Anna Achilles

Achilles' Verse: 21,095 Dinge, die ich beim Halbmarathon gelernt habe

Geschrieben von: Anna Achilles
Anna nach Berliner Halbmarathon

Anna Achilles hat es tatsächlich überlebt. Den Halbmarathon in Berlin absolvierte sie in zwei Stunden, fünf Minuten. Auch Tage danach ist sie vollgepumpt mit Glückshormonen. Auf zum nächsten Lauf, denkt sie. Doch vorher: ihre 21 Lektionen für den nächsten Lauf

1. FrĂĽher mit dem Training beginnen.

Ich hab beim Training geschludert. Schuld waren Erkältung, Urlaub, Umzug – unvorhergesehene Ereignisse, die einen wie immer vom Training abhalten. Normal. Aber gerade deshalb muss man einen Zeitpuffer einplanen. Hatte ich nicht.

2.  Trainingsplan ernst nehmen.

21 Kilometer läuft man nicht einfach so. Und wenn man, wie ich, nur ein einziges Mal 15 Kilometer vorher läuft, ist der Körper nicht unbedingt auf diese Belastung vorbereitet. Schuld war die fehlende Zeit für den Trainingsplan. Aber das hatten wir ja schon, siehe Punkt 1.

3. Wenig trinken.

Nicht erst vor dem Rennen Wasser in sich hineinschütten. Dann muss man später nämlich permanent aufs Dixi. Auch keine Lösung, siehe Punkt 5.

4. FrĂĽhzeitig losgehen. 

Der Halbmarathon in Berlin ist eine GroĂźveranstaltung mit mehr als 30.000 Teilnehmern. Man muss durch Sicherheitskontrollen, seinen Startbeutel abgeben, seinen Startblock finden. Das alles dauert. Deshalb lieber ein bisschen mehr Vorlauf einplanen.

5. Rechtzeitig am Dixi anstellen.

Das richtige Klo-Timing ist nicht einfach. Nicht zu früh, damit auch letzte Schluck des Morgenkaffees durchgegluckert ist. Aber auch nicht zu spät, wegen der Schlangen. Nach eigener Berechnung wartet man zehn Minuten für einen Klogang beim Berliner Halbmarathon.

6. Handy zu Hause lassen.

Typisch Großveranstaltung: kein Handynetz, kein Internet. Smartphones können also zu Hause bleiben. Allerdings gibt’s dann auch keine Fotos. Das wäre schade. Deshalb habe ich es doch eingesteckt. Sollte die Hosentasche zu klein sein, im Sport-BH lässt sich einiges unterbringen.

7. Nicht allein laufen.

Geteiltes Leid ist halbes und so weiter. Gilt ĂĽbrigens auch fĂĽr Freude und die Aufregung am Start. Gemeinsam ist man weniger allein. Laufpartner suchen.

8. Nicht zu langsam loslaufen.

Meine Laufpartnerin macht sonst Ironman. Sprich: Halbmarathon ist für sie ein Klacks. Und sie hat das Tempo bestimmt: 5:30-er-Schnitt pro Kilometer – das bin ich zuletzt im Oktober 2014 gelaufen. Herausfordernd für mich. Aber es war richtig so: Denn die Zeit, die man am Anfang verliert, holt man nie mehr auf.

9. Sich was trauen.

Auch wenn man anfangs denkt: Hui, so schnell laufen kann ich doch gar nicht. Man kann. Der Körper pendelt sich auf das Tempo ein. Sich ruhig was trauen. Der Körper meldet sich schon, wenn es gar nicht geht.

10. Kribbeln genieĂźen.

Training nervt, Training ist langweilig – und ich bin immer viel, viel langsamer. Wettkampf ist anders: Schon am Start ist da dieses Kribbeln, bei dem ich weiß: Heute wird ein guter Tag.

11. Nicht zu viel trinken.

Es war verdammt warm bei diesem Halbmarathon-Rennen. Da muss man trinken, keine Frage. An meiner Trink-Run-Balance muss ich allerdings noch feilen. 21 Kilometer mit drĂĽckender Blase zu laufen, ist kein SpaĂź. Deswegen nochmal: Nicht ĂĽbertreiben mit dem Trinken.

12. Laufen lassen.

Es gibt diesen Moment tatsächlich, wo sich die Beine von ganz allein bewegen. Wo der Kopf nichts mehr steuern muss. Wo es einfach läuft. Ist das schon Flow?

13. Ohne Zuschauer geht es nicht.

Ich kriege jetzt noch Gänsehaut, wenn ich an die vielen Menschen denke, die jubeln, trommeln, Plakate hochhalten. Jeder einzelne hat bewirkt, dass ich ein bisschen schneller gelaufen bin.

14. Freunde an der Strecke sind das allerbeste. 

Ich wusste, dass bei Kilometer 18 meine beste Freundin auf mich wartet. Bei jedem Schritt, der mir schwerfiel, dachte ich an sie. Halte durch bis Kilometer 18. Da wartet jemand. Dann geht alles viel leichter. 

15. Sich Zeit nehmen, Freunde zu umarmen.

Und tatsächlich. Bei Kilometer 18 lief ich direkt an ihr vorbei. Ich sah sie, umarmte sie. Das war furchtbar kitschig-dramatisch. Aber ganz ehrlich: Bei Kilometer 18 interessiert einen so etwas nicht mehr. Da ist man dankbar für jedes positive Gefühl.

16. Lächeln.

Ich zwang mich, permanent zu lächeln. Mein Körper stößt dann irgendwelche Stoffe aus, die mich glĂĽcklicher machen, habe ich mal gelesen. Und es stimmte. Wenn ich lächelte, fĂĽhlte ich mich besser. 

17. Sich freuen, egal welche Zeit es geworden ist.

Mein Anfangs-Tempo hielt ich nicht bis zum Schluss durch. Aber völlig egal. Ich bin mit 2:05:00 Stunden ins Ziel gekommen. Das entspricht genau 5:53 Minuten pro Kilometer. In meinem ganzen Training bin ich nie so weit und nie so schnell gelaufen.  

 

18. Auf dem Boden bleiben.

Die Tage danach fühlte ich mich dank einer Überdosis an Adrenalin und Endorphinen wie Superwoman. Ich war überzeugt, jetzt habe ich meinen sportlichen Durchbruch. Kurz dachte ich sogar über Triathlon nach. Ich ging ins Schwimmbad, doch zack bäm. Am nächsten Tag bekam ich eine fiese Erkältung.

19.  Der Körper ist geschwächter, als man denkt.

Der Muskelkater hielt sich bei mir in Grenzen. Trotzdem: Mein Körper ist Halbmarathon laufen nicht gewohnt. Deshalb ist er nach einer solchen Belastung anfälliger für Krankheiten.

20. Pause machen.

Genau aus diesem Grund muss man sich nach dem Wettkampf schonen. Auch wenn man denkt: Alles prima, ich bin doch fit. Man nennt das Regeneration.

21. Besserwisser ignorieren.

Mein Onkel Achim schrieb mir nach dem Rennen eine Nachricht: „Nicht dein Ernst, Kleene.“ Ich, völlig irritiert. „Hä? Was habe ich denn Schlimmes gemacht?“ Er: „Du hast fĂĽnf Minuten getrödelt.“  Sagt der Mann, der mal eine halbe Stunde fĂĽr zwei Kilometer gebraucht hat. Killerkrämpfe seien Schuld gewesen. Hätte er mal nicht getrödelt, dann wäre er unter vier Stunden beim Marathon geblieben

21, 095. Neue Pläne schmieden.

Ja, eigentlich wollte ich unter zwei Stunden bleiben. Aber diese fĂĽnf Minuten krieg ich schon in den Griff. Ist ja nicht mein letzter Halbmarathon gewesen.  ie Frage ist jetzt: Wo laufe ich als nächstes?

 

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