31 Dezember 2010 00:00
Alle Jahre wieder setzen wir uns gute Vorsätze – und vergessen sie ganz schnell wieder. Motivationsexperte Gerhard Huhn erklärt im Interview, wie man seine hehren Ziele auch erreicht und den Einstieg in den Sport schafft.
Achim-Achilles.de: Herr Huhn, warum gelingt es uns so selten, unsere Vorsätze umzusetzen?
Gerhard Huhn: Eine Zeitung fragte mal in einer Umfrage: Was hindert Sie daran, Ihre Vorhaben in die Tat umzusetzen? Vier Prozent der Leser nannten fehlendes Wissen oder sachliche Hürden als Gründe, weitere vier Prozent mangelnde Unterstützung durch andere. Sieben Prozent gaben an, zu viele Projekte auf einmal zu haben, 20 Prozent sehen sich durch die Tagesarbeit oder äußere Zwänge verhindert. 23 Prozent führten fehlende Kraft durch berufliche und private Belastungen an, und 34 Prozent zu wenig Disziplin, um mit eingefahrenen Verhaltensweisen zu brechen. Zusammengefasst die erschreckende Erkenntnis: 92 Prozent der Menschen tun nicht das, was sie eigentlich wollen.
Achim-Achilles.de: Was steckt dahinter?
Huhn: Ein wichtiger Grund besteht darin, dass die Vorsätze, die gefasst werden, meist zu allgemein sind. Also: gesünder leben, mehr Sport, weniger rauchen. Diese grob gefassten Vorstellungen führen nicht dazu, dass man sich anders verhält. Verhaltensänderungen setzen immer sehr klare, emotional bewegende Bilder des erwünschten Zustandes voraus. Man sollte sich also nicht vornehmen, im neuen Jahr ein anderer Mensch zu werden, sondern sehr konkret ein, zwei Bereiche wählen, in denen man sich verändern will.
Achim-Achilles.de: Soll das heißen, man muss sich nur ein Bild machen und dann realisiert sich dieses?
Huhn: Nein, das reicht nicht. Das anspornende Bild ist die Voraussetzung. Aber das realisierende Handeln muss selbstverständlich hinzukommen – und am besten gleich heute. Es kommt auf jeden Tag an. Sobald ein Mensch beginnt, jeden einzelnen Tag sehr ernst zu nehmen und sich auf das konzentriert, was im jeweiligen Moment – jetzt gerade – geschieht und was wirklich wichtig ist, hat er keine Probleme mehr, seine Vorhaben umzusetzen.
Achim-Achilles.de: Sollte man seine Vorsätze für sich behalten, oder lieber an die große Glocke hängen?
Huhn: Es empfiehlt sich, die Vorsätze nicht hinaus zu posaunen. Denn nach allen Erfahrungen ziehen einen andere Menschen eher runter und sagen: Das schaffst Du ja doch nicht. Wenn man aber einen liebevollen Partner hat, oder einen Freund, der selbst etwas an sich ändern will, kann man sich zu einer Sparrings-Partnerschaft zusammenschließen.
Achim-Achilles.de: Was tun, wenn man seine Vorsätze nicht einhalten kann?
Huhn: Viele nehmen sich in so einem Fall vor, in der nächsten Woche und im nächsten Monat noch mehr zu schaffen. Ein Beispiel: Jemand scheitert in seinem Vorhaben, innerhalb eines Monats ein Kilo abzunehmen. Und im nächsten Monat nimmt er sich vor, anderthalb oder zwei Kilo abzunehmen. Das führt zu noch größerer Frustration. Wer also den ersten Schritt nicht schafft, sollte sich als zweiten einen kleineren vornehmen. Und wenn der wiederum misslingt, muss man ihn noch mal verkleinern – bis es gelingt, das Vorhaben umzusetzen. Durch solch ein Erfolgserlebnis steigt das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten, sich zu verändern. Schritt für Schritt kann man dann die Anforderungen an sich steigern – aber gegebenenfalls bei weiteren Rückschlägen auch wieder vermindern.
Achim-Achilles.de: Gerade jetzt nach den Feiertagen fangen viele Leute mit Sport an. Was raten Sie denen?
Huhn: Man sollte sich genau überlegen: Was ist für mich der nächste Schritt? Für jemanden, der bisher nur auf der Couch lag, ist der Vorsatz unrealistisch, sich Anfang Januar Laufschuhe zu kaufen und 6 km durch den Wald zu rennen. Der geschicktere Beginn ist es, sich erstmal fünf bis zehn Minuten täglich in der Wohnung zu bewegen, Gymnastik zu machen. Und nach einer Woche geht man dann ins Sportgeschäft oder auf die Anfängerrubrik von Achim-Achilles.de und informiert sich, wie man sinnvoll ein Lauftraining beginnt. Fortgeschrittene sollten sich nach dem soeben beschriebenen Prinzip neuen Herausforderungen stellen.
Achim-Achilles.de: Was tun, wenn man nach ein paar Wochen Training die Lust verliert?
Huhn: Es gehört zum Leben dazu, immer mal wieder die Lust zu verlieren. Wir alle haben Bereiche unseres Lebens, in dem wir uns sicher und wohl fühlen. Und es gibt anderen Bereiche, in dem wir uns nicht so sicher oder gar unwohl fühlen. Wenn wir etwas beginnen, das Spaß macht – zum Beispiel das Laufen – dann vergrößern wir den Wohlfühlbereich. Wenn wir jedoch längere Zeit nur das tun, worin wir uns sicher fühlen, geraten wir in einen Bereich von Routine und schließlich wird die Aktivität sogar langweilig. Wir verlieren die Lust. Das ist die Zeit, nach neuen Herausforderungen Ausschau zu halten: schneller laufen, weiter laufen, häufiger laufen, einen Wettkampf ansteuern. Sobald man diese Vorstöße ins Ungewohnte wagt, gerät man in einen Bereich, in dem man noch keine Sicherheit erworben hat, sich unwohl fühlt, und möglicherweise den Elan verliert. Dieses unbekannte Terrain zu erobern, gehört aber dazu, um sich kontinuierlich zu verbessern und die Motivation zu erhalten.
Achim-Achilles.de: Wenn die Lust weg ist: Wie schafft man es, den Schalter wieder umzulegen?
Huhn: Man sollte sich fragen: Wo kommt die Unbequemlichkeit her? Was muss ich an Kraft, Ausdauer oder Technik hinzugewinnen, um auf einem höherem Level Spaß und Selbstvertrauen zu gewinnen – also um meine Wohlfühlzone auszudehnen? Da gehört natürlich ein Maß an Disziplin dazu und die Bereitschaft, ein Stück weit die Unbequemlichkeit des physischen und mentalen Hinzulernens auszuhalten. Den Schalter kann man nicht mit einem Ruck umlegen. Es ist ein Prozess der kleinen Schritte. Wir Menschen unterliegen in diesem Feld nicht den Gesetzen der Mechanik. Wir sind letztlich sehr gefährdete Wesen und brauchen Gewohnheiten zur Absicherung. Wir sollten akzeptieren, dass das Ablegen einer Gewohnheit und das Aneignen einer neuen, besseren, immer erst einmal größere Unsicherheit und Gefährdung bedeutet. Mut und Geduld sind gefragt.
Achim-Achilles.de: Sollte man sich für Fortschritte belohnen?
Huhn: Gerade Anfängern fehlt oft der innere Antrieb, zu laufen. Daher sollten sie sich im Wochen- oder Monatsabstand konkrete, realistische Ziele setzen und sich für das Erreichen belohnen. Allerdings mit wirklich attraktiven Dingen, nicht einfach nur mit einem Kinobesuch oder mal gut Essen gehen. Diese Belohnungen gönnt man sich vier-, fünfmal, bis die innere Freude entsteht. Und dann sollte man auf die äußeren Belohnungen verzichten, um das Wachsen dieser inneren Freude zu spüren.
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Aufschieberitis – So wird man sie los

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