Anna Achilles

Anna Achilles: Der Feind in meinem Körper

Geschrieben von: Anna Achilles

Anna Achilles wollte in Berlin Halbmarathon unter zwei Stunden laufen. DafĂŒr trainierte sie monatelang. Doch am Morgen des Wettkampftags erlebt sie eine unangenehme Überraschung. Protokoll eines 21 kilometerlangen Leidens.

Wettkampftag, 7 Uhr

Beim Aufwachen spĂŒre ich ein Ziehen im Bauch. Ich renne aufs Klo. Nein, bitte nicht. Ich möchte schreien, heulen, die BadezimmertĂŒr eintreten. Ich habe meine Tage bekommen. FrĂŒher als erwartet. Ausgerechnet heute, wo ich Großes vorhabe. Halbmarathon unter zwei Stunden. 

Monatelang habe ich mich ins Training gestĂŒrzt fĂŒr diesen einzigen Tag. Und jetzt kommen mir meine Hormone in die Quere?

Mit Periode laufen, fĂŒhlt sich an, als wĂŒrde mir jemand mit dem Staubsauger den Schritt absaugen. Außerdem behaupten Studien, dass man wĂ€hrend der Periode weniger leistungsstark sei. Erst zum Eisprung hin kĂ€me die Energie zurĂŒck. Und das ausgerechnet heute, wo ich jedes Körnchen an Kraft brauche.

Kurz vor dem Start

Nervös trete ich im Startblock von einem Bein aufs andere. Isa, meine Freundin, will beruhigen. "Du bist super trainiert, wir schaffen das trotzdem." 5 Minuten, 40 Sekunden pro Kilometer wollen wir laufen. Dann steht am Ende die 1:59h. Klingt so einfach. Klappt aber nur, wenn alles nach Plan lÀuft.

Die LĂ€ufer um mich herum klatschen, machen Selfies, feiern sich. Ich dagegen zittere. ZĂŒnde einfach den inneren Kenianer in dir, wĂŒrde mein Onkel Achim Achilles jetzt sagen. Bloß wo in diesem mitteleuropĂ€isch-menstruierendem-Körper soll sich der bitte versteckt haben?

Startschuss

Ich laufe ĂŒber die Startmatte. Piepen. Signalton fĂŒr: Ab jetzt musst du verdammt schnell sein. Die Zuschauer an der Strecke johlen. Ich lĂ€chle. Noch.

Noch 18 Kilometer

Isa und ich schlĂ€ngeln uns an den anderen LĂ€ufern vorbei. Die Strecke ist fast so voll wie zu Stoßzeiten im Berufsverkehr. Unser Tempo fĂŒhlt sich gut an. Nur mich beunruhigt der leichte Druck auf meiner Blase. Wo kommt der her? Ich war doch erst kurz vor dem Start.

Noch 14 Kilometer

Das Tempo stimmt noch immer. Bloß meine Energiereserven rufen schon jetzt: „Bitte aufladen.“ Blase hĂ€lt noch. Aber nur, weil ich mit eingekniffenem Beckenboden laufe.

Noch 12 Kilometer

Meine Blase, kurz vor der Explosion. Meine Gedanken, gefangen in einem Ping-Pong-Spiel. Wo ist das nÀchste Dixie? Soll ich wirklich anhalten? Dann schaffe ich die 1:59h niemals. Aber habe ich eine Wahl?

Noch 8 Kilometer

Dixie-Stopp.

Noch 6 Kilometer

Mir rennt die Zeit davon. Mein ganzer Körper ist schlaff wie ein Sack. Das hier ist kein Laufen mehr, sondern nur noch Leiden. "Anna, bleib bei mir", ruft Isa. Ein Krankenwagen fĂ€hrt vorbei. Ist der fĂŒr mich? Ich starre ihm hinterher. Und plötzlich ist Isa weg. Ich gucke nach links, nach rechts, hinter mich, vor mich. Aber da keuchen nur andere LĂ€ufer. Keine Isa. Ich möchte mich an den nĂ€chsten Straßenrand legen und weinen.

Noch 5 Kilometer

Wenige Meter vor mir erblicke ich drei bekannte Gesichter. Sie brĂŒllen "Anna, Anna." Ist das eine Fata Morgana? Nein, es sind meine Freunde. Sie halten ein Plakat hoch. "You’re too late". Du bist spĂ€t dran. Meine Freundin schaut besorgt. "Geht’s dir gut?" Ich krĂ€chze unverstĂ€ndliche Laute, schleppe mich weiter. Die Zeit habe ich abgeschrieben. Es geht nur noch ums Überleben.

EntzĂŒckend, wie meine Freunde an der Strecke an mich glauben. 😘 @__jozy__ #bestesplakatever #berlinhalf

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Noch 1 Kilometer

Ein finales AufbĂ€umen, wie in Hollywood, wenn der Held kurz vor seinem Tod alles um sich herum niederwalzt. Ich spĂŒre das Ziel. Ich sprinte zur Ziellinie. Ist das der innere Kenianer? Wenn ja, dann kommt er verdammt spĂ€t.

Ziel

Taumelnd falle ich einem SanitÀter in die Arme. Alles dreht sich. Ich finde mich im Notarzt-Zelt wieder. Kreislaufkollaps. Ich bin am Ende. Körperlich. Mental.

Eine halbe Stunde spÀter

Ich lebe wieder und google die offiziellen Rennergebnisse. FĂŒhlt sich an wie in einem Thriller. Ich kann kaum hingucken. Dann sehe ich es: Zwei Stunden, vier Minuten, drei Sekunden. Ich möchte mich in Luft auflösen. Vergangenes Jahr war ich zu diesem Zeitpunkt vollgepumpt mit Endorphinen.

Heute könnte ich einfach nur weinen. Monatelanges Training fĂŒr nichts.

 

Eine Woche spÀter

Ich spreche mit dem Sportmediziner, JĂŒrgen Weineck. Ich will wissen, warum ich so versagt habe. Lag es wirklich an der Periode? Profi-Sportlerinnen reden sich ja auch nicht damit raus, wenn es mal nicht so lief. Aber Weineck widerspricht.

HobbylĂ€uferinnen wĂŒrden bei einem Wettkampf viel mehr unter der Menstruation leiden als Profis. Im Gegensatz zu ihnen, die jeden Tag, den kompletten Zyklus hindurch trainieren, seien Gesundheitssportlerinnen nicht daran gewohnt und wĂŒrden deshalb Leistungseinbußen erleiden. Ich gelte jetzt also offiziell als Opfer meines Hormonzyklus. Ändern tut es trotzdem nichts. Die Zeit ist futsch.

Bleibt nur eine Lösung. Weiterlaufen. Dann bin ich nĂ€chstes Mal so gut trainiert, dass ich meinen Körper trotz schlechter Zyklusphase einfach ĂŒberliste.

 

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