Achim Achilles

Achilles' Verse: Bock auf bewusstes Laufen

Geschrieben von: Achim Achilles
Achim im Schneidersitz

Optimierungswütige Menschen finden Laufen blöd: Denn Läufer haben zu wenig Muskeln und keinen Meniskus mehr, altern vorschnell und quatschen viel dummes Zeug. Lauf-Junkie Achim Achilles möchte aber gar nicht optimiert sein.

Tagesform statt Trainingsplan

Wir Läufer machen alles falsch. Wir verbrennen zu wenig Fett. Wir züchten keine Muskeln obenrum. Wir können keinen Spagat. Wir verschwenden Stunden im Wald. Und der oxidative Stress bringt uns um.

Laufen passt in ein optimiertes Leben so gut wie ein Brockhaus – gar nicht. Kalorienverbrauch, Straffheit, Kraft - in 20 Minuten Hochintensitäts-Training ist erledigt, wofür der Läufer eine Stunde braucht. Manch einer fragt sich: Was zur Hölle macht ihr da?

Das stimmt zunächst mal; wenn man Sport und Leben ausschließlich unter dem mathematischen Aspekt sieht: Zeit=Kapital und Körper=Maschine und Sport=Produktion von facebook-tauglichen Bildern. Daraus kann man Gleichungen erstellen, die jedem Tag einen Zeitplan verpassen. Menschen haben's halt gern ordentlich.

Ein Aspekt allerdings wird vernachlässigt: Mensch = Individuum. Am Ende ist jeder von uns anders, jeden Tag. Bedürfnisse, aktueller Gesundheitszustand, Schlafbudget, Stresslevel, Seelenwärme – auf diese Wundertüte namens Tagesform kann kein Trainingsplan reagieren.

Wer sich da militärisch-diszipliniert ein hammerhartes Workout verordnet, fühlt sich nachher womöglich schlapper als zuvor. Es mag eine Reihe Läufer geben, die es mit der Rennerei übertreiben. Es soll auch Menschen geben, die es mit der Arbeit, mit dem Wein oder dem Sex übertreiben. Das liegt aber nicht am Laufen.

Jeder Läufer ist anders

„Läufer“ ist ein Sammelbegriff, der einen Menschen so präzise beschreibt wie „Muslime“ oder „Radfahrer“ oder „Blonde“. Es gibt schnelle Läufer, langsame, schwatzhafte, strukturierte, meditierende, nervende, magersüchtige, fröhliche, dicke, also ziemlich viele verschiedene.

Jeder Läufer ist anders; und das Laufen auch – von 5000 Kilometer Ultra am Stück bis zum zwölfminütigen Medititationstrab inklusive Gehpausen ist alles dabei. Heute morgen bin ich rasch fünf Kilometer durch den Park gerannt, Raureif auf dem Rasen, die an Kraft gewinnende Frühlingssonne im Gesicht. Ich habe ein paar Sprints gemacht, einen Baum umarmt und auf dem Spielplatz balanciert.

Ich habe keine verbrannten Kalorien gezählt, keinen Trainingsplan erfüllt, überhaupt gar keinem Regime gehorcht. Ich war einfach nur da, sehr losgelassen. Kann man albern finden oder uneffektiv. Oxidativ gesehen war womöglich einiges falsch.

Auch mein Zeitmanagement braucht mehr Coaching, keine Frage. Aber für mich war es ein Fest, dieses kurze aber innige Vereinen mit der Welt. Ob ich damit den Effizienzgedanken von Menschen entspreche, die null Unterhautfettgewebe und spitz hervortretende Rippenknochen für einen schönen Körper halten – keine Ahnung.

Leitlinie: Was mir gut tut

Aber: Mir tut's gut. Kann es sein, dass das Leben oft da anfängt, wo die Effizienz aufhört?

Jeder darf die Segnungen von Functional Training, Kraftübungen und totalem Verausgaben lobpreisen. Klar, Sport darf hart sein, schnell, erfolgsorientiert, immer zahlen-, ziel- und limitgetrieben. Excel-Tabellen, Kurven, Diagramme kann man sexy finden.

Muss man aber nicht. Im nächsten Schritt rät der Burnout-Experte meist, dass der Patient sich die Fragen stellen möge, was einem diese Obsessionen mitteilen wollten. Die sehr viel größere Kunst besteht darin, dem Körper, der Seele zu lauschen, um herauszufinden, was jetzt gerade gut tut.

Kann durchaus sein, dass ich tatsächlich einen Spagat brauche oder 50 Burpees, aber morgen exakt um diese Zeit einen stillen Trab in der Natur. Oder einen Quatschlauf mit einem guten Kumpel.

Nach meiner bescheidenen Lebenserfahrung sind es oft die Lautesten und Heftigsten und Effizientesten, die am wenigsten wissen, was ihnen in welchem Moment gut tut. Diese Erfahrung muss wohl jeder erst mal selbst machen.

Fortgeschrittenes Bewegen schafft so viel mehr als Muskeln, bewusstes Laufen ist soviel größer als hirnloses Gehechel, das ganze Leben deutlich bunter als die Sportklamotten im Schrank. Dafür braucht man keinen Plan. Nur den Mut, auf sich selbst zu hören.

 

Sport treiben ohne Stress. Wie das geht, kannst du in Achim Achilles' E-Book nachlesen: "Laufen und Lust - In zehn Schritten zu mehr Spaß am Leben" 

 

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