23 Juni 2010 02:00
Läufer ringen mit einem Phänomen: Sie wollen laufen und wenn sie laufen, macht es ihnen Spaß – aber sie kommen zu selten dazu. Der Motivationsexperte zeigt eine Lösung.
Kennen Sie das? Da nimmt man sich mittags vor: Heute, bei dem tollen Wetter wird abends mindestens eine Stunde gelaufen. Sie freuen sich schon richtig darauf.
Doch zuhause angekommen, fragen Sie sich, ob Sie nicht zumindest ein wenig essen sollten, bevor Sie loslaufen. Und dann sehen Sie, dass bedrohliche Wolken aufziehen – also erst noch die Wetternachrichten anschauen oder im Internet die aktuelle Situation checken. Als der Computer erst mal hochgefahren ist, fallen Ihnen etliche E-Mails auf, die eingegangen sind. Schnell werden die noch bearbeitet, der Hunger wird inzwischen größer, Sie essen, die Wolken werden dunkler – Sie überlegen hin und her und letztlich beschließen Sie, dass man mit vollem Magen und bei drohendem Gewitter doch nicht gut laufen kann. Das Training verschieben Sie auf das nahe Wochenende.
Wo steckt das Problem?
Es ist eine Entscheidungs-Problematik. Jede Entscheidung kostet Energie. Und meistens kosten JA-Entscheidungen zu etwas mehr Energie als eine NEIN–Entscheidung gegen etwas. Vor allem Entscheidungen, die sich in die Länge ziehen, kosten ein hohes Maß an Energie. Oft soviel Energie, dass man anschließend nicht mehr genug Energie für die Tat hat.
Was ist die Lösung?
Da diese Problematik nicht neu ist und nicht nur hinsichtlich des Laufens auftritt, haben sich die Menschen schon sehr lange um Lösungen bemüht. Und es gibt ein ganz einfaches Rezept: Das Ritual.
In komplexen Situationen, in Übergangsphasen des Lebens, bei schwierigen Entscheidungen benötigen wir Strukturen, Orientierung, eine Reduzierung der mentalen Prozeduren. In einem Ritual gibt es festgelegte Abläufe, Schritt für Schritt wird dieser Ablauf befolgt, ohne dass man sich überlegt, mache ich als nächstes dieses oder jenes oder etwas ganz anderes.
Das Ritual hat einen Preis: Es muss akzeptiert werden (es reduziert ja schließlich die eigene Freiheit), es muss erlernt werden und es muss eingeübt werden. Kein Ritual funktioniert von sich aus und ohne eine gewisse Zeit der Einübung.
Der Vorteil: Man wendet einmal eine gewisse Energie auf. Sobald das Ritual aber etabliert ist, können alle Detailschritte automatisch ohne nennenswerten weiteren Energieaufwand abgerufen werden. Also:
Schaffen Sie sich ein Ritual.
Das einfachste Ritual ist es, sich einen ganz bestimmten Wochentag und eine ganz bestimmte Zeit ein für allemal für das Laufen festzulegen. Überlegen Sie sorgfältig, welcher Wochentag sich am besten eignet. Wann können Sie am besten selbst über Ihre Zeit verfügen? Die ersten paar Wochen (erfahrungsgemäß dauert es bis zu zwölf Wochen, bis wir uns eine neue Gewohnheit wirklich stabil angeeignet haben) darf es überhaupt keine Ausnahme geben. Wenn es der Donnerstagabend ist, kann passieren, was will: Es wird gelaufen! An diesem von Ihnen frei gewählten Tag gibt es überhaupt gar keine Entscheidungssituation mehr, die Ihnen unnütz Energie raubt.
Legen Sie aber auch eine Ausnahmeliste fest (dann brauchen Sie auch diesbezüglich nicht im Einzelfall zu entscheiden): Es darf nicht gelaufen werden, wenn tatsächlich ein Gewitter droht, wenn Sie erkältet oder sonst wie erkrankt sind. Auch Ihre Familie hat in besonderen (Not-)Fällen natürlich Priorität. Das sollten Sie mit den Lieben besprechen und sie in Ihre Ritual-Technik einweihen. So wird klar, dass die Ausnahmen auf extrem seltene Situationen beschränkt werden, wo es wirklich nicht ohne Sie weiter geht.
Zum Ritual gehört: „Donnerstag“ (oder was immer IHR Tag ist) gibt es ein „Sport verträgliches“ Mittagessen und nachmittags dann noch eine Zwischenstärkung, damit Sie eben abends vor dem Laufen kein Hungergefühl haben. Für die unterschiedlichen Wetterlagen gibt es entsprechend zwei bis drei alternative Sportbekleidungen, gegebenenfalls sogar verschiedene Laufschuhe. Und es gibt eine schöne Belohnung, wenn Sie nach Hause kommen (oder auch schon unterwegs, je nachdem, was Sie sich für eine Belohnung aussuchen). Ich habe zur Erweiterung Ihrer Fantasie eine extra Belohnungsliste erstellt.
Überlegen Sie einmal, welche andere Gewohnheiten und Rituale Sie kennen. Vom Zähneputzen am Morgen (oder treffen sie tagtäglich eine Entscheidung, ob Sie sich nun die Zähne putzen oder nicht?) über den Abschiedskuss, bevor Sie zur Arbeit fahren bis hin zum abendlichen Anschauen der "Tagesschau" oder des "Heute Journals" – es gibt unendlich viele kleine ritualisierte Momente des Alltags, die uns den Energieaufwand der Einzelentscheidung ersparen, wenn sie einmal eine feste Struktur gefunden haben.
Sie werden merken: Rituale sind eine außerordentlich praktische Erfindung, die uns beträchtlich entlasten können und die uns auf der anderen Seite, das, was wir eigentlich wollen, dann auch tatsächlich tun lassen. Nach dem alten Motto von Erich Kästner: "Es gibt nichts Gutes – außer man tut es!"
Aufschieberitis – So wird man sie los
Lauftagebuch: Sinn oder Unsinn?

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