08 Juli 2011 00:01
Ist Bullenpoker die dümmste Sportart der Welt? Schafft Cassidy die Meile unter vier Minuten? Was denkt der Darm, wenn wir essen und was zur Hölle macht Marvin Running beim Pilates? Unsere Buchtipps des Monats Juli.

Wichtigster Satz: „Ich wollte sehen, ob ich nicht den Planeten absuchen und die eine allerdümmste Idee für einen sportlichen Wettkampf finden könnte, die sich die Welt jemals ausgedacht hat.“
Was steht drin? Autor Rick Reilly bereist die Erde, um Sportarten zu finden, die die Welt nicht braucht. Er steckt sich Frettchen in die Hose, brät in einer 127-Grad heißen Sauna, kloppt Drei-Meilen-Golf und lässt sich beim Frauen-Football vermöbeln. Was das Buch zu einer wirklich amüsanten Lesereise macht, ist die Mischung aus albernem Selbsterfahrungstrip, ernsthafter Gesellschaftsreportage und seriöser Sportberichterstattung. Am eindrucksvollsten ist das Kapitel, in dem Reilly beschreibt, wie verurteilte Mörder und Vergewaltiger in einem Knast in Louisiana Bullenpoker spielen: Vier Leute sitzen an einem Tisch in einer Rodeo-Arena, solange bis ein wilder, 900 Kilo schwerer Bulle freigelassen wird. Derjenige, der als Letzter den Tisch verlässt, gewinnt den Pott – alles umjubelt von Tausenden von Häftlingen. Oder Stichwort Sauna-WM: Da verbrennen sich Anfänger die Haut unter den Nasenlöchern – weil sie durch die Nase geatmet haben. Kurzum: Das Buch über die dümmsten Sportarten der Welt ist äußerst witzig, kurzweilig und ja, auch: lehrreich.
Wer hat’s geschrieben? Rick Reilly, Jahrgang 1958, ist ein vielfach ausgezeichneter Sportjournalist im sportverrückten Amerika. Er hat schon alles von ganz nah gesehen: Super-Bowl, Basketballfinals, Wimbledon, Formel-1-Rennen – und er hat sich tierisch gelangweilt. Drei Jahre hat er für die Fertigstellung dieses Buches gebraucht – und hat jetzt Party-Geschichten für den Rest seines Lebens.
Wer braucht’s? Gelangweilte Sportjournalisten, Langzeitstudenten, Neulinge im Lauftreff, die Eindruck schinden wollen
John L. Parker: „Cassidys Lauf“, Aufbau-Verlag, 304 Seiten, 19,95 Euro.Wichtigster Satz: "Laufen war etwas sehr Wesentliches für ihn, und die Art und Weise, mit der er sich damit auseinandersetzte, war das Wesentlichste, das er kannte.“
Was steht drin? Der Student Quenton Cassidy hat einen großen Traum: ein Mal im Leben die Meile unter der magischen Grenze von vier Minuten zu laufen. An seiner Universität ist Cassidy der talentierteste Läufer und wird von Olympiasieger Bruce Denton unter die Fittiche genommen. Als Cassidy durch eine Intrige von der Uni verbannt wird, beginnt er unter Anleitung von Denton ein knüppelhartes Trainingsprogramm. Sein gesamtes Leben ordnet er monatelang einem einzigen Ziel unter: den besten Meilenläufer der Sportgeschichte zu besiegen. "Cassidys Lauf" – in Amerika seit Jahrzehnten ein Kultbuch unter Läufern – beginnt zunächst wie ein Campus-Roman, es geht um Mädchen, Suff und Jungsstreiche. Doch mit jeder Seite entfaltet sich mehr und mehr das Psychogramm eines manischen Ausdauersportlers; jeder, der schon mal über einen längeren Zeitraum zielgerichtet für einen Wettkampf trainiert hat, wird sich in Cassidy wiedererkennen. Das macht den Roman zur perfekten Motivationslektüre für Läufer, die sich durch eine lange Marathon-Vorbereitung mühen.
Wer hat's geschrieben? Der Schriftsteller John L. Parker, Jahrgang 1947, war als Student selbst ein begabter Läufer, der zahlreiche Titel gewann. Mit "Cassidys Lauf", das im Original bereits 1978 erschien, arbeitete er seine Sportlervergangenheit auf. Später verdingte er sich unter anderem als Journalist und Anwalt. In Amerika gibt es unter dem Titel "Again to Carthage" einen Fortsetzungsroman zu "Cassidys Lauf".
Wer braucht’s Läufer in der Marathon-Vorbereitung, Studenten
Klaus-Dietrich Runow: „Der Darm denkt mit: Wie Bakterien, Pilze und Allergien das Nervensystem beeinflussen“, 176 Seiten, Südwest-Verlag, 14,99 Euro.Wichtigster Satz: „Antibiotika verändert die Darmflora – bei der Hähnchenproduktion stehen die Tiere während zwei Drittel ihrer Lebenszeit unter dem Einsatz von Antibiotika.“
Was steht drin? Beim Lesen des Buchtitels müssen die meisten erst mal lachen – bis sich so ein unwohles Gefühl in der Magen-Darmgegend breit macht. Man könnte auch sagen: Das schlechte Gewissen sitzt im Darm. Nachdem man vorsichtig die ersten Buchseiten durchgeblättert hat, wird schnell klar: Der Darm steht stärker in Interaktion mit anderen Organen, als vielen von uns bewusst ist. So können Ursachen von chronischen Krankheiten wie Alzheimer, Autismus, Parkinson oder Depressionen durchaus in der gestörten Funktionsweise des Darms liegen. Ein hoch interessantes Buch, um die Funktionsweisen und Interaktionen in unserem Körper besser zu verstehen. Im Großen und Ganzen auch verständlich für Nicht-Mediziner, mit Praxis-Beispielen und klaren, nachvollziehbaren Tipps für die Anwendung bei Beschwerden. Nur dieses unwohle Bauchgefühl – das bleibt leider.
Wer hat’s geschrieben? Klaus-Dieter Runow, Jahrgang 1955, ist Umweltmediziner und behandelt seit über zwei Jahrzehnten Patienten mit Allergien und ausgeprägten Überempfindlichkeitsreaktionen auf Chemikalien. 1989 erbaute er das erste Institut für Umweltkrankheiten. 2006 erhielt er den renommierten B.A.U.M.-Umweltpreis. Von ihm ist auch das Buch „Wenn Gifte auf die Nerven gehen“.
Wer braucht’s? Läufer mit Immunschwäche, Kalorienzähler

Wichtigster Satz: „Sei kein Frosch, Schweinehund“
Was steht drin? Marvin Running macht seinem Namen diesmal keine Ehre. Er läuft nicht nur, sondern geht in anderen Sportarten fremd. Und was er da erlebt, schildert er in dem bekannten Zwiegspräch mit seinem Schweinehund. Marvin macht Hot Yoga, bis ihm die Lungenflügel flattern, überspannt den Bogen beim Bogenschießen und erklärt fachkundig, was Power-Honking ist. Seine Ausflüge in die bunte, bizarre Sportwelt ist bisweilen amüsant, ab und zu etwas gewollt witzig aber durchaus lesenswert. Macht auf jeden Fall Lust auf neue Sportabenteuer.
Wer hat’s geschrieben? Marvin Running ist Achilles-Blogger und nach eigener Aussage zur Zeit der ersten Mondlandung in Hamburg geboren. Danach hat er mit kurzen Unterbrechungen in den USA, Frankfurt, München, Köln und Berlin gelebt und wohnt jetzt wieder in Hamburg. Sein erstes Buch „ES läuft – sei stark, Schweinehund“ handelt nur vom Laufen.
Wer braucht’s? Läufer, die aus dem Laufalltag ausbrechen wollen; Läufer, die einfach nur laufen wollen und denen es reicht, die Erlebnisse anderer zu lesen

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