Sport als Integrationshilfe: "Die Menschen sind viel offener, als ich gedacht hatte"

Geschrieben von: Ellen-Jane Austin
Basheer Alzaalan ist vor rund zehn Monaten aus Syrien geflohen. Seine Familie lie├č er zur├╝ck. Im Interview spricht der 29-J├Ąhrige ├╝ber Heimat, Herkunft und dar├╝ber, wie Sport ihm beim Deutschlernen geholfen hat.
 
Achim-Achilles.de: Herr Alzaalan, Sie sind mit einem Staffel-Team aus Fl├╝chtlingen und Deutschen beim diesj├Ąhrigen M├╝nchen-Marathon gestartet. Wie war's?

Basheer Alzaalan: Super! Ich bin die rund elf Kilometer in 50:30 Minuten gelaufen.

Das ist ein ordentliches Ergebnis.

Ich wollte unbedingt eine gute Zeit laufen, das war mir wichtig. Das Tempo habe ich am Tag danach gesp├╝rt. Ich hatte starken Muskelkater. Aber das war es wert. Der Lauf war eine sehr gute Erfahrung. Ich hatte viel Spa├č dabei, die vielen fr├Âhlichen Menschen entlang der Strecke zu sehen.

Warum sind Sie mitgelaufen?

Ich engagiere mich seit drei Monaten bei der Hilfsorganisation CARE als ehrenamtlicher Helfer. Das ist viel besser als nur zu Hause zu sitzen. Das Team erz├Ąhlte mir, dass ich durch den Marathon mehr Aufmerksamkeit auf die Probleme in Krisenl├Ąndern wie meiner Heimat lenken k├Ânnte. Da wollte ich mitmachen. Ich will Menschen helfen, die in Not sind und im Krieg leben m├╝ssen. Ich will sie unterst├╝tzen und ihnen etwas von meiner Zeit spenden.

Mehr und mehr Fl├╝chtlinge kommen nach Deutschland, auch aus ihrem Heimatland Syrien. Wie f├╝hlt sich das f├╝r Sie an?

Eigentlich ist es ein gutes Gef├╝hl. Ich bin froh, dass viele die Chance haben, hier ein besseres und sichereres Leben zu f├╝hren, so wie ich. Aber es ist auch eine gro├če Herausforderung f├╝r die deutsche Regierung. Zwar sind schon viele Menschen hergekommen, aber es brauchen noch viel mehr Hilfe.

Sie leben seit zehn Monaten in Deutschland. Warum sind Sie geflohen?

Es ist sehr schwer, in Syrien zu leben. Es gibt keine Sicherheit mehr. Jeden Tag wird bombadiert. Ich habe so viele von meinen Bekannten und Freunden verloren. Sie wurden get├Âtet - wie so viele Menschen. Au├čerdem gibt es seit vier Jahren kaum Strom und flie├čendes Wasser in meiner Stadt, nicht mal mehr Krankenh├Ąuser.

Sind Sie allein gekommen?

Ich bin mit meinem Bruder und zwei Freunden geflohen. Ich wollte meine Familie mitbringen, aber das ging nicht. F├╝r meine Kinder und meine schwangere Frau w├Ąre es zu gef├Ąhrlich gewesen. Wir waren 18 Tage unterwegs.

Sie haben Ihre Familie zur├╝ckgelassen?

Ich hatte keine Wahl. Um uns eine sichere Zukunft zu erm├Âglichen, musste ich vorgehen. Ich habe zwei T├Âchter, 3 und 5, und seit Kurzem einen Sohn. Ich ├╝berlege jeden Tag, wie ich sie herholen kann. Wir versuchen eine Ausreise f├╝r sie zu organisieren, was mit sehr viel B├╝rokratie in Syrien verbunden ist. Das dauert sehr lange und ist ziemlich nervenaufreibend.

Sie haben Ihren Sohn noch nie in den Armen gehalten. Wie ist das Leben f├╝r Ihre Familie in der Heimat?

Sie leben bei meinen Eltern in Deir ez-Zor, einer Stadt im Osten Syriens, nahe der irakischen Grenze. Wenn es dort gerade Internet gibt, rufen sie mich an.

Haben Sie starkes Heimweh?

Nein. Ich denke aber viel an die Menschen, die ich verloren habe, und auch an die, die nicht fliehen konnten. Einige haben ihre ganze Familie verloren. Sie wollen nicht mehr leben. Jeden Tag sehe ich Meldungen auf Facebook, dass noch mehr Menschen gestorben sind und die Bombardierungen immer weiter gehen. Ich hoffe, dass der Krieg eines Tages endet, doch die Situation ist so kompliziert. Syrien bleibt meine Heimat, aber mein Zuhause ist jetzt hier. Deutschland ist ein gutes, sicheres Land. Ich f├╝hle mich wohl.

Haben Sie denn Kontakt mit Deutschen oder prim├Ąr mit anderen Fl├╝chtlingen?

Ich gehe Laufen und spiele Fu├čball. Dadurch habe ich viele Deutsche kennengelernt.

Also stimmt das Klischee, dass Sport bei der Integration hilft.

In Syrien hat Sport f├╝r mich keine Rolle gespielt. Das war ein Leben in st├Ąndiger Unsicherheit. Hier ist Sport sehr wichtig f├╝r mich geworden. Ich laufe nicht nur, ich spiele Fu├čball im Verein, beim TuS 07 Oberlar in Troisdorf. Wir trainieren zwei Mal die Woche, es macht wirklich viel Spa├č, die Leute sind nett, und es hilft mir bei meinem Deutsch. Die Sprache zu lernen, ist das Wichtigste. Das sage ich auch all meinen Freunden, die mich fragen, was sie tun m├╝ssen, um in Deutschland leben zu k├Ânnen. Ohne Sprache kannst du nichts machen.

Entspricht Deutschland Ihren Erwartungen?

Ich war ├╝berrascht. Die Menschen sind viel offener, als ich gedacht hatte. In Deutschland sind alle gleich, egal ob du Fl├╝chtling oder Deutscher bist. Das ist ein gutes Gef├╝hl. In Syrien l├Ąuft es anders. In B├╝rgerkriegsregionen spielt Herkunft eine gro├če Rolle.

Wie geht's jetzt weiter?

Ich will arbeiten. Egal was. Im November mache ich ein Praktikum bei Care. Wir werden deutsche Schulen besuchen, in denen ich als Augenzeuge berichten werde, wie das Leben in Kriegsregionen aussieht. Ich hoffe, ich kann aufkl├Ąren - und bald meine Familie hierherholen. Wer wei├č, vielleicht habe ich irgendwann die Chance, weiter englische Literatur zu studieren. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg.

Zur Person:
Basheer Alzaalan
Basheer Alzaalan (29) ist dreifacher Familienvater, hat englische Literatur studiert und sechs Jahre lang in Syrien als Englischlehrer gearbeitet. Jetzt ist er Fl├╝chtling und lebt und l├Ąuft in Deutschland. Das Interview hat er auf Deutsch gef├╝hrt. (Foto: CARE)