29 April 2011 00:00
Achim Achilles hätte gerne Frühlingsgefühle - doch für einen stahlharten Läufer gilt: Enthaltsamkeit statt amouröser Ekstase. Dabei haben die Rackerei auf Asphalt und Matratze mehr miteinander zu tun, als sich Männer gern eingestehen.
Neulich wollte Mona auf eine Fisch-sucht-Fahrrad-Party. Ihre Freundin Sybille hatte davon geschwärmt, wie irre lustig ein Abend inmitten Horden schwer vermittelbarer Balzhungriger doch für zwei mittelalte Damen sei. Mona war skeptisch. Ein schwer erziehbarer Läufer wie ich deckt ihren Bedarf an tätiger Sozialarbeit eigentlich. Außerdem erotisierte meine Gattin die Aussicht auf welkes Fleisch aus der Güteklasse Ü40 nicht sonderlich. Schließlich ist sie einen stählernen Läuferleib gewohnt, auch wenn das Innenleben selten nach Plan funktioniert. Am Ende begaben sich die beiden Frauen ins Kino, um gemeinschaftlich Johnny Depp anzuschmachten.
Achim Achilles legt jetzt noch ein paar Runden drauf – mit der erweiterten Neuausgabe seines Kultbuchs: "Achilles' Verse – Mein Leben als Läfer": mehr Geschichten, mehr Vergnügen, mehr Lesespaß! Jetzt bei Amazon bestellenDie Rackerei auf Asphalt und Matratze haben ja viel gemeinsam: Stöhnen, Tiernamen, Pillen, Duschen, weiße Socken, komisch riechen. Die Rennerei erschwert die Anbandelei allerdings gewaltig. Hübsche Frauen sind meistens zu schnell, die Damen in meiner Tempoklasse vorwiegend würfelförmig. Generell entspricht die Läuferin nur selten dem Beuteschema "Vollweib", sondern eher dem furchteinflößenden Typus der knöchernen Domina.
Und wie soll man sich mit Blutleere im Hirn die Startnummer von der süßen Maus merken, die bei Kilometer 33 so anmutig im Rinnstein lag? Ich könnte die Zahlen mit meinem Schweiß in den Straßenstaub tropfen. Eine sofortige Beatmung wäre auch möglich, mit Bananen-, Speichel- und Magnesiumresten in den Mundwinkeln vermutlich aber nicht so dringend erwünscht.
Egal. Liegenlassen. Nach drei Stunden Rennerei ist der Mann ohnehin kaum noch als solcher zu erkennen, auch dort, wo zuvor so was wie maskuliner Stolz baumelte. Das Blut wird überall gebraucht, aber nicht im Zentralorgan. Kompressionswäsche, derzeit schwer im Trend, steigert das Elend noch. Da werden nicht nur die Problemzonen des Läufers mit Gummigewalt weggeschnürt.
Außerdem gerät auch das stärkste Kompressionshemd an seine Grenzen, wenn es mehr als 20 überflüssige Kilogramm in Bestform quetschen soll. Wie beim Luftballon-Dackel flutscht das Gammelfleisch irgendwann dann doch aus der Zwangswäsche, natürlich immer dort, wo die meisten Zuschauer stehen. Und es gibt keine Chance, die Leibesfülle elegant zurück ins Korsett zu zwängen. Für den Rest der Strecke wird der Kniehub nun auch noch von der Speckschürze behindert.
Sport, gerade im Frühling, soll die Lust ja gewaltig steigern: die Sonne, die Wärme, der Verzicht auf lästiges Textil. Mag sein. Aber spontane Krämpfe und das Knarzen in der Lendenwirbelsäule sind hinderlich, sollte es tatsächlich so weit kommen. In der Nacht vor Wettkämpfen verbietet sich die Paarerei ohnehin. Denn bei Männern verringert sich die Kontraktionsfähigkeit der Muskeln, was bei mäßig Trainierten wie mir wahrscheinlich zu vorübergehender Volllähmung führt.
Bei Frauen wiederum wird die Testosteron-Produktion angeheizt, was Bestleistungen möglich macht. So entstehen Krisen bei Lauftreff-Reisen zum Marathon: Die Läuferinnen hätten gern etwas Naturdoping vor dem Rennen, die Männer aber wollen, können, dürfen nicht. Wieder mal bleiben die Glückshormone im Körpertresor verschlossen. Kein Wunder, dass fast alle Teilnehmer beim Start morgens überwiegend muffelig aus ihren Plastikleibchen gucken.
Nur im Ziel ist es noch schlimmer. Mit blutig geschubberten Oberschenkeln denkt der Läufer nur mehr an Sauerstoffzelt, Schmerzmittel-Infusionen und einen Freiflug im Rettungshubschrauber. Sexualhormone? In einem Läuferkörper schon seit längerer Zeit nicht mehr anzutreffen.

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