25 Juni 2010 02:00
Marathon
Der Marathon rückt näher. Die Angst wird größer. Hat der Athlet an alles gedacht? Schafft er sie Strecke? Für Achim Achilles ist es die Woche der Albträume.
Das Publikum tobt. Ich laufe in ein Meer von Kameras. Direkt vor mir ein Afrikaner. Ich blicke auf die Zeitnahme: 2:04,13 Stunden. "Weltrekord", brüllt ZDF-Kommentator René Hiepen. Ich reiße die Arme empor. Es regnet Blumen, Teddybären, schweinefleischfarbene Unterwäsche, noch warm.
Doch was ist das für eine Stimme? "Passagiere für Lufthansa Flug LH 4794 nach Heathrow bitte zum Terminal 4." Die Zeitnahme ist eine Abflugtafel. Der Afrikaner steht am Check-in. Er hat den Marathon vor Stunden beendet und fliegt zum nächsten Lauf. Und ich liege auf der Strecke in der Nähe des Ohlsdorfer Friedhofes im Unterzucker-Delirium. Kräftige Rot-Kreuz-Kerle wollen mich auf eine Trage heben. Ich schlage um mich. Lasst mich los. Ich kann allein laufen. Ich will ins Ziel. Ins Ziel. Ziieeel.
Patsch. Mona kniet über mir. Sie hat mir eine gescheuert. "Achim, es reicht", knurrt sie, "es ist halb vier und du strampelst schon die dritte Nacht wie ein Vollidiot." Die Frau ahnt nicht, wie es in einem Debütanten wütet. Seit Wochen erzählt sie überall herum, dass ihr Achim in Hamburg Marathon läuft, und zwar in dieser stolzen Ehefrauen-Tonlage, als sei ich der schwarze Schöneberger.
Ich bin einer der lahmsten von genau 22.034 gemeldeten Startern, aber alle im Haus denken, ich sei gut. Ich habe die Wohnungstür noch nicht geöffnet, da fällt mich Frau Moll an, Supi-Roland oder eine von den Schwuletten: Welche Zeit? Gut trainiert? Sehen wir dich im Fernsehen? Wie heißen die anderen Favoriten? Preisgeld? Weiß ich doch nicht. Hauptsache ankommen, sage ich sehr ernst. Aber alle glauben, das sei kokett. Wer den ersten Marathon läuft, sollte keinem davon erzählen, vor allem nicht seiner Frau. Ich werde allein fahren. Napoleon hätte sich in Waterloo auch weniger Zeugen gewünscht.
Halt gibt mir nur meine Checkliste. Ich habe die gesamte Fachliteratur durchforstet. Leider ist nur auf eines Verlass: die Widersprüche. Seit Tagen spiele ich alles immer wieder durch.
Training
Peter Stalingrad Greif sagt, man könne drei Tage vorher ruhig noch mal ordentlich Gas geben, Herbert Vanilletee Steffny schwört auf Schonung. Und ich? Zockel durch den Volkspark. Alles tut weh. Ich werde absagen. Bei eBay kann man Startplätze versteigern.
Socken
Die ideale Marathon-Socke ist nie frisch, sondern sorgfältig eingeschweißt. Steht das Ding von allein, ist das Verhältnis von Gewebe und Körpersäften optimal.
Visualisierung
Der zu Recht völlig unbekannte Buchautor Ole Petersen rät, man solle statt Training die Strecke in Gedanken laufen. Totaler Flop. Erstens habe ich nicht so viel Zeit und zweitens sehe ich bei geschlossenen Augen nur Techniker, die nachts die Zeitnahme abmontieren. Von weitem schwanke ich heran.
Kohlenhydrate
Alle reden von Carbo-Loading. Morgen werde ich mich bewusstlos hungern, das soll die Speicher weiten. Dann vier Tage den neapolitanischen Rekord im Pastaschlingen einstellen. Und am letzten Abend laut Greif eine Pizza mit Schinken und Paprika, weil da Wunderstoffe drin sind - Chrom und solche Sachen. Kann man notfalls auch unterwegs von einer Stoßstange schlabbern.
Rennverpflegung
Ich trau den Carbo-Weisheiten ja nicht. Deswegen werde ich auf den ersten zehn Kilometern eine Trinkflasche mit honiggesüßtem Apfelsaft mitführen, um die Speicher vollzuhalten. Dann alle fünf Kilometer einen Beutel Powergel, Geschmacksrichtung Apfel-Guarana. Die Beutel tragen aber unvorteilhaft auf und pieken in mein zartes Hüftfleisch.
Nipplegate
Warum tragen manche Läufer zwei rote Punkte auf der Brust? Demonstrieren die für irgendwas Gutes, wie fast alle dieser hechelnden Weltverbesserer? Nein, schlimmer: Solche Sportsfreunde sehen sich als Nachfahren von Jesus. Marathon ist ihr Kreuzweg, sie leiden gern vor Publikum. Sie haben sich die Brustwarzen blutig gescheuert und damit es jeder sieht, tragen sie helle Hemden. Einziger Vorteil: Es lenkt vom Schmerz in den Beinen ab. Pflaster halten nur, wenn keine Haare sprießen. Leider trage ich das einzig nennenswerte Fell ausgerechnet auf diesen Quadratzentimetern, was für Mona einer der Hauptgründe war, sich auf mich einzulassen. "Behaarte Männer im Schwimmbad, das sieht aus, als treibe da eine Fußmatte", sagt sie. Rasieren ist lebensgefährlich. Vaseline? Ich werde die Literatur noch mal checken.
Schuhe
Achtung, Glaubenskrieg! Weiche Sohlen schonen die Beine, aber man denkt, man tritt in Quark. Knallharte Bereifung sorgt für den Punch, aber manchmal auch für frühen Knockout. Ich werde mich erst im letzten Moment für die Reifenmischung entscheiden, je nach Temperatur und Regen/Sonne.
Marschtabelle
Ausnahmsweise Einigkeit bei den Gurus. Nicht zu schnell starten. Will ich unter vier Stunden bleiben - jeder will das -, muss ich 239:59,99 (Minuten) durch 42,195 (Kilometer) teilen, was 5:41 Minuten pro Kilometer bedeutet.
Die Form
Nie war ich kaputter. Beine aus Blei. Die Lunge hat das Volumen eines japanischen Kondoms. Brustwarzenziepen. Will schlafen, mich aber vorher betrinken. Dann merke ich auch nicht, wenn Mona mich schlägt. Morgen suche ich mir einen Schachklub. Achilles, du Schwachmat, nenne mir nur einen Grund pro Marathon. Es gibt keinen.
"Beim Marathon macht der Kopf den Unterschied"
Mit Mental-Taktiken zum Marathon

Hinweis: Diese Website verwendet Facebook-Plugins – sind Sie bei Facebook eingeloggt, werden Daten an Facebook übertragen. Mehr Infos dazu gibt es hier.