23. Juni 2010
Die Macht der Sprache: Der Motivationsexperte erklärt, warum das Wort "versuchen" für Läufer gefährlich ist. Dazu zeigt er ein kleines Experiment, das jeder mal ausprobieren sollte.
In einem Fernsehgespräch mit dem Star-Fotografen Jim Rakete, der berufsmäßig zwischen den USA und Deutschland pendelt, unterhielten wir uns über Mentalitätsunterschiede zwischen Deutschen und US-Amerikanern. Bei aller Vorsicht gegenüber zu groben Verallgemeinerungen machte er die Zuschauer und mich auf einen kleinen aber wichtigen Unterschied aufmerksam. Er sagte, wenn er in Deutschland fotografiere, blicke er durch einen „Sucher“, in den USA aber betrachte er seine Motive
durch einen „Finder“.
Dass es zu unterschiedlichen Ergebnissen führt, wenn jemand sucht oder jemand findet, liegt auf der Hand. Sprachlich nahe verwandt ist das Wort „versuchen“. Es macht einen erheblichen Unterschied aus, ob jemand etwas versucht oder ob jemand etwas tatsächlich unternimmt.
Wenn Sie etwas versuchen, öffnet Ihnen das einen großen mentalen Spielraum. Auf jeden Fall eröffnet es anderen und sich selbst gegenüber die Möglichkeit, zu scheitern, ohne dass das die Wertschätzung anderer oder die eigene Selbstachtung berührt. „Man hat ja nur mal versucht.“ Versuche können schief gehen und das ist völlig okay.
Ich möchte Sie aber auf die Gefahr aufmerksam machen, die hinter dem Gebrauch des Wortes versuchen steckt: Eigentlich ist es eine Ausflucht. Letztlich führt es dazu, es nicht wirklich zu tun, sondern es nur zu versuchen. Vielmehr noch ist es persönliche Scheu, Verantwortung zu übernehmen. Noch deutlicher gesagt: Es ist Angst, die da
durchnässt, fehlender Mut und Entschlossenheit.
Früher habe ich häufiger in meinen Trainings ein kleines Experiment gemacht, um den Teilnehmern den Unterschied zu verdeutlichen. Ich warf einen Filzstift auf den Boden und bat einen Feiwilligen zu versuchen, ihn aufzuheben. Rasch kam jemand, hob den Stift auf und gab ihn mir. Ich bedankte mich freundlich und machte dann deutlich, dass er
nicht das getan hatte, um was ich gebeten hatte: Er sollte ja nur „versuchen“ den Stift aufzuheben und nicht ihn tatsächlich aufheben.
Ich machte dann ziemlich übertrieben durch zahllose (vergebliche) Bemühungen deutlich was „versuchen“ heißt. Meine Hand näherte
sich dem Stift und kurz vor dem Anfassen zuckte sie zurück. Nach mehreren dieser Versuche gelang es mir endlich den Stift anzufassen, aber schon fünf Zentimeter über dem Boden fiel er mir wieder aus der Hand usw. Ich hampelte in gebückter Stellung solange mit dem widerspenstigen Stift herum, bis ich sicher war, dass wirklich jeder Teilnehmer im Raum verstanden hatte, dass versuchen sich erheblich von es wirklich tun unterscheidet.
Zur Vermeidung von Missverständnissen: Ich bin nicht gegen das Versuchen, das Ausprobieren. Das ist der Anfang jedes Lernprozesses. Kein Kind würde Laufen lernen ohne dieses Bemühen und vieler Versuche. Aber als Erwachsene sollten wir uns in jeden Moment klar bewusst machen:
• Will ich etwas versuchen (im Sinne eines Lernexperimentes)? Oder
• Will ich etwas tun, etwas wirklich erreichen?
Versuche ich nur zu laufen, dann laufe ich nicht wirklich. Versuche ich zu leben, lebe ich nicht wirklich!
Nun schlage ich Ihnen ein ziemlich dramatisches eigenes Experiment vor. Keine Angst, Sie sind in diesem Fall nicht das Versuchskaninchen sondern der Chef der Untersuchung: Achten Sie mal eine Woche lang bei ganz normalen Fernsehsendungen darauf, wie oft in Deutschland „versucht“ wird. Falls Sie eine Strichliste führen würden, würde ihr Stift in der Hand vor lauter Striche machen heiß werden, insbesondere sobald Sie Interviews von Sportlern und Politikern verfolgen.
Und wenn Sie in der Familie oder mit Ihren Freunden eine 5-Euro-Strafe für jede unangebrachte Verwendung des Wortes „versuchen“ vereinbaren, können Sie sehr wahrscheinlich in wenigen Wochen eine rauschende Party von dem angesammelten „Versuchs-Vermögen“ feiern. Aber bitte: Versuchen Sie dann nicht zu feiern, sondern feiern Sie! Und versuchen Sie nicht zu laufen: Laufen Sie! That creates change!
Die Sprache macht den Unterschied! Und warum das genau so ist, das werde ich Ihnen in einem der kommenden Beiträge erklären.
Ihr
Flow-Doc Gerhard Huhn
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