Anna Achilles

Anna Achilles: Das Laufen ist ein kleiner Diktator

Geschrieben von: Anna Achilles

Anna Achilles trainiert. Zum ersten Mal so richtig. Seit Monaten läuft sie mehrmals die Woche – und fühlt sich gut wie nie. Doch das Training hat auch einen Nachteil.

Etwas ist anders als sonst. In wenigen Wochen laufe ich Halbmarathon. Darauf trainiere ich gerade. Aber das ist es nicht. Schon öfters habe ich mich in Volksläufen über die Strecke gescheucht. 10-Kilometer, Staffel-Läufe, Halbmarathon – alles schon mitgemacht.

Bloß noch nie, noch nie in meinem ganzen Leben, habe ich das Training so konsequent durchgezogen wie gerade. Ich bin zum Laufstreber geworden. Wie konnte das passieren?

Sonst predige ich immer: Laufen soll Entspannung sein, kein zusätzlicher Stress. Ich dagegen habe das Laufen zu meiner Priorität 1 erkoren. Seit Monaten laufe ich regelmäßig. Erst zwei Mal die Woche, jetzt drei. Den ganzen Winter durch, bei Minusgraden, in tiefster Dunkelheit.

Ich weiß nicht, warum ich angefangen habe, diesen Ehrgeiz zu entwickeln. Wegen des Ziels Halbmarathon unter zwei Stunden? Früher hat mich das auch nicht davon abgehalten, nicht zu trainieren.
Vermutlich liegt es an den Fortschritten. Ich merke, dass das Training tatsächlich etwas bringt.

Ich laufe schneller, weiter, ausdauernder, weniger keuchend, mit weniger Gesichtsverfärbung – und fühle mich super. Meine Lauf-Uhr bestätigt mich. Sie zeigt mir Zeiten, die ich nie für möglich gehalten hätte.

Das beflügelt. Ich sehe die magische Zwei-Stunden-Marke näherkommen. Ich sehe mich, über die Ziellinie laufend, jubelnd. Das treibt mich an. Jetzt will ich es wirklich wissen.

Und schwuppdiwupp hat die Lauferei sich meinen Terminkalender gekrallt. Jeden Dienstag, Donnerstag und das Wochenende. Drei Tage der Woche sind mit Training besetzt. Dabei wollte ich ja nie eine von denen werden, die ihr Leben dem Laufen unterordnen.

Was ist mit den vielen anderen schönen Sportarten? Oder Hobbys? Oder Freunde treffen? Ich komme zu nichts mehr. Das Laufen ist ein kleiner Diktator. Lässt niemanden neben sich zu.

Am Samstag, Partyeinladung. Ich brauche unbedingt eine Strategie, um nicht aufzufallen, wenn ich Apfelsaftschorle trinke. Jahaaa, schon klar. Samstagabend. Prime Time. Da trinkt man keine SAFTSCHORLE. Das dürfen nur Schwangere.

Ich sehe schon die Blicke der anderen Partygäste. Aha, die wieder, mit ihrer komischen Lauferei. Aber mit Restalkohol im Blut 17 Kilometer am nächsten Tag laufen? Wenn der Kopf Matsch ist und die Beine schwer?

"Prioritäten setzen, Anna!", ruft die Lauferei. Es ist leider wahr. Man kann nicht alles haben. Kinobesuche, Wanderausflüge, Musik spielen – muss nun eben zurückstecken. Freunde können mich nur treffen, wenn sie mit mir laufen gehen.

Juhu, denke ich, wie schön. Wenigstens etwas. Aber schon ruft die Lauferei wieder mit warnendem Unterton:„ Annalein, wir sind hier nicht zum Ratschen. Du sollst trainieren.“ Och menno, jetzt kann ich nicht mal mehr mit Freunden laufen, wenn sie langsamer sind als ich.

Nur Leute, die mich ziehen können, sind erlaubt. Die mich quälen. Damit ich leide. Damit ich schneller werde. Jetzt ist die Lauferei auch noch diskriminierend.

Einmal mit dem Training angefangen ist es wie ein Sog. Ich stecke drin und komme nicht mehr raus. Ich trinke weniger als Alkohol als sonst, achte mehr auf gesunde Ernährung. Wenn ich mal nicht laufe, regeneriere ich. Dehnen, Waden massieren, auf der Fazienrolle rumrollen.

Jede Sekunde wird optimal genutzt. Nächste Woche will ich sogar üben, wie man während des Laufens trinkt. Damit ich beim Halbmarathon nicht unnötig Zeit vergeude, weil ich stehenbleibe.
Haben Sie so etwas albernes schon einmal gehört? Ja, es hat sich etwas geändert.

Zum ersten Mal in meinem Leben laufe ich nicht nur so, sondern: Ich trainiere. Ich bin zum Laufnerd geworden. Ich kann Sie nur warnen: Fangen Sie am besten nie mit dem Laufen an.

 

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