Achim Achilles empfiehlt:Keine Ausreden: Die besten Tipps, Tricks und Regeln für den sicheren Winterlauf. |
23 Juni 2010 02:00
Sportpsychologie ist schwer angesagt, Profis aller Disziplinen trainieren nicht nur die Beine, sondern auch den Kopf. Der Motivationexperte erklärt, welche Tricks auch bei Laienläufern funktionieren.
Ausgerechnet als Trainer Löw im Viertelfinale gegen Portugal unter obskuren Umständen in den Glaskasten verbannt war, lieferte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft eines ihrer besten EM-Spiele. Kein Wunder, dass seither die Diskussion um den Einfluss von Trainern auf den Erfolg ihrer Mannschaft neu entbrannt ist.
Angesichts eines allgemein hohen Niveaus an Fitness und Spieltechnik der Spieler, haben sich die Mannschaften national und international in ihrem Leistungsvermögen stark angenähert. Somit steht nicht mehr allein die Frage der Leistungsfähigkeit der Spieler im Mittelpunkt, sondern immer mehr die Frage ihrer Leistungsbereitschaft: In welchem Umfang können die Spieler das, was sie eigentlich zu leisten im Stande sind, tatsächlich auf dem Platz umsetzen? Das wiederum ist eine Frage der Energie, die mobilisiert werden kann. Und wer nach den Quellen der Energie fragt, muss sich mit dem Thema Motivation beschäftigen. An dieser Stelle scheiden sich die Geister.
Motivation – die Frage, warum Menschen etwas tun oder nicht tun und wie intensiv sie etwas tun – war Jahrhunderte lang ein Thema der Philosophen. Doch seit Sigmund Freud und William James um 1900 die Türen zur wissenschaftlichen Erforschung der menschlichen Seele geöffnet haben, hat sich die Psychologie dem Thema angenommen. Und nachdem seit mehr als 40 Jahren in der Wirtschaft psychologisiert wird, klopft die Psychologie immer vernehmlicher auch an die Kabinentüren der Sportler.
Derzeit entzündet sich eine Diskussion an der so genannten „Reiss-Methode“, entwickelt vom amerikanischen Motivationsforscher Steven Reiss. Unter der Überschrift „Kein Platz für Romantik“ stellt Spiegel Online in einem aktuellen Artikel Gegner und Befürworter psychologischer Analysen gegenüber. Einer der prominentesten Befürworter ist der neue Trainer von Borussia Dortmund, Jürgen Klopp. Als entschiedener Gegner wird Rudi Assauer zitiert, ehemaliger Manager von Schalke 04 und „Sprachrohr einer Klientel, der Psychologie von Grund auf suspekt ist“.
Worum geht es nun bei der „Reiss-Methode“? Steven Reiss, Universitätsprofessor an der Ohio State Universität, glaubt aus einer Untersuchung mit 7000 Männern und Frauen aus den USA, Kanada und Japan herausgefunden zu haben, dass es im Grunde nur 16 Lebensmotive sind, die uns Menschen bewegen. Für jeden könne man ein individuelles Profil erstellen, welche der 16 Motive persönlich zutreffen. Dann käme es nur noch darauf an, das eigene Leben mit diesen Motiven in Übereinstimmung zu bringen. Erst wenn das gelänge, fließe die Energie frei und die Kräfte verzettelten sich nicht in Spannungsverhältnissen zwischen Kräften, die sich widersprechen.
Das Verdienst von Reiss ist es, darauf aufmerksam gemacht zu haben, dass es neben den Motiven, von denen wir glauben, dass sie uns wichtig sind, andere Motive geben kann, die uns nicht ersichtlich sind. Solange beide Motivbereiche deckungsgleich sind, gibt es keine Energieprobleme. Steht aber ein verborgenes Motiv (zum Beispiel der Antrieb im Wettbewerb zu gewinnen) im Widerspruch zu einem bewusst zugänglichen Motiv (zum Beispiel Harmoniestreben), entscheidet sich ein Fußballer in ungünstiger Position womöglich für den Schuss aufs Tor und nicht für die Flanke zum frei stehenden Mitspieler.
Soweit die Theorie, die verlockend klingt. Jürgen Klopp hat sich bei seinem Ex-Club Mainz 05 an ihrer praktischen Umsetzung versucht und eine Kinderbetreuung einrichten lassen, damit die Spielerfrauen ihren Männern beim Spiel zuschauen zu können. Ein Test hatte zuvor ergeben, dass einem Großteil der Spieler die Familie sehr wichtig ist. Spiele werden dadurch freilich nicht von selbst gewonnen. Schalke 04 hat sich inzwischen von Trainer Slomka, der sich vom Reiss-Anhänger Peter Boltersdorf beraten ließ, wegen Erfolglosigkeit verabschiedet.
Es würde den Rahmen sprengen, hier auf die Details des Reiss-Konzeptes einzugehen. Interessierte seien auf das Buch von Helmut Fuchs und Andreas Huber „Die 16 Lebensmotive“ (dtv) verwiesen. Aber immerhin macht auch dieses Buch eins deutlich: Forschung ist eine Sache – die Umsetzung in die Praxis eine ganz andere. Statistisch lässt sich das, was Reiss herausgefunden hat, bestätigen oder möglicherweise auch angreifen (Letztlich bestimmt der Beobachter durch seine Versuchsanordnung immer auch wesentlich das, was bei der Untersuchung heraus kommt. Das wissen wir spätestens seit Werner Heisenberg, der einmal beweisen konnte, dass Licht aus Wellen besteht, und ein andermal, dass es aus Teilchen ist.)
Ein Wunsch, den Fußballtrainer wie Hobby-Läufer teilen, ist der nach einem einfachen Motivationsrezept. Doch hier muss ich enttäuschen: Es gibt kein einfaches Patentrezept für Motivation. Und da wir schon die Physik streifen, zitiere ich gerne Albert Einstein, der warnte: „Halte die Dinge so einfach wie möglich, aber nicht einfacher!“ Wenn wir die Erkenntnisse der Motivationsforschung nutzen wollen, bleibt uns ein wenig Mühe nicht erspart. Aus Angst vor Kompliziertheit aber den Umgang mit Psychologie gleich ganz abzulehnen, heißt jedoch auch, sich auf die Verliererstraße zu begeben.
Was aber sagt ein Gewinner, Jürgen Klinsmann, Welt- und Europameister und als Trainer verantwortlich für das „Sommermärchen“ 2006? In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung sagt der neue Bayern-Trainer:
„Der Trainer kann immer nur ein Helfer sein, damit der Spieler sich selbst inspiriert und den Blick öffnet: und zwar keinen 90-Grad sondern einen 180-Grad-Blick. Ich kann dem Spieler helfen in Bezug auf Fitness, auf Selbstvertrauen und Motivation. Für seine Entscheidungen im Spiel aber muss der Spieler selbst eine Balance entwickeln.“
Dann spricht Klinsmann einen entscheidenden Punkt an: „ Am Ende entscheidet häufig nur der Kopf – und der wird im im Fußball nicht trainiert. Keinem Trainer wird erklärt, wie er im geistigen Bereich mit den Spielern arbeiten soll. Dafür sind wir nicht geschult.“ Weiter betont Klinsmann, wie wichtig das Thema life skills sei, die Persönlichkeitsentwicklung. Und dazu hole man sich dann Experten, die die Komplexität menschlicher Motivation hoffentlich nicht auf 16 Motive reduzieren.
Streben nach Glück
Wer danach fragt, was den Menschen motiviert, landet immer wieder beim menschlichen Streben nach Glück. Nach Reiss, ist das Glück kein Lebensmotiv. Glück und Zufriedenheit seien "Nebenprodukte", die„anfallen“, wenn wir erreichen, was wir wirklich wollen – sie seien aber nie selbst das Ziel. Reiss, aber auch Fuchs und Huber, unterscheidenWohlfühlglück und Werteglück. Das Werteglück verleihe dem Leben Sinn. Wer nur nach Wohlfühlglück strebe, sei auf den Zufall angewiesen – und da sich dieser selten einstelle, mache man sich selbst in seinem Glückserleben von Umständen abhängig, auf die man keinen Einfluss habe.
Nichts anderes beschreibt auch Professor Mihaly Csikszentmihalyi, einer der wirklich großen Experten, den Reiss kritisiert, ohne ihn wirklich gelesen oder verstanden zu haben. Auch Csikszentmihalyi hat in seinen Forschungen herausgefunden, dass das direkte Streben nach Glück nicht funktioniert. Aber Glück und Zufriedenheit als „Nebenprodukte“ abzuqualifizieren, zeigt, wieweit sich Forscher dann doch von der Lebenswirklichkeit entfernen können. Es ist ein erheblicher Unterschied, ob man deutlich macht, dass sich das Glück als Ergebnis „einer Tätigkeit der Seele im Sinne der ihr wesenhaften Tüchtigkeit“ (so Aristoteles vor knapp 2500 Jahren) entfaltet, oder es reduziert als Nebenprodukt der Verwirklichung einiger Motive (sie seien hier aufgezählt: Macht, Unabhängigkeit, Neugier, Anerkennung, Ordnung, Sparen, Ehre, Idealismus, Beziehungen, Familie, Status, Rache, Eros, Essen, körperliche Aktivität, Ruhe).
Zugegeben, es liegt – vielleicht gerade auch für Fußballtrainer, die ja eine große Komplexität zu bewältigen haben – eine große Versuchung darin, nach möglichst einfachen Rezepten zu suchen. Aber wenn man sich die Motive anschaut, die sich direkt über das Fußballspielen verwirklichen lassen, bleiben allenfalls Anerkennung, Idealismus, Status, körperliche Aktivitätübrig. Soll man alle Spieler, die diese Werte nun gerade nicht in ihrem Profil aufweisen, in Zukunft vom Spielplatz verweisen? Wenn der Test dann noch ergibt, dass zum Beispiel beim einstigen Schalke-Spieler Ailton das Bedürfnis nach Ruhe besonders stark ausgeprägt ist, wird der Nutzen des Ganzen mehr als fraglich. Letztlich muss sich der Trainer dann doch um indirekte Motivationen kümmern. Denn im zitierten Spiegel-Online-Artikel gibt der Diplom-Psychologe Markus Brand zu, dass die Spieler kaum Interesse an ihrer Motivationsstruktur zeigen.
Kann der Einsatz der Reiss-Analyse also irgendeinen spektakulären Erfolg im Sport nachweisen? Nun, die Befürworter können immer sagen: Vielleicht wäre es sonst noch schlimmer gekommen. Das ist natürlich nicht zu widerlegen. Aber großen Appetit macht das auch nicht gerade.
Machen wir es also einfacher, aber „nicht zu einfach“. Worauf kommt es bei der Motivation an?
1. Das höchste Gut, nach dem die Menschen streben, ist das Glück. Das hat sich seit Aristoteles, der das vor knapp 2500 Jahren festgestellt hat, nicht geändert.
2. Das, was Glück ist, wird von den Menschen höchst unterschiedlicherlebt, wahrgenommen, beschrieben und erreicht.
3. Es gibt Glückszustände, die vom Zufall abhängen: Wohlfühlglück, das direkt angestrebt und erreicht werden kann; Werte-Glück, das erlebt wird, wenn wir das verwirklichen oder erleben, was uns wichtig ist; und Glück, das aus der Harmonie eines Momentes, beim Betrachten einer Landschaft, dem Lösen eines Problems oder einer kreativen Erfindung, durch Musik oder auch ganz schlicht durch nichts anderes als Stille entstehen kann.
4. Wer aus den Erkenntnissen der psychologischen Motivationsforschung konkrete Ableitungen für den Sport gewinnen möchte, sollte sich nicht vorKomplexität scheuen. Er sollte vor allem nicht daran glauben, dass man Menschen von Außen motivieren kann.
5. Höchstleistung kommt vor allem von Innen. Selbstmotivation ist der Schlüssel zur Leistungsbereitschaft. Es gilt, beim einzelnen Sportler, auf die ihm persönlich genau angemessene Weise, Freude an der Optimierung zu wecken (Klinsmann: „Helfer sein, damit der Spieler sich selbst inspiriert“). Außerdem sollte der Sportler das Bestreben erlangen, mehr lernen zu wollen und das Glück im Bewältigen von Herausforderungen zu sehen – und nicht in äußeren Erfolgsattributen.
6. Endlich bewusst machen, dass die Metapher „das kommt aus dem Bauch“tatsächlich nur eine Metapher – und keine sehr glückliche – ist. Auch das, was wir als Bauchgefühl beschreiben, ist nichts anderes als eine körperliche Resonanz von Prozessen, die sich – in schöner Kooperation mit den Spiegelneuronen im Bauchbereich – letztlich dann doch immer im Kopf abspielen.
7. Das Paradoxe wertschätzen lernen, wie es Klinsmann verkörpert: Der fordert, den Kopf zu trainieren, kann selbst aber so großartig emotional sein. Es gibt keine wirkliche Trennung von Emotion und Verstand. Wenn wir beides bei allen offensichtlichen Spannungen und manchen Gegensätzen als eine verborgene Harmonie (im Sinne von Heraklit, dem Vorgänger und aus heutiger Sicht großen Antipoden von Aristotels) erkennen und wertschätzen lernen, sind wir einen großen Schritt weiter.
8. Das Glücksgefühl (auch Flow genannt), das uns im Sport begegnet und das Csikszentmihalyi so gründlich erforscht hat, ist immer das Resultat einer von Innen kommenden, einer intrinsischen Motivation. Es wird körperlich spürbar durch die Ausschüttung von Belohnungshormonen. Wie Dietmar Hansch in seiner „Psychosynergetik“ beschrieben hat, sind diese Prozesse Ausdruck eines höchst ausgeklügelten inneren Systems, das uns anzeigt, ob wir auf dem richtigen Weg sind, oder – beim Ausbleiben des Glücksgefühls – dass wir etwas tun, das uns nicht bekommt. Dieses Glücksgefühl ist also eine elementare, lebensentscheidende Orientierungsmöglichkeit und nicht ein „Nebenprodukt“ unserer Aktivitäten. In der Flow-Erfahrung wird die Integration von Kopf und „Bauch“ wie in keinem anderen Moment spürbar.
9. Wenn ein Sportler herausfindet – und dabei kann ihm ein Trainer und/oder Sportpsychologe durchaus assistierend an der Seite stehen –, wie er seine Flow-Momente erzielt, kann er auf dem Platz ganz alleine, genau wie Klinsmann es fordert, „seine Balance“ finden. Das geht nur, wenn entsprechende Klarheit entwickelt ist. „Glück“, so Csikszentmihalyi, „ist eine Frage des Bewusstseins“. Wenn der Sportler sich aber erst einmal den Zugang zu dieser intensiven Glückserfahrung erschlossen hat, verfügt er über eine äußerst nachhaltige, da von Innen kommende und sich selbst verstärkende Motivation.
10. Bewusstsein heißt bei allen Mannschaftssportarten auch, nicht nur den eigenen Bauchnabel zu bestaunen, sondern sich der menschlichen und sportlichen Bedeutung der Mitstreiter bewusst zu sein. Das Motto „11 Freunde müsst ihr sein“ gehört keineswegs in die Mottenkiste sondern will wieder entdeckt werden. Romantik heißt auch sichtbar zu machen, was noch unsichtbar ist, Visionen vom Sieg zu haben, diese Vision in klare Teilziele umzusetzen und sich über das gemeinsam Errungene freuen zu können.
Was Läufer von Bohlen lernen können
Die wichtigsten Begriffe zum Thema Motivation

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