23 Juni 2010 02:00
Warum es wichtig ist, dass sich Läufer ein Ziel setzen, erklärt Flow Doc Gerhard Huhn, der Motivationsexperte. Er beginnt mit einem Experiment zum mitmachen.
Haben Sie Lust auf ein kleines Experiment?
Berühren Sie mit der vorderen Kuppe Ihres Zeigefingers einen Punkt auf Ihrer Bekleidung (Hose/Rock). Halten Sie den Finger absolut still. Verdeutlichen Sie sich über den Tastsinn die Struktur und die Oberflächenbeschaffenheit des Stoffes.
OK?
Jetzt streichen Sie mit dem Finger ein paar Mal an dieser Stelle behutsam hin und her.
Was fühlen Sie jetzt? Verdeutlichen Sie sich erneut die Oberflächenbeschaffenheit des Stoffes. Merken Sie den großen Unterschied? Noch mal von vorn: Jetzt die Fingerkuppe wieder auf einen Punkt drücken und nicht bewegen.
Da zeigt sich etwas sehr Entscheidendes: Wir müssen den Finger bewegen, um die Informationen über die Textilstruktur verarbeiten zu können. Und Sie müssen Ihre Augen bewegen, um diesen Text lesen zu können. In diesem Moment haben Sie eine ganze Menge über die Arbeitsweise Ihres Gehirns verstanden: Wir müssen Beziehungen zwischen mindestens zwei Bezugsgrößen herstellen, damit unser Gehirn Informationen und schließlich Bedeutungen daraus gewinnen kann. Sobald Ihre Augen völlig fixiert sind und sich vor Ihnen nichts bewegt, sehen Sie nichts mehr.
Sie merken, worauf wir hinaus wollen: Ein Ziel schafft eine Bezugsgröße, stellt eine Beziehung her zwischen dem gegenwärtigen IST-Zustand und dem angestrebten SOLL-Zustand. Ist der künftige Zustand erstrebenswert (liegt ein WERT in ihm, den wir anstreben?), entsteht eine Spannung. Das Ziel entwickelt für uns eine Anziehungkraft, eine Attraktion. Diese Anziehungskraft setzt uns in Bewegung, sie motiviert uns (in diesem Wort steckt das lateinische "movere" = bewegen).
Ein Mensch ohne Ziel hat weniger Beweggründe als ein Mensch, der ein Ziel verfolgt (oder auch mehrere, solange sie sich miteinander vereinbaren lassen, kann man ja durchaus auch mehrere Ziele verfolgen).
In dem Satz: "Der Weg ist das Ziel" steckt natürlich auch eine Weisheit. Die erschließt sich allerdings erst, wenn wir uns das chinesische Original dieses Satzes anschauen: der heißt "das Tao (oder Dao) ist das Ziel". Tao kann man mit "Weg" übersetzen. Richtiger ist aber wahrscheinlich die Übersetzung "der rechte Weg". Eine weitere Übersetzungsmöglichkeit macht daraus den "Sinn". Danach heißt der Satz: "Der Sinn ist das Ziel" (Tao ist der tieferliegende Sinn in allem, auch der Ursprung des Schöpferischen, etwas Unaussprechliches, Unbegreifliches, Kosmisches).
Wer diesen Satz verkürzt und als Entschuldigung dafür verwendet, um auf das Fragen nach dem rechten Weg zu verzichten, ist im wahrsten Sinne auf dem Holzweg: Er landet in einer Sackgasse oder verirrt sich im Wald.
Wenn es einen rechten Weg gibt, so gibt es auch falsche Wege. Die Entscheidung zwischen rechtem und falschen Weg gelingt nur, wenn wir Bezugspunkte haben. Ein Ziel liefert uns diesen Bezug: Das Zielführende ist der rechte Weg.
Erst wenn ein Ziel klar ist, wenn wir eine sinnvolle Ausrichtung haben, dann wird auch der Weg wichtig und der Sinn in jedem einzelnen Schritt klar.
Es macht also Sinn, wenn Sich sich Ziele setzen. Das Gefühl, "auf dem richtigen Weg" zu sein, ist eine der größten Kraftquellen überhaupt. Umso wichtiger wird die Wahl Ihres Zieles – und das Verfolgen des Zieles ohne Fanatismus und Verkrampfung. Ziele mit physischer oder psychischer Gewalt gegen andere oder sich selbst zu verfolgen ist gefährlich.
Wie Läufer sich ihre Ziele setzen sollten

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