16 Juni 2010 02:00
Marathon
Aus, aus, aus, das Rennen ist aus! Monatelang haben tausende Athleten auf den großen Tag hintrainiert – und dann ist der Marathon auf einmal Geschichte. Wie Läufer eine Post-Marathon-Depression vermeiden.
Von Piet Könnicke
Uwe hat echt gelitten. Florian hat gebissen. Laura tat’s schon bei Kilometer 12 weh. Carolin sah locker aus. Haile lief auf dem Zahnfleisch. Hauke hatte beim Start Tränen in den Augen. Carsten hatte schwere Beine. Uwe war schnell. Achim bekam bei Kilometer 39 einen Krampf. Stefan gierte es nach Cola. Silvio war’s echt zu warm. Otti hat gekämpft. Micha kam gut durch. Martina auch. Tobias lief von Anfang bis Ende locker. Wendelin hat neue Erfahrungen gemacht, Jens neue Ziele definiert. Helge hatte Magenprobleme, Martin Glücksgefühle, Thomas immerzu Durst. Was alle gemein hatten: den Zieleinlauf beim Berlin-Marathon. Sie haben’s geschafft!
Zu den vielen Ratgebern, Marathon-Kolumnen, Büchern, Aufsätzen und Magazin-Beiträgen über das 42 Kilometer lange Epos gesellen sich ganz individuelle Geschichten dazu. Sie sind vielleicht am wertvollsten bei all den Empfehlungen, die man vor einem Ausflug über die Königs-Distanz geben kann. Daher doch nochmal ein gut gemeinter Rat an alle Marathon-Läufer: Schreibt die Erfahrungen und Gedanken auf, die Ihr gemacht habt. Auch wenn esn am zweiten Tag nach dem Marathon kaum vorstellbar sein mag, überhaupt noch einmal 42 Kilometer am Stück zu laufen, wird das kein abschließendes Urteil sein. Denn es ist wahr: Der Schmerz geht, der Ruhm bleibt.
Spätestens in dem Moment, in dem sich der Gedanke für einen weiteren Anlauf regt, werden die eigenen Aufzeichnungen über das sonntägliche Rennen durch Berlin zu einem wertvollen Gut. Die Lektüre wird Motivation und Ratgeber zugleich sein.
Das Verfassen des ganz eigenen Erfahrungsberichts ist zudem eine gute Methode, mit dem Erlebten, der Freude oder auch der Enttäuschung umzugehen. Das Schreiben ist eine gute Therapie beim Post-Marathon-Blues. Es ist nicht ungewöhnlich, dass man nach einem großen Ereignis, mit dem man sich viele Wochen beschäftigt hat, Leere oder gar Depressionen empfindet. Verstärkt wird dieses Gefühl, wenn es nicht so gelaufen ist wie erhofft. Natürlich darf man enttäuscht sein, das ist allemal besser, als sich was vorzumachen und Ausreden zu erfinden. Wer ehrlich und bewusst mit seiner Leistung umgeht, wird diese auch akzeptieren. Ohne gedanklichen Ballast erholt es sich besser. Eine ehrliche Bilanz ist die Grundlage für den nächsten Laufschritt.
Auch nach einem Erfolgserlebnis kann es sein, dass man sich leer fühlt. Es stellt sich die Frage: Was nun? Naja – man kann sich zunächst um Dinge kümmern, die in der letzten Zeit etwas vernachlässigt wurden, weil man ständig am Laufen war. Kino, Tanzen, Burger King, Auto waschen, eine Brauerei besuchen, ans Meer fahren, Heiraten, Schuhe kaufen, zum Elternabend gehen, Chicken Marsala kochen, den Live-Chat auf Achim-Achilles.de besuchen. Wenn die zwei Wochen vorbei sind und man sich dabei gut erholt hat, kann man durchaus wieder mit lockerem Training beginnen. Man kann sich auch noch eine weitere Woche Zeit nehmen, wenn das mit dem Chicken Marsala nicht gleich auf Anhieb geklappt hat.
Die im Marathontraining hart erarbeitete Ausdauer und Fitness ist nicht verloren gegangen auf den 42 Kilometern. Im Gegenteil: Nach einigen knackigen, kurzen Dauerläufen und ein paar guten Tempoeinheiten und ist es Zeit, Ende Oktober oder Anfang November erneut eine eigene kleine Geschichte zu schreiben. Das Thema: Meine neue 10km-Bestzeit.
Zum Autor: Früher war Piet Könnicke selbst erfolgreicher Läufer, unter anderem mit einer Halbmarathon-Bestzeit von 63:40 Minuten. Heute ist er als freiberuflicher Autor sowie als Lauftrainer bei jk running tätig. Er betreut Läufer vom ersten Schritt bis zu den lang ersehnten 42 Kilometern. Dabei geht es weniger um Zeiten als um die ganz persönliche Genugtuung des Läufers.
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