Achim Achilles

Achilles' Verse: Wenn der Schulterblick ausbleibt

Geschrieben von: Achim Achilles

Radfahren ist gesund – eigentlich. Doch was passiert, mit dem Radler, wenn der Schulterblick des Autofahrers ausbleibt? Geht meist nicht gut aus. Ein PlĂ€doyer fĂŒr mehr Verkehrssicherheit.

Was ein furchtbares Wochenende: Am Samstag ĂŒbersieht ein abbiegender Laster in Kreuzberg einen Radfahrer. Tot. Am Sonntag rasen zwei Rennradler am Wannsee ungebremst in einen GelĂ€ndewagen, einer direkt durch die Heckscheibe. Ein Streckenposten wird umgefahren, ein dritter Radler in den Sturz verwickelt. SpĂ€tfolgen ungewiss.

Wie in der Hauptstadt gilt ĂŒberall in Deutschland: FrĂŒhlingszeit – Radunfallzeit. Seit Jahren erwischt es jedes Jahr in Deutschland etwa 400 Menschen, rund 80.000 werden verletzt, 15.000 davon schwer. Unklar bleiben Dunkelziffer und SpĂ€tfolgen.

Sicher ist nur: Wer weitgehend ungeschĂŒtzt mit einem Auto kollidiert, ist im Nachteil, erst recht, wenn die Zahl schwachsinnig hochgerĂŒsteter und martialischer SUV's stetig zunimmt.

Wir sorgen uns um Terrorismus, wir fahnden Mikrospuren irgendwelcher Allergene hinterher – aber eine der gelĂ€ufigsten lebensverkĂŒrzenden Bedrohungen im Alltag nehmen wir als quasi-schicksalhaft an. Wer je an einem Volksradrennen teilnahm, ist vertraut mit dem Knirschen, wenn Karbon auf Alu auf Asphalt auf Knochen auf Schneidezahn prallen und einige Quadratzentimeter Haut der Straße bleiben.

Wer je in einer deutschen Großstadt mit dem Rad unterwegs war, kennt die vielen Alltagssituationen, wenn der Schulterblick des Autofahrers ausbleibt, wenn ungeduldige Piloten aus Einfahrten auf den Radweg oder haarscharf an Radlern vorbeischießen, bisweilen unverhohlen aggressiv. Wer seine Kinder morgens mit dem Rad zur Schule lĂ€sst, schickt immer auch ein Gebet mit, dass all die gehetzten Morgenmuffel ihre Übellaunigkeit auf wen anders projizieren als unseren Nachwuchs.

Nein, es sind nicht die Autofahrer allein, es ist ein gesamtgesellschaftliches Klima, das nervt und obendrein lebensgefĂ€hrlich ist. Radaktivisten mit ihren LĂ€rmgerĂ€tschaften, ihrer AggressivitĂ€t und dem Bessermenschenblick tragen ebenso wenig zu einem gedeihlichen Miteinander bei wie Autofahrer, die die Wutmenschenparole von der "freien Fahrt fĂŒr freie BĂŒrger" vor sich hin murmeln.

Und wie soll die Straße erst aussehen, wenn LastenrĂ€der und E-Bikes, MannschaftsrĂ€der, Segways und Hoverboards in noch grĂ¶ĂŸerer Zahl durch die StĂ€dte ruckeln, rasen oder fliegen?

Im Vergleich zur Gleichberechtigung auf der Straße ist die Emanzipation weit fortgeschritten. Höchste Zeit, dass ein Konsens darĂŒber herbeigefĂŒhrt wird, wie die PrioritĂ€ten liegen: Ein Autofahrer, der es eilig hat, genießt keinesfalls automatisch Vorfahrt.

Wer einen GelĂ€ndewagen pilotiert, der ein deutlich höheres Verletzungsrisiko fĂŒr ungeschĂŒtzte Verkehrsteilnehmer bedeutet, ist im Unfallfall besonders empfindlich zu bestrafen. Radfahrer, die eine rote Ampel oder ordentliche Beleuchtung (mea culpa!) allenfalls fĂŒr einen Vorschlag halten, ebenfalls.

Wer Radrennen veranstaltet, hat dafĂŒr Sorge zu tragen, dass die Teilnehmer im Vollbesitz ihrer geistigen und körperlichen KrĂ€fte sind. Wer jemals erlebte, wie sich erwachsene Menschen, vorwiegend MĂ€nner in den besten Jahren, in Zombies verwandeln, sobald sie auf ihren teuren Rennmaschinen Platz genommen haben, der nimmt freiwillig Abstand von Volksrennen. VorĂŒbergehende oder lebenslĂ€ngliche Sperren fĂŒr Bike-Hooligans dĂŒrfen kein Tabu sein.

Ein Wort noch zu den Streckenposten: Wer freiwillig stundenlang mit einem FÀhnchen in einer Einfahrt steht, um eine Rennstrecke zu bewachen, dem gilt zunÀchst einmal der herzlichste Dank aller Freizeitsportler.

Andererseits gehört es zur bösen RealitÀt, dass nicht immer die hellsten Kerzen auf dem Kuchen zum Streckendienst abkommandiert werden. Nicht die respektgebietende Warnweste, sondern klare Ansagen und eindeutiges Verhalten machen aus einem Streckenposten eine Respektsperson.

Und schließlich das Verkehrsrecht: Wenn hirnamputierte Raser wegen Mordes verurteilt werden können, warum dann nicht auch rĂŒcksichtslose Autopiloten, die Radler zu Tode fahren? Zugleich mĂŒssen Radfahrer fĂŒr ihre zahllosen großen und kleinen Vergehen empfindlich bestraft werden.

Die vergangenen Jahre haben gezeigt: Wildwuchs, AugenzudrĂŒcken und das Hoffen auf Vernunft zeigen keine große Wirkung. Selbstorganisation funktioniert nicht. Der Erfolg von RadfahrerstĂ€dten oder LĂ€ndern mit deutlich positiverer Unfallstatistik ist auch darauf zurĂŒckzufĂŒhren, dass die Polizei humorlos mit VerkehrssĂŒndern umgeht. Nicht schön, aber lebensverlĂ€ngernd.

 

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