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Laufen mit Flüchtlingen: Man muss kleine Schritte machen

Sport verbindet. Wie das geht, zeigt ein privates Mini-Projekt in Viersen. Dort geht eine deutsche Laufgruppe mit afrikanischen Asylbewerbern trainieren und laufen. Ein Gespräch über Berührungsängste, Marathontraining und kleine Schritte.

Achim-Achilles.de: Herr Scharré, wie kamen Sie auf die Idee, Asylbewerber mit auf Ihre Laufrunden zu nehmen?

Frank Scharré: Unsere Laufgruppe läuft mehrmals die Woche an den Asyl-Containern im Gewerbegebiet vorbei. Wir waren neugierig und wollten unsere Unterstützung signalisieren. Das war zu der Zeit, als Pegida gerade groß in den Medien war. Wir fanden das unerträglich. Da kam uns die Idee, mal in der Asylbewerberunterkunft zu fragen, ob nicht jemand Lust hat mitzulaufen.

Wie kam das Angebot bei den Asylbewerbern an?

Zum ersten Lauftreff-Termin erschien niemand. Obwohl wir mehrsprachige Aushänge gemacht und einige Leute auch Interesse bekundet hatten.

Sie haben sich aber nicht entmutigen lassen.

Nein, Berührungsängste sind doch normal – auf beiden Seiten. Wir hatten es sogar etwas schwieriger, weil wir Leute ansprechen mussten. Die Reaktionen waren reserviert. Die haben uns beäugt und sich gefragt: Was machen die hier? Die konnten nicht glauben, dass wir einfach nur laufen wollten. Im Nachhinein haben wir durch Zufall erfahren, dass das Gerücht rumging, wir wären von der Polizei.

Wie haben Sie die Leute überzeugt?

Wir haben immer wieder nachgehakt. Und dann haben wir gebrauchte Laufklamotten und vernünftige Laufschuhe besorgt. Damit haben wir sie geködert (lacht).

Wie lief der erste gemeinsame Lauf ab? Man läuft schweigend nebeneinander her?

Tatsächlich ist die Verständigung ein Problem. Das hatten wir uns einfacher vorgestellt. Die Asylbewerber kommen aus Somalia, Eritrea und Westafrika und können kaum Englisch oder Französisch. Wir unterhalten uns mit Händen und Füßen, versuchen während des Laufens Deutsch zu reden und zeigen: "Fluss", "Wald", "Baum".
Aber es geht gar nicht so sehr ums Laufen. Das war nur der Türöffner. Es geht um die kleinen alltäglichen Dinge: Da braucht jemand ein Fahrradschloss – wir besorgen eins. Jemand muss irgendwo hin – wir nehmen ihn mit dem Auto mit. Jemand hatte eine Fußverletzung –  einer aus unserer Laufgruppe ist Arzt und hat ihn behandelt.

Wie schätzen Sie den gesundheitlichen Zustand der Afrikaner ein. Können sie beim Laufen mithalten?

Die Jungs sind fast alle unter 25. Sehr jung. Wir sind alle deutlich älter. Ich bin 50. Sie spielen Fußball und machen Bodybuliding. Die sind fit. Wir laufen mit denen fünf bis zehn Kilometer, das ist kein Problem. Wir haben einen aus Eritrea, der könnte mit zehn Wochen Training Marathon in drei Stunden laufen. Den scheint das gar nicht anzustrengen, was wir da machen.

Haben Sie das Gefühl, dass das Laufen den Afrikaner auch psychisch gut tut?

Das kann ich schlecht einschätzen. Dazu können wir uns zu nicht gut genug unterhalten. Alle, die wir kennen, haben einen langen, schwierigen Weg hinter sich. Mein Eindruck ist, dass sie froh und erleichtert sind, es überhaupt bis hierhin geschafft zu haben.
Da ist es nicht so schlimm, wenn die Unterkunft nicht super toll ist. Ich würde auch gerne mehr wissen wollen – aber nicht alle geben gleich Auskunft über sich. Wir lernen uns gerade erst kennen. Das braucht Zeit.

Was ist Ihr Tipp für Nachahmer?

Die Stadtverwaltung mit einbeziehen, den Hausmeister vor Ort fragen, beharrlich sein. Man darf nicht vergessen: Das sind junge Leute. Die haben Mädchen und Party im Kopf, wie wir früher auch. Die warten nicht unbedingt darauf, mit alten Männern eine Runde zu joggen. Wichtig ist, ausdauernd zu bleiben und nicht beleidigt zu sein, wenn die nicht auf die Minute pünktlich erscheinen. Es ist wie beim Laufen: Man muss kleine Schritte machen.

 

Zur Person: Frank Scharré, Touristiker, 50, ist ein Mitglied der fünfköpfigen Laufgruppe "Süchtelner Nachtläufer" aus Süchteln/ Viersen. Der Lauftreff geht regelmäßig mit Asylbewerbern laufen.

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