Achim Achilles

Achilles' Verse: Echte Menschen statt Kampfmaschinen

Geschrieben von: Achim Achilles

Bei der Leichtathletik-WM in London spielen die Deutschen meist nur zweite Geige. Achim Achilles findet, dass das trotzdem ein Grund zum Feiern ist. Es war das Scheitern, dass bei dieser WM wirklich Identifikation geschaffen hat.

Diese Leichtathletik-WM ist wirklich mal interessant, nicht nur weil Usain Bolt verloren hat, lustigerweise gegen Justin Gatlin, der mal mit Testosteron, mal mit Amphetamin erwischt wurde und einige Zeit seiner Sprinterkarriere mit dem Absitzen von Sperren beschäftigt war.

Bei seinem letzten Rennen stürzte der große Bolt sogar.

Es gehört zu den Ironien dieser Gladiatorenkämpfe in London, dass die sogenannten Stars eher Würstchen sind, weil die ganze Sinnlosigkeit eines Lebens offenbar wird, das nur dem einen Ziel geopfert wird, der goldenen Medaille, dem Ewigkeitsrekord, vorübergehender Weltruhm und dann elend lange Jahre, in denen man von Gala zu Jahresrückblick rumgereicht wird.

Toller Stoff für einen Romanautor, und sehr entspannend für Freizeitsportler.

Die Vereinbarkeitslüge

Denn irgendwie haben wir Hobbyathleten dieses unerbittliche Jagen nach Bestzeiten, nach persönlichen Marathonrekorden ja auch verinnerlicht als gäbe es keine wichtigen Ziele im Leben. Trainieren ist gesund, keine Frage, aber Höchstleistungen sind fast immer mit Problemen verbunden, ob Verletzungen, unerlaubte Substanzen, soziales Vereinsamen, charakterliche Wunderlichkeit.

Da ist sie wieder, die Vereinbarkeitslüge, die nicht nur für berufstätige Frauen gilt, sondern eigentlich für jeden multipel gestressten Modernmenschen. Marathon unter drei Stunden rennen, Millionen-Startup im Café auf dem Tablet gründen, empathischer Familienvater, feuriger Liebhaber, Virtuose am Designer-Grill – nacheinander und über viele Jahre verteilt mag das funktionieren, gleichzeitig sicher nicht.

So war es das Scheitern, dass bei dieser WM wirklich Identifikation geschaffen hat. Die Weltmeister Raphael Holzdeppe (Stabhochsprung), David Storl (Kugelstoßen), Katharina Molitor (Speerwurf), Robert Harting (Diskus) waren alle früh ausgeschieden.

Deswegen sind sie aber trotzdem bessere Sportler als 99 Prozent der Menschheit. Häme? Überhaupt nicht. Im Gegenteil, eher ein wohliges Gefühl, dass unsere Athleten echte Menschen sind mit Formschwankungen, Launen, eben menschlichen Eigenschaften.

Sie schaffen, was unter normalen Umständen zu schaffen ist, wenn der Staat keine Kampfmaschinen züchtet wie in östlicheren Kulturen üblich und Herzogenaurach auch nicht so gnadenlos wie mancher Wettbewerber in Menschmaschinen investiert.

Respekt vor diesen Leistungen.

Das Signal: Uns sind Medaillen nicht so viel wert

Wer in Deutschland nicht als Goldmedaillengewinner geboren wird, muss Jahre lang Studium, Ausbildung, Beruf und den Vollzeitjob als Leichtathlet unter einem Hut koordinieren, sich bis 30 von den Eltern sponsern lassen wie Hürdenläufer Matthias Bühler oder mit 300 Euro Sporthilfe zurechtkommen, deutlich unter dem Existenzminimum, aber zugleich voll in Renten- und Krankenversicherung einzahlen, die für den Hochrisikobereich Leistungssport nicht immer die optimale Absicherung bietet.

Jedes Verständnis für einen wie Hürdenläufer Silvio Schirrmeister, der vor zwei Jahren zugab, „den Kampf gegen das duale Monster“ von Arbeit und Sport verloren zu haben.

Soll niemand so tun als habe er nichts gewusst. Die deutsche Gesellschaft und Politik signalisiert seit Jahren unmissverständlich: Eure Medaillen sind uns nicht so viel wert wie den Briten oder Franzosen, die ihre Athleten als Staatsangestellte alimentieren.

Jeder junge Sportler, der sich Richtung Leichtathletik orientiert, muss davon ausgehen, die zehn, zwanzig besten Jahre seines Lebens in relativer Armut zuzubringen, um hinterher nicht mal eine ordentliche Ausbildung zu haben.

Olympia? Vielleicht? Medaille? Eher nicht. Klare Entscheidung, mit klaren Risiken.

Trotzdem tolle Leistungen

Angesichts der lausigen Bedingungen für deutsche Leistungssportler, die nicht zufällig bei Fußball, Tennis oder Formel 1 reüssieren, leisten unsere Leichtathleten Großes. Viel mehr geht wahrscheinlich nicht. Wie wundervoll sind da die 10,95 von Gina Lückenkemper im Vorlauf der 100 Meter, die beste Zeit, die seit 26 Jahren in Deutschland gerannt worden ist.

10,95sek für @ginalueckenkemper im Vorlauf von #london2017. Einfach nur WOW! #leichtathletik #berlin2018 #berlin #athletics #trackandfield

Ein Beitrag geteilt von Leichtathletik-EM Berlin 2018 (@berlin.2018) am

Interessiert jetzt global niemanden so wirklich, ist aber eine großartige individuelle Leistung, vermutlich sogar sauber erbracht. Oder die sensationelle Bronzemdaille von Hürdensprinterin Pamela Dutkiewicz.

Es könne gut sein, dass bei der Leichtahletik-EM 2018 in Berlin „80 000 Zuschauer Leichtahleten anfeuern, die nicht mal ihre Miete bezahlen“ könnte, hat Hürdenläufer Bühler dem ZDF mit einer gewissen Bitternis gesagt. Kann man so sehen. Andererseits: Wie viele Leute, die ihre Miete nicht zahlen können, werden niemals angefeuert.