgia ihn dazu zwingt. Promis laufen allein wegen des öffentlichen Drucks.
Wer heutzutage zugibt, dass er nicht läuft, ist erledigt. Deswegen quält sich auch Justizministerin Brigitte Zypries tapfer durch den Volkspark. Ihr einziger Gedanke: "Wann ist es endlich vorbei?" Oder Tita "Polylux" Hardenberg: Die lässt sich im Friedrichshain sogar von Punks in Springerstiefeln überholen. Und es ist nicht klar, ob die zur Bushaltestelle traben oder Sport treiben.
Nur dieser Lauftrainer Karraß ist ein Quälgeist. Kaum amüsiert man sich mal über andere Rumpelfüße, da kommt er schon wieder mit einem Trainingsprogramm. "Marathon sicher unter vier Stunden", verspricht er. Mir doch egal. Ich muss jetzt in den Grunewald.
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