22 Juni 2011 00:00
Vor Wettkämpfen erklären viele Läufer Esstisch und Bett zur spaßbefreiten Zone. Dabei muss Enthaltsamkeit bei sinnlichen Genüßen gar nicht unbedingt sein, findet Achilles-Doc Matthias Marquardt. Ein Plädoyer für mehr Genuss.
Kein Rotwein, keine Kekse, keine Gummibärchen, keine Schokolade, hungrig ins Bett – es ist erstaunlich, worauf Sportler in der heißen Phase vor großen Wettkämpfen alles verzichten. Mythen und Legenden ranken sich ja auch um Fußballtrainer, die den Spielerfrauen auf großen Turnieren Zugang zu den Zimmern der Spielern gestatten oder auch nicht. Je nach Trainer und dessen Philosophie. Beides scheint dabei gleich reizvoll für Außenstehende: bedingungslose Askese und keusches Zubettgehen vor dem Rennen, oder aber frei werdende Energien durch heiße Liebesorgien in der Nacht vor dem Wettkampf.
Aber was ist denn nun richtig? Sind Sie vor dem Rennen auch im Bett noch einsatzbereit, oder kostet das zu viel Energie? Vielleicht doch besser um 22 Uhr ins Bett, einen kurzen Gutenachtkuss, die Hände auf die Decke und Licht aus? Ich will Ihre Phantasien nicht zerstören, aber in den meisten Wettkampfhotels, die ich erlebt habe, war es vor dem Rennen ziemlich still auf den Gängen. Meist auch dann, wenn die Sportler mit dem Partner angereist sind. Was man hört, ist höchstens das permanente Wälzen auf den Matratzen, weil niemand den Schlaf findet, den er so verzweifelt sucht.
Dr. med. Matthias Marquardt, Triathlet und Marathonläufer, beschäftigte sich nach hartnäckigen Verletzungen ausführlich mit der Frage nach der besten Lauftechnik. Das von ihm entwickelte Konzept des „natural running“ gibt der Spezialist für Bewegungsanalyse inzwischen an zahlreiche Sportler weiter. Läufern ist Marquardt vor allem bekannt als Autor der Bücher „Die Laufbibel“ und "77 Dinge, die ein Läufer Wissen muss".Die meisten Sportler sind vor einem Rennen fokussiert, sie sind aufgeregt, nervös, gehen das Rennen im Kopf noch einmal durch, grübeln, ob sie alles richtig gemacht haben. An Sex werden die wenigsten denken. Und wenn doch? Bitte sehr, solange die Liebesnacht nicht bis in die Morgenstunden dauert und Sie den Startschuss verschlafen, ist doch alles in Ordnung … Also bitte jeder, wie er meint.
Aber wieso tyrannisieren Marathonläufer sich selbst und ihre Familien mit den teilweise an den Haaren herbeigezogenen Askeseforderungen in den komischsten Bereichen? Wer das Phänomen einmal genauer beobachtet hat, wird herausfinden, dass sich Sportler gerne dort geißeln, wo sie eigentlich am empfindlichsten und am schwächsten sind. Warum also entsagt der Rotweinliebhaber dem Rotwein und der Schokofan der Schokolade? Werden sie dadurch schneller? Werden sie dadurch im Wettkampf leistungsfähiger?
Ja und nein. Rein körperlich ist ein Stück Schokolade nach dem Training sicherlich kein Problem und wird die Leistung auch nicht schmälern. Genauso wenig wird dies der in Maßen genossene Rotwein tun. Die Sportler beweisen sich damit aber etwas anderes. Nämlich dass sie Kontrolle über sich haben, dass sie ihre Ziele erreichen, dass sie Entbehrungen überstehen – und wer das unter Beweis stellt, der schafft auch den Wettkampf. Das ist natürlich eine wichtige mentale Stütze für jeden Marathonläufer, auch wenn sie eigentlich nur sein mangelndes Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten zeigt.
Wie so oft ist die Balance zwischen sportlicher Vorbereitung, die mit Entbehrungen einhergeht, und übertriebener Selbstkasteiung, die eher schon leistungshinderlich sein kann, sehr schwer zu finden. Denn faktisch ist es natürlich Blödsinn, auf ein Stück Schokolade zu verzichten, das einem doch etwas Genuss und Entspannung nach dem harten Training verschafft. Sicher sind die Athleten die besten, die so selbstbewusst sind, dass sie eine disziplinierte Vorbereitung von unnötiger Selbstkasteiung trennen können.
Ich erinnere mich an meine Marathonläufe mit exaktesten Vorbereitungsplänen, als wäre es gestern gewesen. Es lief meistens gut, aber immer gab es Probleme mit der Drei-Stunden-Grenze. Mit zunehmender Erfahrung als Trainer und Athlet konnte ich den nötigen Abstand gewinnen. Das gipfelte darin, dass ich am Abend vor dem Berlin-Marathon um 23:00 Uhr in einer Eisdiele am Potsdamer Platz mit Freunden zwei Portionen Tiramisu gegessen habe. Ich musste mich nicht geißeln, weil ich wusste, dass ich gut trainiert hatte. Ich hatte das notwendige Selbstvertrauen erworben.
Morgens vor dem Start hat der Bauch vielleicht einmal mehr gegrummelt, als er es sonst vor dem Start immer tut, aber ich war bester Dinge und wartete freudig gespannt auf das Rennen. Und siehe da: Es lief. Bestzeit. Nach 2:51 Stunden unter dem Brandenburger Tor. Wiederholt habe ich das seitdem nicht mehr, und ich glaube auch wirklich nicht, dass dies ein Geheimrezept ist. Aber ich denke, es sagt uns viel über den Zusammenhang von Körper und Geist sowie die sinnvollen Grenzen der Askese.
Tipp: Dr. Matthias Marquardts persönliche Ratschläge für den Marathon finden Läufer in seinem Buch "77 Dinge, die ein Läufer wissen muss" (Südwest-Verlag, 14,95 Euro).

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