23 Juni 2010 02:00
Kurz vor dem Startschuss laufen im Läuferkopf allerlei Filme ab: Strecke, Ziele, Angst vor Schmerzen. Lauftrainer Klemmbrett Karraß erklärt, wie Läufer mit dem mentalen Stress am besten umgehen.
Was gelernt ist, ist gelernt. Oder besser: Wenn jahrzehntelang fleißig trainiert wurde, ist ziemlich genau ein Jahr nach einer Achillessehnen-Operation eine 10-km-Zeit von 33:10 Minuten schwer in Ordnung. jK-Coach Peter Könnicke hatte sich klammheimlich und auf den letzten Drücker für den "City Night Run" in Berlin angemeldet. Mit geschärften Kontaktlinsen hoppelte er dann unauffällig im Startbereich für den auf und ab. Die Vorfreude der Stunde zuvor wich tiefem Insichblicken.
Es geht für Piet nicht mehr um den Sieg bei dieser CityNacht, den hatte er in den 90er Jahren mehrmals im Visier. Die Premierenveranstaltung gewann er 1992 schliesslich in 29:27 Minuten. Und diese Zeit hätte auch 2009 den Sieg bedeutet. Man sah ihm die Vorfreude an – aber wenn ein ehemaliger Leistungsportler an einer Startlinie steht, dann ist Schluß mit lustig. Dann laufen die Rituale automatisch ab. Alte Bewegungsabläufe kommen in den Kopf. Und das lockere Schnattern wird wie von ganz alleine abgestellt. Er sah fast aus wie damals. Konzentriert, ruhig. Und schon ein bisschen vorausahnend, was bei Kilometer sieben wohl alles so weh tun könnte.
Was mir auffiel: Falk Cierpinski, der in vier Wochen Marathon bei der WM laufen wird, der stand da, redete, lachte, quatschte. Und in zehn Minuten sollte es losgehen. Allerwichtigste Zeit der Konzentrationsphase. Ich war sehr erstaunt, ob seiner Lockerheit. Vielleicht ist das seine Art, mit dem Vorstartfieber fertig zu werden. Meine Vorbereitung war immer eine andere. Locker vor dem Start? Ich konnte das nie! Wettkampf? Was ist drin? Prüfung! Wenn es gut werden soll, musst Du alle Reserven rausholen. Die Konkurrenz war immer groß und die eigene Leistung auch sehr weit entwickelt. Da zu bestehen, das ging bei mir nur mit Konzentration, Ziel, Wille, Lust auf Schmerz, Lust auf "der Erste sein". Da konnte ich keine anderen Gedanken als nur diese in meinem Kopf gebrauchen.
Ich war ein einziges, aufgeregtes Angstbüdel, zielstrebig versucht, diese Angst in positive Energie zu verwandeln. Die Stunde vor dem Startschuss wurde ich vom sozialen Menschen zum Einzelwesen. Heute rückblickend finde ich das zutiefst faszinierend, wie ich damals solche Tiefen an Einsamkeit freiwillig auf mich nahm. Aber es zeigt sich: Wer das kann, der kann auch 100 Prozent abrufen. Es stehen eben 10km im Einzellauf bevor. Party und Umarmen gibt es dann genau nach 10 Kilometern und 20 Metern wieder. Wenn nach einer halben Stunde die Lebensgeister zurückkehren …
Unsere jK Runner hören solche Geschichten öfter. In Berlin und München beim Gruppentraining. Und auch im Online-Trainingsplan, im Klemmbrett, tauchen diese alten Dinge in der einen oder anderen Bemerkung auf. So sah ich auch einige unserer Läufer mit freundlicher Konzentration im Satrtbereich auf und ab laufen. Freundliche Konzentration, weil: Hey, mal halblang – es ist das schönste Hobby der Welt! Alle jK Runner liefen ein gutes Rennen, alle haben sich gestellt, gekämpft und ihre ganz persönliche 10km-Leistung vollbracht. Die Leistung, die am 1. August eben drin war! Und um zum Einstieg dieser kleinen Geschichte zurückzukehren: Peter Könnicke – unser Piet – lief mit 33:10 Minuten sein momentan absolutes Optimum. Dass das aber eigentlich nur Zahlen, abstrakte Fakten sind – nur zwei Dreien, ein Doppelpunkt und noch eine Zehn, dass da früher auch mal eine zwei und eine neun mit dabei waren – das ist Wurscht! Heute zählt. Und noch mehr das Morgen.
Marc Schulze lieferte übrigens die sportlich wertvollste Leistung ab. Mit seinem 8. Platz in 31:14 Minuten kam er noch vor dem WM-Teilnehmer Falk Cierpinski ins Ziel. Was sehr optimistisch macht: Er hatte als einziger im Spitzenfeld zwei gleichschnelle Hälften. In sechs Wochen geht er bei den Deutschen Meisterschaften im 10km-Straßenlauf in Cuxhafen an den Start. Nachdem er in diesem Jahr schon Deutscher Hochulmeister geworden war, sind wir jetzt heiß auf eine gute Platzierung und die anstehende Verbesserung seiner Bestzeit auf deutlich unter 31:00 Minuten.
Euer Klemmbrett Karraß – stolz auf Euch!
P.S.: Piet, nimmste mich mal mit in den Wald, wenn Du heimlich trainierst? Will auch wieder! Kannst mich ja zu Deinem lockeren Dauerlauf einladen? Wer ihn diese Woche mal als Coach erleben will, der muss ins Münchner jK-Training kommen.
Das Geheimnis der mentalen Vorbereitung
Versuche nicht zu laufen - laufe!

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