23 Juni 2010 02:00
Sie sind nur unter Druck richtig gut oder klagen ständig über mangelnde Zeit? Dann leiden Sie wohl an Aufschieberits. Der Motivationsexperte ist dem Phänomen auf der Spur.
Kennen Sie das? „Jedes Jahr auf's Neue: Am 31.12. des noch alten Jahres nehme ich mir hoffnungsvoll vor, ab morgen meine Ernährung umzustellen und wieder regelmäßig mit dem Laufen zu beginnen. Spätestens am fünften Tag des neuen Jahres sind meine Vorsätze über Bord geworfen und im weiten und tiefen Meer der vielen guten Vorsätze bis tief auf den Meeresgrund versunken und damit unerreichbar.“
Beschreibungen wie diese entsprechen nicht einer Ausnahme, sondern eher der Normalität. Seit Mitte der Achtzigerjahre gibt es Forschungsbereiche, die sich wissenschaftlich dem Thema der Aufschieberitis beschäftigen, als englischer Fachterminus Procrastination genannt. Eine sehr allgemeine Definition besagt: „Aufschieben ist ein höchst aktives Vermeiden, bei dem sich die Menschen oft ausdauernd und angestrengt mit etwas Anderem beschäftigen. Aufschieben ist ungleich Faulheit oder Bequemlichkeit.“ (Rückert*)
Bezüglich der Motivation des Aufschiebens haben Wissenschaftler bislang zwei Arten von Aufschiebern identifiziert:
Den “Erregungsaufschieber” (arousal procrastinator), der meint, erst kurz vor der Deadline kreativ genug sein zu können und der den Rausch, in den er unter diesem Zeitdruck gerät, genießt.
Den “Vermeidungsaufschieber” (avoidance procrastinator), der Dinge aufschiebt, um eventuelle schlechte Ergebnisse später mit “Zu wenig Zeit!” zu erklären. Die Ursachen hierfür liegen häufig zu einem guten Teil an mangelndem Selbstbewusstsein, im Perfektionismus oder schlechter Organisation.
Hans-Werner Rückert beschreibt in seinem Buch* vier Formen des Aufschiebens. Zum einen das allgegenwärtige, harmlose Aufschieben. Hierbei werden Dinge aufgeschoben, die Unlust oder Angst auslösen (z. B. Weihnachtsgeschenke einkaufen oder neue Software installieren).
Das problematische Aufschieben ist weit verbreitet, aber für die Betreffenden offensichtlich gerade noch erträglich. Hier werden Dinge aufgeschoben, die durch nicht rechtzeitige Erledigung Probleme oder gar Kosten verursachen. Häufig blieben bei dieser Form des Aufschiebens aber auch Dinge oder Themen auf der Strecke, die eigentlich der persönlichen Entwicklung dienen könnten.
Wenn Sie persönlich Aktivitäten als wichtig und vorrangig eingestuft haben und diese trotzdem regelmäßig von einen Tag auf den anderen bis hin zu Jahren verschieben, spricht man vom harten Aufschieben. Die Folgen des harten Aufschiebens sind Qual, Leid und negative Folgen für Ihr Selbstwertgefühl – hier eingeschlossen sind auch Alarmsignale des Körpers, die Sie bewusst vermeiden anzugehen bzw. untersuchen zu lassen.
Die vierte Form des Aufschiebens ist die Blockade. Wenn Ihr Denken eine Lähmung durch die aufsteigende Angst und Ungewissheit erfährt, spricht man von einer Blockade. In diesem Fall sollten Sie sich auf jeden Fall fachkundig beraten lassen. Da kann Ihnen jemand mit der entsprechenden Erfahrung möglicherweise ganz rasch aus dem Teufelskreis heraushelfen.
„Müde macht uns die Arbeit, die wir liegen lassen, nicht die, die wir tun.“
Marie von Ebner-Eschenbach
*Hans-Werner Rückert: Schluss mit dem ewigen Aufschieben, Frankfurt/M, 2006, 6. Auflage.
Aufschieberitis – So wird man sie los

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