Canicross: Wenn Hunde LĂ€ufer an die Leine nehmen

Geschrieben von: Dagmar Wienke
Canicross

Mit dem Hund Gassi gehen kennt jeder. Beim Canicross aber ziehen Hunde den LĂ€ufer an einer Leine ĂŒber den GelĂ€nde-Parcours. Was ist Canicross? Dagmar Wienke, Autorin vom RUNNING – das Magazin, erklĂ€rt es.

Sport verbindet. Und manchmal kann das auch wörtlich genommen werden. Zwei Meter lang ist die Leine, die beim Canicross jeweils zwei Mitglieder eines Teams unzertrennlich macht. Die Rollen sind dabei klar verteilt: FĂŒhren darf nur der Hund. Der Zweibeiner hat zu folgen.

Running Magazin CoverRUNNING – Das Laufmagazin erscheint einmal im Monat. Schwerpunktthema der Ausgabe Januar/ Februar ist der MARATHON. Außerdem gibt es Tests zu LAUFSCHUHEN und LAUFJACKEN sowie eine Geschichten zu FETTVEBRENNUNG und CANICROSS. Auch Achim Achilles ist in dieser Ausgabe wieder als Kolumnist vertreten. Das Heft kostet 3,90 Euro und gibt es am Kiosk oder hier zu bestellen.

Beim 1. Canicross Nettetal Run, im Oktober 2012, im Naturschutzgebiet Schwalm-Nette, waren Joachim Arndt und sein Husky-Mix Mori, 5, nicht die einzigen DebĂŒtanten. Doch hatte der 52-JĂ€hrige wohl die weiteste Anreise. Gut drei Stunden Fahrt nahm der Hannoveraner in Kauf, um mit seiner Trainingspartnerin endlich zusammen einen Wettkampf bestreiten zu können. Seit zwei Jahren laufen die beiden gemeinsam die abendliche Runde, doch an VolkslĂ€ufen musste der Prokurist bisher immer alleine teilnehmen. Bis er auf den Crosslauf in Nettetal stieß.

Insgesamt 71 aktive Zwei- und Vierbeiner fanden den Weg ins Rheinland. Da traf Schlittenhundewelt auf Hundesportwelt auf LĂ€uferwelt. Schnittpunkt: Der Hund. Gestartet wird beim Canicross als Team: ein Hund und ein LĂ€ufer, und das im Minutentakt. Der Hund vorneweg, dahinter an einer zwei Meter langen, elastischen Leine der LĂ€ufer/in. Es ging ĂŒber eine 5,8 km lange Crossstrecke, die es in sich hatte. Bergauf- und Bergab-Passagen – selten war es flach –, kleinere Hindernisse, unebener Boden, Wurzeln, eine Weide mit kniehohem, saftigem Gras. Bei so manch Zwei- oder Vierbeiner hing da schon mal die Zunge am Boden. Was das Naturerlebnis betraf: Einmalig. Naturschutzgebiet eben.

Canicross: Deutschland ist Entwicklungsland

Obwohl Canicross hierzulande nahezu unbekannt, ist es keine neumodische Erfindung. Schon seit 34 Jahren gibt es diesen Sport. (siehe Kasten). Meistens integriert in Hundeschlittenveranstaltungen, deshalb unter LÀufer eher unbekannt, zumal Deutschland in dieser Hinsicht Entwicklungsland ist. WÀhrend in den europÀischen NachbarlÀndern, allen voran Belgien und den Niederlanden, im Herbst fast an jedem Wochenende eine Veranstaltung stattfindet, ist der Canicross in Nettetal erst die dritte seiner Art in Deutschland.

Der Canicross-Mangel war wohl auch der Grund, warum Herbert Thinnes, Profi-HundeschlittenfĂŒhrer (Musher) großen Bedarf sah. Thinnes, der in Nettetal zu Hause ist, liegt viel daran, den Sport ĂŒber die Grenzen der Schlittenhundewelt hinaus zu fĂŒhren. Mit Ingo Babbel, Breitensporttrainer und Mitglied im Schlittenhundesportverein MĂŒnsterland e.V., konnte der 62-JĂ€hrige jemanden fĂŒr diese Veranstaltung gewinnen, der ebenso wie er, vom Potential des Canicross ĂŒberzeugt ist.

Babbel suchte Sponsoren, plante die Strecke in Nettetal, organisierte die Veranstaltung und stellte zudem ein eigenes Team zusammen. Sein doglove-racing-Team umfasst 10 (ambitionierte) LĂ€ufer und (Weltklasse-)Schlittenhunde. Alle Zweibeiner rekrutierte der 40-jĂ€hrige Viersener aus der Laufszene, die Hunde stellt Thinnes. Der Canicross in Nettetal war fĂŒr sein Team, das erster in der Teamwertung wurde, aber nur ein Testlauf. Am 13./14. Oktober 2012 ging es zur Canicross-EM nach Cirencester/England. Dort belegten sie den den 5. Rang sowohl mit der Damen- als auch mit der MĂ€nnerstaffel. Beste Einzelplatzierung des doglove-racing Teams mit Rang 8 erreichte Nina Windhausen in der Altersklasse 19-39 Jahre.

Auch fĂŒr Königspudel und Cockerspaniel können mitlaufen

Trotz des eigenen ambitionierten Anspruchs betonen Babbel und der Thinnes immer wieder den Breitensportcharakter der Veranstaltung, sowohl was Hunde, als auch die LĂ€ufer betrifft. „Auch wenn der Sport aus dem Schlittenhunderennen kommt, ist unsere Veranstaltung fĂŒr jede lauffreudige Hunderasse geeignet“, so Thinnes. Das versichert auch der Dritte im Bunde, der Hundetrainer Hubertus Busch von der doglove-Hundeschule: „Auf die Schulterhöhe kommt es gar nicht so sehr an. Hauptsache der Hund ist lauffreudig. Ein Königspudel oder ein Cockerspaniel können hier genauso teilnehmen.“ Und Babbel sieht sich mit den Konzept, den Fokus auf den Breitensport zu legen, durch die Hundebesitzer, die zum ersten Mal einen Wettkampf bestreiten, bestĂ€tigt.

Und in der Tat kommt an diesem Herbsttag eine bunte Vielfalt zusammen. Der Weezer Bedarfshundesportverein kommt mit einem Flandrischen Treibhund, dem Bouvier, einem Chesapeake Bay Retriever und Joey, einem neun Jahre alten niedlichen Terrier-Mix, angereist. Der kleine Joey bestĂ€tigte dann auch Hubertus Busch. Er war im Ziel so quirlig wie beim Start, hatte Spaß und brauchte sich hinter den Profi-Schlittenhunden, den Alaskan Hounds von Thinnes, nicht zu verstecken.

Hounds, die Kenianer unter den Hundesportlern

Hounds, diese schlanken Kurzhaarhunde sind quasi die Kenianer unter den Hunden. Dementsprechend achtet Thinnes bei seinen Hunden, wie bei Leistungssportlern ĂŒblich, auf die ErnĂ€hrung. Im Prinzip unterscheidet sich da der Hundesportler vom Zweibein-Sportler nicht so sehr. So erklĂ€rt der Nettetaler: „Vor einem Wettkampf gebe ich meinen Hunden spĂ€testens vier Stunden etwas zu Fressen. Ich koche eine FleischbrĂŒhe mit nur ganz wenig kleinen Fleischbröckchen. So haben sie genug FlĂŒssigkeit zu sich genommen und der Magen wird nicht belastet. Außerdem vermeidet man so, dass sie ihr GeschĂ€ft wĂ€hrend des Rennens machen mĂŒssen.“

Nicht ganz so ausgefeilt ernÀhrt Eric Salzborn, 47, der zum doglove-team gehört und an diesem Tag mit seinem zweijÀhrigen Australien Shepard, Duncan, Dritter in der Hauptklasse wird. Aber auch er achtet darauf, dass sein Teamkollege hochwertiges Futter bekommt, das reich an Vitaminen und NÀhrstoffen ist und richtiges Fleisch enthÀlt.

Was die StressanfĂ€lligkeit betrifft, so sind die Vierbeiner aber wesentlich empfindlicher als der Mensch. Das fĂ€ngt bei der Anreise schon an. So nahmen Babbel und sein Team, anstatt das Flugzeug, die FĂ€hre nach England zur EM. „Wir achten darauf, dass wir den Tieren so wenig Stress wie möglich zumuten. Wir haben lang recherchiert und mit der DFDS Seeways fanden wir eine FĂ€hrgesellschaft, die uns garantieren konnte, dass die Hunde auf dem Schiff Auslauf haben und tiergerechte Bedingungen vorfinden“, erlĂ€utert Babbel den Grund, warum sie die lĂ€ngere Anfahrt in Kauf nahmen.

„Der Hund fordert und wird gefordert“

Aber was ist das besondere am Canicross? Nina Windhausen ist ambitionierte LĂ€uferin und Canicross-Neuling. Sie gehört ebenfalls zum doglove-team und war sofort begeistert, nachdem sie das erste Mal mit Wuschi, Leithund aus Thinnes Schlittenhunde-Gespann, gelaufen ist: „Man baut eine besondere Verbindung mit dem Tier auf. Der Hund fĂŒhrt an und als LĂ€ufer gebe ich ein StĂŒck weit Kontrolle ĂŒber meinen Lauf ab. Anderseits muss ich hellwach sein, weil wir im unwegsamen GelĂ€nde laufen. Man lĂ€uft mit einem gleichberechtigten Partner,“ erzĂ€hlt die 31-JĂ€hrige. Anfangs hatte die erfahrene LĂ€uferin krĂ€ftigen Muskelkater.

Der gut trainierte Hund zieht den LĂ€ufer – ca. 4 km/h schneller als gewöhnlich lĂ€uft man mit Hund –, und dadurch wird der Laufschritt lĂ€nger. Die Oberschenkelmuskulatur wird vermehrt beansprucht. Außerdem sind Bauch- und RĂŒckenmuskulatur gefordert, denn die Leine wird an einem Geschirr, Ă€hnlich einem Klettergurt, eingehakt, der auf den Lenden sitzt. „Wichtig ist, dass der Hund immer Zug verspĂŒrt. Der Hund merkt sofort, wenn man das Tempo nicht mehr halten kann. Dann wird der Zug stĂ€rker und der Hund reduziert die Geschwindigkeit. Der Hund fordert einen und gleichzeitig wird der Hund gefordert“, erklĂ€rt die 31-JĂ€hrige Viersenerin.

Jeder Hund kann Canicross lernen

Gut ausgebildete Hunde lassen sich beim Laufen nicht ablenken, sondern fokussieren sich auf die Strecke und den Lauf. Dann wird der Canicross fĂŒr Hund und LĂ€ufer erst recht zum VergnĂŒgen. Die Kommandos an den Hund sind kurz: Rechts, links, zieh, weiter 
! Mehr Worte sind bei Wettkampfbedingungen fĂŒr den LĂ€ufer sowieso nicht drin. Hubertus Busch erklĂ€rt dazu: „Das richtige Ziehen kann man einem Hund beibringen, so dass er beim Laufen nicht stehenbleibt und schnĂŒffelt oder sich durch andere Hunde ablenken lĂ€sst. Hunde lieben das Jagen und das machen wir uns bei unserem Canicross-Training zunutze“, und er fĂŒgt hinzu, „Canicross ist eine perfekte Grundschule fĂŒr den Hund und macht aus ihm einen ebenbĂŒrtigen Sportskameraden, und das tut Tier und Mensch gut.“ Joachim Arndt und Mori wĂŒnschen sich auf jeden Fall viel mehr Canicross-Veranstaltungen in Deutschland. Nettetal war hoffentlich nur der Anfang.

Infos zum Sport Canicross

Canicross (Canus, lat.=Hund) wurde von Tiermedizin-Studenten unter Leitung von Gilles Pernoud 1988 in Frankreich entwickelt. Thema ihrer Arbeit: Die Fitness und Schnelligkeit von Hunden und ihren Menschen unter Beweis stellen.

Es gibt drei Formen von Canicross:

  • Canicross-Lauf – der HundefĂŒhrer (Musher) rennt hinter dem Hund. Ø Geschwindigkeit 16 km/h.
  • Bikejöring – ein 2,5 m langes Gummiseil verbindet den Hund mit dem Mountainbike oder dem Scooter, einen speziellem Roller. Ø Geschwindigkeit 32 km/h.
  • Skijöring – der LĂ€ufer folgt auf Skier seinem Begleithund. Ø Geschwindigkeit 24 km/h.

Bei WettkĂ€mpfen erfolgt der Start entweder als Massenstart wie bei der EM, oder als Einzelstart im Minutentakt. Es gibt beim Canicross – im Gegensatz zu anderen Hundesportarten – keine Leistungsklassen. Die Einteilung erfolgt nach Alter und Geschlecht.

Der Hund sollte gesund und mindestens 1 bis 1 œ Jahre alt sein. (Profi-Schlittenhunde fangen schon mit 3-4 Monaten an.)

Die Wegmarkierung ist so simpel wie genial. Laufveranstalter könne sich da was abgucken: Ein rotes Schild links am Wegrand= dahinter links abbiegen; rotes Schild rechts = dahinter rechts abbiegen; blaues Schild = man ist auf dem richtigen Weg; gelbes Schild = Gefahrenstelle

Canicross-AusrĂŒstung:

  • vorzugsweise Trailschuhe und einen HĂŒftgurt
  • Eine Leine von maximal 2 Metern LĂ€nge (mit Panikhaken)
  • Ein spezielles Laufgeschirr fĂŒr den Hund, das dem Hund die Luft zum Atmen nicht nimmt.
  • Wasser fĂŒr den Hund nach dem Lauf
  • Laufstrecken und Bedingungen:
  • Grasböden und Waldböden sind am besten fĂŒr die empfindlichen Pfoten geeignet
  • Hunde sind hitzeempfindlicher als Menschen, da sie keine SchweißdrĂŒsen haben. Deshalb gilt: je höher die Temperaturen, desto weniger sollte man mit dem Hund laufen. Canicross-Wettbewerbe finden deshalb auch nicht im Sommer statt.

 

AusrĂŒstung:

www.simply-outside-shop.de

Viola Hummel, Nach der Engelhecke 10, 63699 Hitzkirchen

Tel.: 0170 7328676, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschĂŒtzt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

Veranstalter Cranicross Nettetal:

Herbert Thinnes, Ingo Babbel, Tel: 0171 8804933

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschĂŒtzt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, www.canicross-nrw.de

 

Canicross-Termine unter: www.sleddogrevue.de/Hundesport-Termine.phtml