19 August 2009 02:00

Von wegen einmal Sommermärchen, immer Sommermärchen: Stimmung lässt sich nicht beliebig wiederholen, findet Achim Achilles und schreibt, was die Hauptstadt von den Athleten lernen sollte.
Was mag ein Leichtathletik-Fan, etwa in Indonesien oder Ingolstadt, der die WM nur am Fernseher verfolgt hat, wohl über Berlin denken? Was wird im Gedächtnis bleiben? Erstens: die blaue Laufbahn, zwar eher ein Zufallstreffer, weil Hertha zu verdanken, aber international auf Jahre merkfähig. Zweitens: natürlich Usain Bolt und seine Raketenläufe. Und drittens? Womöglich die großen Löcher auf den Rängen. Und das ist kein gutes Signal. Die Botschaft an die internationale Sportfamilie lautet: Sechs Millionen Menschen leben im weiteren Einzugsgebiet des Olympiastadions, sind aber offenbar nicht so leicht zu mobilisieren.
Die Stimmung aber spielt für internationale Sportverbände, die große Wettbewerbe vergeben, eine wichtige Rolle. Und da schneidet Berlin bestenfalls okay ab, bot aber bestimmt keine unvergesslichen Tage. Natürlich waren die Ticket-Preise abschreckend. Doch um die Wirkung hätte man vorher wissen und gegensteuern können. Egal, wer die Schuld am nicht ausverkauften Stadion trägt, die Bilder von leeren Rängen fallen auf die Stadt und ihre Bewohner zurück. Zur Ehrlichkeit gehört eben auch: Ohne die beiden Glücksfälle Bolt und Blaubahn wäre die WM deutlich fader ausgefallen.
Die vergangenen zwei Wochen waren ein deutlicher Weckschuss. Nur weil 2006 beim Fußball alles stimmte, lässt sich Stimmung nicht beliebig wiederholen: Fanmeile und Public Viewing funktionieren eben nur manchmal. Auch Sonnenschein garantiert keinen Party-Automatismus. Darauf aber scheint sich ein selbstgewisses Berlin, das Volk wie seine Vertreter, zu verlassen – von wegen einmal Sommermärchen, immer Sommermärchen.
Sport-Veteranen, die die Leichtathletik-WM in Stuttgart 1993 erlebt haben, erinnern sich an eine ganze Stadt im Sport-Fieber. Kinder, Familien, Vereine pilgerten ins Stadion. Der Berliner dagegen ließ sich nicht richtig anstecken. Obgleich sich Hunderttausende in dieser Stadt regelmäßig bewegen und durchaus Interesse an großem Sport haben, entwickelte sich diese Leichtathletik-WM nicht zu einer Kundgebung des Volkes, sondern war ein Event, den "die da" machten: "die da", das sind Sponsoren, Funktionäre, Würdenträger, die sich in VIP-Lounges tummeln. Die Kehrseite geldwerter Exklusivität sind womöglich spärlich besetzte Ränge.
Vielleicht nur eine Kleinigkeit, aber eine bezeichnende: Die Läufer, die täglich zu Hunderten im oder ums Mommsenstadion trainieren, wurden sechs Wochen vor dem WM-Start aus ihren Duschen vertrieben, Vereine generell zu wenig eingebunden, Schulen gar nicht. Dabei wären Ferienkinder womöglich dankbar gewesen, mal einen Vormittag im Stadion zu verbringen.
Diese WM war kein Flop, lieferte aber die klare Botschaft, dass ein wenig mehr Anstrengung nicht schadet: Für Städte, die in der globalen Champions League mitspielen wollen, gilt dasselbe wie für jeden Athleten: Qualität kommt von Qual.
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