23 Juni 2010 02:00
Marathon
Tausende Freizeitläufer trainieren derzeit für das absolute Highlight der Saison: den Berlin-Marathon. Die Lauftrainer von jk running stehen ihnen mit Tipps und Tricks zur Seite. Jeden Dienstag in dieser Kolumne.
Von Piet Könnicke
Begegnungen mit dem Mann mit dem Hammer können recht unterschiedlicher Art sein. Hertha-Manager Michael Preetz, so eine unbestätigte Erzählung eines Augenzeugen, hatte jüngst einen heftigen Disput mit einem Hammerwerfer. Der hatte beim Vormittagstraining während der Leichtathletik-WM tiefe Spuren auf dem Rasen des Berliner Olympiastadions hinterlassen – was Herrn Preetz gar nicht gefiel. Leider ist der Dialog zwischen den beiden nicht überliefert. Doch ich bezweifle ohnehin, dass der Fußball-Manager einen serösen Universal-Tipp hat, wie man den Mann mit dem Hammer vertreibt. Also stellen wir uns besser darauf ein, dass er am 20. September an der Strecke des Berlin-Marathons lauert.
Gewöhnlich steht er so zwischen 30 und 35 Kilometern. Folge seines Erscheinens: müde Beine, flacher Atem, eine bleiernde Ganzkörperschwere. Er ist ganz sicher ein ungebetener Gast bei der anstehenden Berlin-Exkursion. Ein Überraschungsgast sollte er aber nicht sein. Es ist klug, sich mental auf ihn vorzubereiteten. Zunächst ist der Kerl zu entmystifizieren.
Manche Dinge will man im Leben lieber nicht wissen, zum Beispiel wie Topfwurst in Aspik schmeckt. Aber das Verständnis, dass der "Hammerschlag" ein rein physiologischer Vorgang ist, ermöglicht, sich auf den quälenden Moment besser einzustellen. Nach 20 Kilometern beginnt der Stoffwechsel eines Marathonläufers mehr Fett zu verbrennen, weil der Kohlehydrat-Speicher langsam leer wird. Nach etwa 30 Kilometern sind die gespeicherten Kohlenhydrate dann endgültig aufgebraucht und der Körper holt sich die erforderliche Energie nur noch über die Verbrennung von gespeicherten Fettzellen. Das kostet viel Sauerstoff und Energie und ist anstrengend.
Das Wissen um diesen völlig natürlichen, wenn auch schmerzhaften Vorgang macht es leichter, ihn durchzustehen. Es ist kein Kampf gegen einen nicht identifizierbaren Gegner, sondern eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper. Dieser Grenzgang hat durchaus etwas Faszinierendes. Das soll nun nicht heißen, dass man ab Kilometer 20 auf den "Einbruch" warten soll. Vielleicht kommt der Schurke gar nicht. Bei einer guten Vorbereitung mit ausreichend langen, ruhigen Einheiten hat man den unangenehmen Übergang zum Fettstoffwechsel geübt – ohne dass man es immer gemerkt hat.
Mit der richtigen Marschverpflegung lässt sich die Kohlehydrat-Schuld zudem ein klein wenig ausgleichen und verschieben. Doch sollte man Gels und Getränke im Training probiert und auf Verträglichkeit getestet haben. Schließlich lässt sich mit einer klugen Renneinteilung der Hammer-Mann weit ans Ende der Strecke verbannen. Wer zu Beginn nicht "losheizt" und alles verbrennt, was er hat, wird es weit bringen. Logisch: Wenn der Sprit für 42 Kilometer dosiert ist, wäre es fatal, von Beginn an Vollgas zu geben. Dann läuft man Gefahr, frühzeitig auf Reserve umzuschalten und nach 32 Kilometern mit leerem Tank dazustehen. Und der Mann mit dem Hammer wird dann ganz bestimmt nicht fragen: "Super oder Diesel?"
Ich hoffe, Micheal Preetz hat dem gewichtigen Hammerwerfer nicht auch irgendwas von Fetten erzählt. Das könnte missverständlich gewesen sein. Für uns indes wird es am 20. September keine Missverständnisse geben. Uns ist bewusst, dass der Mann mit dem Hammer Spuren hinterlassen kann. Auf diesen Dialog sind wir bestens vorbereitet.
Früher war Piet Könnicke selbst erfolgreicher Läufer, unter anderem mit einer Halbmarathon-Bestzeit von 63:40 Minuten. Heute ist er als freiberuflicher Autor sowie als Lauftrainer bei jk running tätig. Er betreut Läufer vom ersten Schritt bis zu den lang ersehnten 42 Kilometern. Dabei geht es weniger um Zeiten als um die ganz persönliche Genugtuung des Läufers.
Wettkämpfe – 7 wichtige Fragen
Keine Angst vor der "großen Runde"

Hinweis: Diese Website verwendet Facebook-Plugins – sind Sie bei Facebook eingeloggt, werden Daten an Facebook übertragen. Mehr Infos dazu gibt es hier.